The Dresden Dolls

Komplizierte kleine Geschöpfe

Was passiert, wenn ein angetrunkener Punk über den Rummelplatz torkelt, dabei Smashing Pumpkins hört und währenddessen eine intellektuelle Abhandlung über die Entwicklung des Chansons liest, danach die Revolution ausruft und im nächsten Moment vom Weltschmerz zum Brückensprung verleitet wird? Das Ergebnis ist die künstlerische Verschmelzung aus Amanda Palmer und Brian Viglione, im Land der Weltpolizei besser bekannt unter dem Namen The Dresden Dolls.

Im Namen des Duos liegt die ambivalente Struktur ihrer Musik bereits verborgen, stehen hier doch – wie im Booklet der selbstbetitelten Debüt-CD (2003) anschaulich visualisiert – die fahlen, toten und bedrückenden Ruinen einer ausgebombten Stadt im Widerspruch zu einer fast schon kitschig anmutenden Porzellanpuppe eines namenlosen Kindes. Auf ebensolche Weise schaffen es die Dresden Dolls in nur einem Song vom niederschmetternden Leid eines Menschleins zu erzählen, und doch das gesamte Menschengeschlecht in einer abstrakten Karikatur zu umreißen; ihr Blick schwenkt in einem Ruck vom Individuum über den gesamten Erdenball.

Ebenso inszenieren die beiden ihre Lieder, schaffen es in nur fünf Minuten chansonhafte Anklänge mit punkigem Rock zu verquicken, um kurz darauf in kabaretthaften Kinderreimen zu enden – und dabei kommen in erster Linie genau drei Klangwerkzeuge zum Einsatz: das gefühlvolle Schlagzeug von Brian Viglione und Amanda Palmers Klavier- sowie Sangeskünste. Allerdings kann hier von einer Klavierrolle im klassischen Sinne kaum gesprochen werden, denn das Piano übernimmt hier gleichermaßen die Aufgabe der Stromgitarre und verwandelt eine liebliche Ballade von einem Augenblick zum nächsten in einen Strudel wütender Emotionen. Über alledem weint, schreit, flüstert, verführt und verhöhnt die chamäleonhafte Stimme von Amanda Palmer, die ohne Kompromisse und Abstriche jedes gesungene Wort und jede betonte Silbe auf eine ganz besonders einnehmende Art zu Eigenleben erweckt und der gesamten Scheibe somit eine unverkennbare Seele einhaucht.

„Menschliche Wesen sind komplizierte kleine Geschöpfe. Ich versuche sie als ebendies in meinen Liedern darzustellen“, berichtet die ehemalige Mitarbeiterin eines deutschen Avantgarde Theaters. Diese Grundidee setzt das Duo mit einer eigenen, wenn auch ungewöhnlichen Ästhetik und unverbrauchten Stilmitteln um, wodurch es nicht weiter verwundert, dass jeder ihrer Texte ein kleines Büchlein für sich ist, in dem es neben klug arrangierten Wortspielen und abstrakten Bildern eine Menge zu entdecken gibt.

Diese kuriose Kunstform begeisterte in den USA eine völlig unhomogene Gruppe von Anhängern, die vom Universitätsprofessor bis zur Punk-Rockerin reichte. Bald darauf schwappte die Euphorie auch über den großen Teich und infizierte die unterschiedlichsten Musikliebhaber. Und obwohl nach den beiden Alben „Yes, Virginia“ (2006) und „No, Virginia“ (2008), zwei DVS und etlichen Singles der Ofen aus war, bleiben die Dresden Dolls ein einmaliges wie eigenwilliges Duo. Reinhören lohnt sich also auch heute noch.

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