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Das Waisenhaus

Geister der Vergangenheit

91DjRchda7L._SL1500_Das Waisenhaus“ gehört zu den erfolgreichsten Filmen der iberischen Halbinsel und wurde mit Auszeichnungen geradezu überhäuft – und das zu Recht. Denn obwohl dieser Mystery-Thriller mit einem Gruselmoment nach dem anderen aufwartet und gänzlich ohne bombastische Spezialeffekte blankes Entsetzen erzeugt, ist er doch voller emotionaler Anmut und anspruchsvoller Tiefgründigkeit. Nicht verwunderlich, denn Guillermo del Toro, bekannt durch namhafte Erfolge wie „Pan’s Labyrinth„, „Blade 2“ oder „Hellboy“ zeichnet sich für die Produktion des Streifens verantwortlich, der nun auf DVD und Bluray Einzug ins gemütliche Heimkino hält.

Dabei griff der spanische Filmschaffende auf einen alten Freund zurück, der mit „Das Waisenhaus“ sein überaus gelungenes Spielfilmdebüt ablegt. „Ich verfolge schon seit einigen Jahren die Arbeit von Juan Antonio Bayona“, erklärt del Toro, „sein Talent schrie geradezu danach, ihn bei einem abendfüllenden Spielfilm Regie führen zu lassen. Und angesichts des fertigen Films kann ich nur sagen, dass sich die Mühe gelohnt hat.“ Auch Bayona selbst ist zufrieden mit seinem Erstling und war vom ersten Moment an, als er das Drehbuch in die Finger bekam, begeistert von dem Projekt: „Es war einfach die Vielzahl der Möglichkeiten, die mir das Drehbuch bot – deswegen wollte ich diesen Film machen. Ich konnte Zeit und Raum manipulieren, wie ich wollte, um Einstellungen zu bekommen, die eine unmittelbare Wirkung auf den Zuschauer haben. Aber was den Film dann wirklich zum Leben erweckt, sind die Dinge, die über die Grenzen des Genres hinausgehen: all das, was unter der Oberfläche liegt, die Wahrhaftigkeit der Darstellung, wie sehr man als Filmemacher emotional an dem beteiligt ist, was man erzählt.“

Und eben dieses Grenzüberschreitende macht „Das Waisenhaus“ zu einem außergewöhnlichen cineastischen Kleinod, wie der Regisseur weiter erklärt: „Am Anfang findet der Zuschauer noch alle Elemente eines klassischen Gruselfilms vor. Doch je weiter die Geschichte voranschreitet, umso mehr entfernen wir uns vom Genre. Die Auflösung ist am Ende erstaunlich simpel, dadurch aber umso entsetzlicher. Wir wollten die Geschichte möglichst klar erzählen, z. B. nicht zu viele Charaktere auf einmal einführen. Das gilt auch für den Sound: Wir haben viel mit Stille gearbeitet. Die furchterregendsten Szenen am Ende sind weder mit Musik noch mit Soundeffekten unterlegt. Für mich ist Stille das gruseligste Element überhaupt beim Sounddesign.“
So entführen del Toro und Bayona ihre Zuschauer in ein altes Waisenhaus am Meer. Nach 30 Jahren kehrt Laura mit ihrem Ehemann Carlos und ihrem Sohn Simón dorthin zurück, um ein Heim für behindert Kinder einzurichten. Doch der kleine Simón fürchtet das einsame Gemäuer und beginnt bald mit unsichtbaren Freunden zu reden und zu spielen. Die Eltern halten dies anfänglich noch für normal, doch der Umgang mit seinen Spielkameraden wird immer beängstigender. Bis der Junge eines Tages schließlich verschwindet und die Eltern in tiefe Verzweiflung stürzt. Gibt es für alles eine natürlich Erklärung oder haben Geister den Knaben in ihr Reich mitgenommen? Eine nervliche Zerreisprobe für die Eltern – und für den Zuschauer zugleich!

Bewertung:

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Edgar Allan Poe – Der Bericht des Arthur Gordon Pym

Der Bericht des Arthur Gordon PymEdgar Allan Poe
„Der Bericht des Arthur Gordon Pym“
(Der Hörverlag/SPV)
Wer Poe noch nie gelesen oder, wie in diesem Falle, gehört hat, der sollte mit Herrn Pym beginnen und sich knapp zwei Stunden Zeit für dieses abenteuerliche Schauerspiel nehmen. Was anfänglich wie ein gewöhnlicher, zu dieser Zeit (1838) üblicher Seefahrerroman beginnt, wird bald durch poe-typischen Horror angereichert: Lebendig-Begraben-Sein, Menschenfresserei und allerlei Leckereien mehr. Gegen Ende des Berichtes sticht um so deutlicher hervor, weshalb sich H.P. Lovecraft so sehr zu den Werken Poes hingezogen fühlte, denn aus der Erzählung dringt eine kriechende Furcht vor dem unbekannten Grauen, vor einem nicht näher erklärten Bösen. So begleitet man auf diesen beiden CDs den zu Beginn sechzehnjährigen Protagonisten Pym, der seine Heimat verlässt, um als blinder Passagier auf dem Walfangschiff Grampus mitzufahren – aus reiner Lust am Abenteuer. Versteckt wird er dort in einem finsteren Loch, bis es auf dem Schiff des Vaters seines Freundes Augustus zu einer Meuterei kommt. Doch möchte ich an dieser Stelle nicht weiter auf die Handlung eingehen, kann aber im voraus jeden Hörer vertrösten, der bei dem überraschenden letzten Kapitel verwirrt in sich hineinstarrt. Denn wie bei David Lynch-Filmen ist das Ende vielseitig deutbar und lässt den Poe-Fan mit einer Reihe furchterregender, ungeklärter Fragen zurück. Aber genau das macht die Angst vor dem Ungewissen aus! Die Sprecher, sowie die hervorragend gelungene musikalische Untermalung und atmosphärische Soundkulisse tun ihr übriges, um die pym’schen Abenteuer zu einem spannenden und unheimlichen Hörerlebnis zu machen.

Bewertung:

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Whaligoe: Die Ankunft (1)

Yann & Virginie Augustin
„Whaligoe: Die Ankunft“ (1)
(Piredda)
"Whaligoe: Die Ankunft" (1)In rasantem Tempo donnert eine Kutsche durch die schottischen Highlands. Seit drei Tagen hat der Kutscher seinen Pferden keine Ruhe mehr gegönnt, aber nun wird es Zeit für eine Pause. Im Inneren des vom Regen gepeitschten Wagens sitzen Lord Douglas Dogson und seine verblasste Muse Speranza, auf der Flucht vor der eigenen Verzweiflung und Leere. Einst durfte sich Lord Dogson ein berühmter Schriftsteller nennen, doch schon lange sind ihm die Ideen ausgegangen und er sucht verzagt nach Inspiration. Zudem hat der hochverschuldete Dandy sein inneres Vakuum mit einer minderjährigen Schönheit zu füllen versucht – höchste Zeit für ihn in London das Feld zu räumen. Doch in dem abgelegenen Dörfchen Whaligoe wird der lebensmüde Poet mit einer seltsamen Geistererscheinung konfrontiert als auch mit dem rätselhaften Lyriker Ellis Bell, der vor einigen Jahren mit „Schneehuhn im Heidekraut“ einen großen Erfolg bei der britischen Aristokratie in London feiern konnte. Als seine Muse jedoch von einem flegelhaften Landherren bedrängt wird, wollen die beiden schleunigst die Heimreise antreten; doch erst wird der Kutscher tot aufgefunden, dann gibt es auch noch einen „geplanten“ Unfall … Anspruchsvolle Gothic-Grafiknovelle, angesiedelt im frühen 19. Jahrhundert, beseelt durch dichterische Leichtigkeit und eine mysteriöse Grundstimmung.

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Choral des Todes

Choral des Todes
(Senator)

91Q8oOUFvNL._SL1500_Zu einer Aufführung von „Choral des Todes“ in den Lichtspielhäusern kam es nie, obwohl der Film für einen Kinostart großspurig angekündigt wurde Eine (so kurzfristige) Absetzung ist selten ein gutes Zeichen; und das, wo die Vorlage von Jean-Christophe Grangé zu den besten Romanen des französischen Thrillerspezialisten gehört und „Die purpurnen Flüsse“ locker in den Schatten stellt. Ein rätselhafter Todesfall in einer Pariser Kirche ruft den pensionierten Kommissar Kasdan (Gérard Depardieu) auf den Plan. Ist das Opfer tatsächlich durch tödliche Klänge aus dem Leben getönt worden? Und was haben Naziärzte, Erziehungslager und Verbrechen an der Menschlichkeit damit zu tun? Der alternde Kasdan-Kauz wird kurz darauf von einem psychisch angeschlagenen Interpol-Agenten unterstützt, und gemeinsam nehmen sie sich den folgenden Mystery-Morden an. Dem Film gelingt es immer wieder eine dichte und beklemmende Atmosphäre aufzubauen, zu erschrecken und zu fesseln. Doch leider bleibt das Drehbuch weit hinter dieser Qualität zurück. Die Romanhandlung ist ungeschickt auf die Leinwand übertragen worden und Abstriche wurden an den ungünstigsten Stellen gemacht. So stolpert der Zuschauer durch ein immer wirreres und stellenweise auch unlogisch wirkendes Storygerüst. Lediglich die beiden Protagonisten und die immer wieder heraufbeschworene Dunkelheit machen „Choral des Todes“ letzten Endes noch brauchbar.

Bewertung:

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