Whispers In The Shadow – The Rites Of Passage

Der Ritus des Mondes

Vor 19 Jahren fing alles mit einem Vierspur-Taperecorder an. Ashley Dayour verlieh seiner künstlerischen Vision nach zahlreichen weniger befriedigenden Banderfahrungen Ausdruck und schuf damit die ersten Töne von Whispers In The Shadow. „The Rites Of Passage“ wird sein dreizehntes Werk sein und damit unter einem magischen Stern stehen – passend zu seiner okkulten Orientierung.

Zählt man nämlich alle Veröffentlichungen der Österreicher zusammen, erhält man als Ergebnis nicht nur die 13, das Album erscheint auch an einem 13. April, und dieses Datum des Jahres 2012 ergibt wiederum eine Quersumme von 13. Kein Zufall, sondern ein bewusste Anordnung, so wie alles im Kosmos der okkulten Goth-Rocker.

Auch „The Rites Of Passage“ ist Teil eines größeren Ganzen, ein Mikrokosmos in einem makroskopischen Gefüge. 2008 wagten Whispers In The Shadow nach mehrjährigen Schwierigkeiten bei der Besetzung und einer Platte, die in Gänze nie das schummrige Licht der Welt erblickte, einen vollkommenen Neustart. Die Scheibe „Into The Arms Of Chaos“ nahm sich der hohen Kunst der Alchemie an und eröffnete damit einen vierteiligen Zyklus, der nunmehr mit „The Rites of Passage“ seinen dritten Part erfährt. „Die erste Platte behandelte die erste Stufe, die Prima Materia, das Chaos. 2010 folgte dann mit ‚The Eternal Arcane‘ der zweite Teil, die Weißung. Nun sind wir bei Citrinitas angekommen, der Gelbung“, führt Ashley aus. Das Gelb steht dabei sowohl für die frühe Morgenröte als auch für das fahle Gelb des Mondes oder das reinste aller Edelmetalle selbst, das Gold. Der Musiker möchte die Alchemie dabei in ihrer ursprünglichen Form verstanden wissen, nicht als wirrer Hokuspokus, bei dem es um die Gewinnung von Gold geht, sondern als naturmagische, philosophische Lehre von der Selbstvervollkommnung und -findung. „Nach vier Studioalben wollte ich nicht wieder einfach nur gute Songs schreiben, ich wollte mehr als nur Musik erschaffen“, reflektiert er ernst. „So habe ich nach einem Konzept gesucht, das mich anspricht und herausfordert. Für mich ist Alchemie oder eben Magie ein wichtiges und auch sehr persönliches Thema.“ Tatsächlich sind die Fans der Formation seinem Ruf gefolgt und haben sich häufig ernsthaft mit der Materie auseinandergesetzt und seine Texte hinterfragt – eine Gegebenheit, die den Goth-Rocker sichtlich erfreut. Allerdings, so winkt er locker ab, sei es für ihn auch kein Problem, wenn die Leute seine Lieder einzig und alleine wegen der Musik selbst hören würden.

Das Zeitalter des Krieges

„Nichts ist wahr, alles ist erlaubt“ ist das Credo unter dem die Zeilen zu Whispers In The Shadow entstehen. Tumbe Teilwahrheiten und blinde Propaganda sind bleiben außen vor. Ashley ist zu jeder Zeit bemüht, die Welt und ihre Geheimnisse von allen Seiten zu betrachten und somit ein Mosaik der Perspektiven zu bieten. In „Call To Arms“ thematisiert er ein Zeitalter des Krieges und geht damit weit über alchemistische Lehren hinaus: „Das bezieht sich auf eine Äonen-Lehre aus dem Hinduismus. Laut dieser befinden wir uns im sogenannten ‚Kali Yuga‘, dem Zeitalter des Krieges. Allerdings nicht erst seit dem 20. Jahrhundert. Auch der Song ‚Wormwood Star‘ befasst sich zum Teil mit diesem Thema, schafft eine Querverbindung zwischen dem fallenden Stern aus der Offenbarung des Johannes und der Atombombe, der finalen Waffe der Menschheit.“ Gegenwart und Vergangenheit, Okzident und Orient werden hier verwoben, um einen eigentümlichen Blick auf die Existenz zu werfen. Wohin die Reise geht, vermag der Flüsterer nicht zu sagen, aber er sieht die Menschheit an einem Scheideweg. Auf der Oberfläche scheint Frieden in Westeuropa zu herrschen, aber ist das wirklich so? Tobt nicht vielleicht längst ein andersartiger Krieg, verborgen vor einer trögen Masse? Eben solche Fragen sind es, die Whispers in The Shadow mit ihren Texten hervorrufen möchten. Dabei distanzieren sie sich bewusst von einer Rolle als Moralapostel oder Friedenspredigern. Sie sind findige Beobachter und geben diese auf reflektierte Weise in ihrer Musik weiter. „Ich bin überzeugt, dass jede Kunst eine Botschaft übermitteln will. Warum sollte die Kunst sonst überhaupt bestehen?“, hinterfragt Ashley nachdenklich. „Ein Künstler hat, meiner Meinung nach, einen Drang sich der Welt durch sein Schaffen mitzuteilen, seinen inneren Dialog mit der Welt auf irgendeine Art und Weise zu teilen. Somit gibt es immer eine Botschaft, egal ob die jetzt ‚Rettet die Wale‘ heißt oder ‚Ich bin dick und habe keine Freundin!‘ oder eben ‚This is the age of war‘.“

Die Apokalypse des Cthulhu

Seit jeher gehört der dräuend-düstere Cthulhu-Mythos, den H.P. Lovecraft im letzten Jahrhundert geschaffen hat, zu den Konstanten von Whispers In The Shadow –die Kurzgeschichte „Der Flüsterer im Dunkeln“ stand nicht umsonst Pate für den Bandnamen. Hochachtung liegt in der Luft, wenn Ashley von seinen ersten Berührungen mit Lovecrafts unheimlichen Erzählungen berichtet, Dinge, die ihn sehr geprägt und inspiriert haben. „Lovecraft beinhaltet ja mehr als nur ein paar Kurzgeschichten“, schwärmt er. „Sein Mythos ist sowohl ein funktionierendes magisches System, Popkultur und Literatur zugleich.“

So ist es nicht verwunderlich, dass auch seine siebte Studioscheibe von cthulhoidem Wahnsinn durchtränkt ist. In „The Tempest“ ist die Rede von einem alten, schlafenden Lord, der unter dem Meer ruht. Es gibt zusammenstürzende Sterne und doch steht am Ende eine Ehrung an Luzifer. Nicht nur von der Textseite her, nimmt dieses Stück einen Sonderposten auf der Scheibe ein, auch klanglich beschreitet das Lied Neuland. „Es ist etwas vollkommen Neues, was im Whispers-Universum so noch nicht stattgefunden hat. Dieses rituelle Schlagzeug mit dem fast schon gechanteten Gesang …“ Mister Dayours Lieblingsstück besingt in der Tat den alten, schlafenden Cthulhu, doch mit den Sternen bewegt er sich erneut aus Lovecrafts Sphären heraus. „Diese beziehen sich wie auch Teile des Songs ‚Wormwood Star‘ auf den fallenden Stern aus der schon erwähnten Offenbarung des Johannes, also der Apokalypse des neuen Testaments. Und damit denke ich ist die Verbindung zu Luzifer, der ja auch ein gefallener Stern ist recht klar.“

Somit gehört „The Tempest“ zu einer Reihe endzeitlicher Verkündungen auf „The Rites Of Passage„, vielfach befeuert durch eine präsentere Schlagzeugarbeit. Perkussive Instrumente wie das Hackbrett verleihen einzelnen Stücken einen orientalischen Einschlag, dem Inhalt folgend. Der Einsatz der Gitarren wurde zudem ein wenig heruntergefahren, drei Stücke verzichten sogar ganz darauf. „Es zeichnet Whispers ja aus, dass kein Album wie das andere klingt. Selbst wenn ich wollte, könnte ich mich nicht wiederholen, da man sich ja selbst ständig verändert und weiterentwickelt. Wenn man, so wie ich, ehrliche Musik erschaffen will, verändert die sich natürlich auch. Aber es ist immer noch eindeutig Whispers in the Shadow, und das ist gut so.“

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