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Melancholia

Melancholia

Melancholia
(Concorde)

Der menschenscheue Lars von Trier legte mit „Antichrist“ ein metaphorisches Meisterwerk vor, das mit seiner schier unerträglichen Bildgewalt stark polarisierte. Mit „Melancholia“ beschreitet er nun gänzlich andere Wege, nutzt eher die leisen Töne und sanften Farben, um aber eine ebenso bittere Aussage zu treffen. Es scheint ein großartiger Abend zu werden. Justine und Michael fahren in einer Luxuslimousine ihrem gigantischen Hochzeitsfest entgegen, ausgerichtet auf dem pompösen Landschloss ihres Schwagers. Sie lachen und sind ausgelassen. Doch während überall Jubel und Trubel herrschen, fällt Justine mehr und mehr aus der Rolle. Ihr Lachen erscheint bald nur noch als hohle Maske und sie kapituliert schließlich gänzlich vor der heiteren Gesellschaft. Bald darauf findet sich die unter schweren Depressionen leidende Justine in jenem Herrenhaus in der Obhut ihrer Schwester wieder. Während die „Wahnsinnige“ zuvor an der Wirklichkeit der Welt scheitern musste, beginnen sich die Rollen der Figuren langsam zu vertauschen. Denn ein gewaltiger Planet namens Melancholia rast auf die Erde zu und konfrontiert alle mit einem bevorstehenden Untergang. Die „Normalen“ versuchen sich etwas vorzumachen, die Lage zu beschönigen und müssen dennoch verzweifeln. Die stetig mit dem Horror finsterster Depression gepeinigte Justine erscheint nun vielmehr als „normal“ und erwartet das unausweichliche Ende mit mutiger Gelassenheit. Poetisch und, ja, melancholisch.

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Spring – Love Is A Monster

Spring – Love Is A Monster
(Koch Media)

Evans kleine und wenig heile Welt bricht in sich zusammen. Nach dem Tod seiner kranken Mutter verliert er auch noch seinen Job als Koch in einer heruntergekommenen Bar. Nachdem selbst Alkohol und Sex nicht mehr ausreichen, um über sein marodes Leben hinwegzutäuschen, zieht er die Reisleine und verlässt die Vereinigten Staaten, um als Backpacker nach Europa zu entfliehen. Über Umwege spült es ihn schließlich in eine lauschige italienische Küstenstadt am Mittelmeer, wo er die äußerst attraktive und ebenso sonderbare Louise kennenlernt.
Nach einem etwas hakeligen Start, landen die beiden in der Kiste und es beginnt eine ebenso ungewöhnliche wie warmherzige Liebesgeschichte. Um ein Auskommen zu haben, arbeitet der frisch verliebte Evan in der ländlichen Pampa bei einem alten Olivenbauer, dessen Herz von einer einzigartigen Frau gebrochen wurde. Bald muss Evan am eigenen Leib feststellen, dass Liebe äußerst schmerzhaft sein kann – in diesem Fall sogar im wahrsten Sinne des Wortes ein Monster. Louise verbirgt ein unheimliches Geheimnis und eine bizarre wie blutige Vergangenheit. Evan begibt sich dennoch unerschrocken in große Gefahr und wird vor eine ungewöhnliche Wahl gestellt …

Spring – Love Is A Monster“ ist ein ungewöhnliches Kleinod, das in keine Schublade passen möchte. Was als hartes Sozialdrama beginnt und in eine Art Roadmovie mündet, verwandelt sich kurz darauf in eine charmante Romanze, die jedoch mehr und mehr in fantastische Gefilde abtaucht. Mit einem Male werden Erinnerungen an das grausige Innsmouth und generell an H.P. Lovecrafts Cthulhu-Mythos wach – und dennoch bleibt „Spring“ eine ungewöhnliche Geschichte über die Liebe und das Leben. Poetische Bilder und Dialoge geben der Handlung Raum und Ruhe, überhöhen das Geschehen bewusst ins Philosophische. Leider deckt das Regieduo, Justin Benson und Aaron Moorhead, die Hintergrundgeschichte der unheimlichen Schönen im weiteren Verlauf der Story bis ins Detail auf und nivelliert somit die bis dahin schwelende Angst vor dem Unbekannten. Wissenschaftlich akkurat wird der Grusel in seine Schranken verwiesen, dabei stellt die Handlung aber erneut hintergründige Fragen. Was heißt es zu leben? Was macht das menschliche Dasein wertvoll?
Zu guter Letzt rundet das Drehbuch den Plot großartig ab. Denn wo der Film mit einem tragischen Tod beginnt, endet er mit einer obskuren Geburt. Ein ungewöhnlicher Horrorfilm mit zwei beachtenswerten Hautdarstellern: Nadia Hilker („Autobahn“) als Louise und Lou Tayler Pucci („Carriers“) als Evan. Sensibel, geheimnisvoll und clever.

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Lost River

Zerfall und Niedergang

Lost River ist verloren und verlassen. Die einst blühende Kleinstadt fällt in sich zusammen. Wohnhäuser, Schulen und Schwimmbäder sind nur noch hohle, menschenleere Hüllen. Wer noch hier ist träumt von einem schöneren Leben irgendwo in der Ferne. Und dennoch kämpft die alleinerziehende Billy (Christina Hendricks) in Ryan Goslinks Drama „Lost River“ um ihr Haus – ein aussichtsloses Unterfangen.

Denn sie ist mit den Hausraten bereits drei Monate im Rückstand und der neue Manager ihrer Bank (Ben Mendelsohn) schlägt einen deutlich härteren Kurs als sein Vorgänger ein. Einen neuen Kredit gestattet er nicht, auch nicht einen weiteren Aufschub der Zahlungen. Stattdessen gibt er der verzweifelten Mutter eine Visitenkarte mit, die ihr zu einem neuen und lukrativen Job verhelfen soll. Zuerst sperrt sich Billy auf das Angebot des unsympathischen Widerlings einzugehen, doch als eines Morgens das Nachbarhaus von der Bank abgerissen wird und die eigenen vier Wände als nächstes „Ziel“ markiert werden, meldet sie sich und lässt sich zu der entsprechenden Adresse fahren. Dort findet sie einen ungewöhnlichen Nachtclub vor, bei dem es aber nicht vorrangig um nackte Haut, sondern um Gewalt und Blut geht. Trotz Zweifel und Angst nimmt sie den Job an.
Ihr ältester Sohn, Bones, versucht unterdessen ein wenig Geld zum Haushalt beizusteuern, indem er in den leerstehenden Geisterhäusern das Kupfer aus den Wänden reißt und bei einem Schrotthändler verkauft. Längst hat sich jedoch der brutale Bandenboss Bully das verwahrloste Territorium unter den Nagel gerissen – und er duldet keine Konkurrenten, die Ware aus seinem Turf plündern. Dennoch versucht Bones seiner niedergeschlagenen Mutter zu helfen und wagt einen weiteren Vorstoß ins „feindliche Gebiet“. Ihm gelingt zwar knapp die Flucht, aber Bully lässt sich nicht ungestraft auf der Nase herumtanzen und schwört Rache.
Der Zerfall ist überall. Die gesamte Stadt taumelt in einer unaufhaltsamen Spirale des Niedergangs in den Abgrund, reißt die Verbliebenen dabei hoffnungslos mit sich. Ein wenig Wärme findet Bones in dieser niederschmetternden Umgebung bei der Nachbarstochter Ratte (Saoirse Ronan). Sie lebt bei ihrer Großmutter, die seit dem Tod ihres Mannes nur noch vor dem Fernsehgerät sitzt und sich von alten Aufnahmen berieseln lässt. Das Haus ist heruntergekommen und scheint mit der alten Dame dahinzuvegetieren. Aber leider gibt es keinen Platz für aufkeimende Liebe in Lost River. Denn die Rache von Bully trifft genau hier …

Lost River“ ist Ryan Goslings Regiedebüt für das er auch das Drehbuch schrieb. Ein einnehmender und zutiefst düsterer Streifen, der in seiner destruktiven Art ganz einem „Requiem For A Dream“ ähnelt. Anstelle realistischer Tristesse setzt Gosling jedoch auf eine überhöht drohend-beklemmende Bildsprache – die Degeneration wird auch auf stilistischer Ebene durch eine poetische Metaphorik sichtbar. So skurril und grotesk wie ein David Lynch wird Gosling dabei nicht, vielmehr konzentriert er sich auf emotionaler Ebene auf die gewaltige Leere und Trostlosigkeit. Mit stiller Anteilnahme zerstört er Stück um Stück die Hoffnungen seiner Protagonisten und lässt sie Schritt für Schritt einer grauenvollen Hölle näherkommen. Der amerikanische Traum ist nicht nur tot, er ist untot und wankt röchelnd der eigenen Fäulnis entgegen.

Leider harmoniert die Story mit ihren oft durchschaubaren Figuren nur bedingt mit der deprimierenden Bildpoetik und verliert dadurch viel an Kraft und Wucht. Dennoch bleibt „Lost River“ ein eigenständiges und außerordentlich intensives Erlebnis.

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Fürst der Dämonen


Fürst der Dämonen
(Tiberius)

Der junge Jonathan Green hat eine Vision: er will die gesamte Erde vermessen und dabei vernünftiges Kartenmaterial erstellen. Ein Unterfangen das im frühen 18. Jahrhundert nicht unbedingt einfach zu bewerkstelligen ist. So muss er leider seine Geliebte im sicheren England zurücklassen und sein gesamtes Hab und Gut auf eine Karte setzen. Als ihn sein Weg in die dunkeln Wälder Osteuropas jenseits Transsylvaniens führt, wird sein wissenschaftlicher Verstand jedoch auf eine harte Probe gestellt. Dort liegt ein finsterer Fluch auf einem kleinen Dorf, dem sich der Brite mit all seinem Charme und seiner Finesse entgegenstellen muss. Eine untote Hexe sorgt für allerlei Wirbel und der Kartograph muss sich einiger hässlicher Dämonen erwehren, um nicht seinen Verstand und sein Leben zu verlieren. Das russische Kino folgt anderen Erzählmustern als das amerikanische oder europäische – und genau dies ist an „Fürst der Dämonen“ so erfrischend. Dabei basiert der Streifen auf dem phantastischen Roman „Der Wij“ (1835) von Nikolai Gogol. Erwartungshaltungen werden gebrochen, Fantasy und Historie, Mythen und Legenden gehen hier munter Hand in Hand und schaffen so eine erquickende russische Variante von „A Chinese Ghost Story„, die mit einer Reihe schräger Einfälle und Figuren punktet.

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Twixt

Lyncheskes Nimmermehr

Francis Ford Coppola hat sich einst mit Meisterwerken wie „Der Pate“ oder „Apocalypse Now“ in den Olymp der Filmgötter aufgeschwungen. Jahre später taumelte er mit lieblosen Auftragsarbeiten durch die Mittelmäßigkeit, kehrt nun aber mit dem von den Hollywood-Fesseln befreiten Mystery-Goth-Märchen „Twixt“ zu eigener Stärke zurück.

Hall Baltimore (Val Kilmer) ist in vielfacher Weise am Ende. Der Tod seiner Tochter hat den Autoren aus der Bahn geworfen, seelisch wie beruflich. Einst hatte er große Pläne, doch mittlerweile ist er zu einem Stephen King für Arme verkommen und hält sich mit drittklassigen Hexenromanen über Wasser. Auch seine Ehe ist zu einer quälenden Zweckgemeinschaft geworden, bei der Liebe schon längst keine Rolle mehr spielt.

Als er auf seiner Promotour für sein neuestes Buch in dem kleinen Kaff Swann Valley vorbeikommt, stößt er auf wenig Interesse seitens der Einwohner. Nur der kauzige Sheriff und Hobbybastler Bobby LaGrange (Bruce Dern) lässt sich eines seiner Machwerke signieren – nicht ganz ohne Hintergedanken. Denn er selbst hat eine zündende Idee für einen Roman, den er gemeinsam mit dem „Hexenmeister“ verfassen möchte. „The Vampire Executions“ soll das gute Stück heißen und die Leute aus ihren Sesseln fegen. Beflügelt von den euphorischen Worten des Gesetzeshüters, kündigt Hall bei seinem Agenten ein neues Buch an und versucht sich von der mysteriösen Kleinstadt beflügeln zu lassen, die mehr als nur eine modrige Leiche im Keller hat. Der örtliche Glockenturm mit seinen sieben verschiedenen Uhren soll angeblich vom Teufel bewohnt sein, in einem nahegelegenen Hotel am Waldrand hat sich ein grauenhafter Massenmord an unschuldigen Kindern abgespielt und überhaupt gilt die ganze Gegend als verflucht. Hinzu kommt, dass der Sheriff gerade ein Mordopfer in der Leichenhalle liegen hat, das seltsamerweise mit einem Pfahl getötet wurde. Ein ungewöhnlicher Zufall, könnte man meinen. Aber es wird noch bizarrer: Von Alkohol benebelt, durchwandert der Schreiber in seinen Träumen die Umgebung von Swann Valley, trifft dabei das Geistermädchen V., das ihn zu dem verfluchten Haus der Kindsmorde führt.

Doch es bleibt nicht bei einer kuriosen Traumsequenz. Immer öfter stürzt sich der lebensmüde Protagonist in das Reich des Schlafes, begegnet Mördern, Gespenstern und schließlich seinen eigenen Dämonen. Horrorlegende Edgar Allan Poe begegnet ihm schließlich persönlich (und wird in etlichen Anspielungen gewürdigt), gibt ihm Tipps für sein schöpferisches Schaffen, erklärt ihm die Geheimnisse einer guten Geschichte, die im Tod des Schönen gipfelt. Stück um Stück nähert sich Mr. Baltimore seiner eigenen Befreiung …

Francis Ford Coppola gelingt mit „Twixt“ ein verschrobenes, skurriles und ironisches Kleinod, das mit leisen Tönen und einnehmenden Bildern zu fesseln weiß. Geschickt werden Traum und Realität verwoben, bis der Zuschauer selbst nicht mehr sicher sein kann, was noch Wahrheit ist oder was dem Wahn entspringt. Mit lynchesker Düsternis und einem verschmitzten Lächeln erzählt Coppola so abseits standardisierter Mainstreampfade eine unheimlich-schöne Schauermär.

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Skin Trade: In der Haut des Wolfes

George R.R. Martin
„Skin Trade: In der Haut des Wolfes“
(Avatar/Panini)

Der bärtige Bestsellerautor George R.R. Martin dürfte den meisten durch sein gigantisches Fantasyepos „Das Lied von Eis und Feuer“ oder zumindest durch die entsprechende TV-Adaption „Game Of Thrones“ ein Begriff sein. Aber der zauselige Comicfan hat sich schon Jahre zuvor im Science-Fiction- und Horrorgenre seine Sporen verdient und einige Preise verliehen bekommen.

In der 1989 erschienenen Anthologie „Nightvisions“ brillierte Martin neben Stephen King und Dan Simmons mit seiner Kurzgeschichte „Skin Trade: In der Haut des Wolfes“ und wurde dafür mit dem World Fantasy Award ausgezeichnet. Daniel Abraham, der bereits für Martins „Game Of Thrones„-Comic-Umsetzung zuständig ist, hat sich nun dieser ungewöhnlichen Werwolf-Story angenommen und diese gemeinsam mit Zeichner Mike Wolfer („Lady Death“, „Stitched“ u.a.) in packende Panels verwandelt – mit Erfolg.
Geschichten über Lykanthropie gibt es wie Deppen auf einem Onkelz-Konzert, aber diese hier ist erfrischend anders. Ein grauenvoller Mord, bei dem das im Rollstuhl sitzende Opfer angekettet und lebendig gehäutet wurde, weckt bei der jungen Privatdetektivin Randi Wade böse Erinnerungen. Vor mehr als zwanzig Jahren wurde ihr eigener Vater, ein ehrenvoller Polizist, von einem wilden Tier zerfleischt – und er war nicht der einzige in der Stadt. Wieso verschweigt ihr Freund Willie ihr einige wichtige Details und weshalb lügt der Polizeiinformant und ehemalige Kollege ihres Vaters? Ist der Täter ein vor kurzem aus der Anstalt entlassener Irrer und doch einer der Mächtigen vor Ort?

Skin Trade“ setzt nicht auf oberflächliche Gore-Blubbereien, sondern lebt von seinem spannend erzählten Plot, der immer wieder neue Verdachtsmomente offeriert, aber fast bis zum Schluss alle essentiellen Geheimnisse für sich behält. Die Zeichnungen sind ansprechend, aber nicht weltbewegend, vermitteln dennoch eine dräuende Atmosphäre und fangen die Protagonisten glaubwürdig ein. Die in sich abgeschlossene Story ist für Mystery- und Horrorfans mit Comicfaible durchaus empfehlenswert.

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Monster im Mittelalter

Rudolf Simek
„Monster im Mittelalter“
(Böhlau)

„Die fantastische Welt der Wundervölker und Fabelwesen“ im Mittelalter wird ein weiteres Mal durchleuchtet. Dieses Mal macht sich der Professor für Ältere Germanistik, Rudolf Simek, auf Spurensuche und schließt diese so erfolgreich ab, dass sein „Monster im Mittelalter“ fürderhin als zeitloses Standard- und umfassendes Nachschlagewerk gelten kann. Eine Untersuchung der Geschichte europäischer Monster und eine kleine Erkundung der mittelalterlichen (Gedanken-)Welt gehen einer genauen Betrachtung voraus. Was macht ein Monster aus, welche Kriterien muss es erfüllen und welche Formen existieren? Warum glaubte man im Mittelalter überhaupt an monströse Wesen und welche Bedeutung hatten sie? Diesen Fragen geht Simek erschöpfend nach und zeigt dabei ein unglaubliches Quellenwissen. Sogar den Monstern der Neuzeit widmet er ein eigenes Kapitel und spannt damit gekonnt den Bogen in die Gegenwart. Allein diese fundierte Arbeit wäre bereits großes Lob wert, doch es folgen diesen knapp 200 Seiten noch weitere 80 Lexikonseiten, auf denen der Autor zahllose Monster alphabetisch aufführt, näher erläutert und dem Leser sogar noch Literaturhinweise an die Hand gibt. Die antiken und mittelalterlichen Quellen wie Konrad von Megenburg oder das angelsächsische „Liber Monstrorum“ werden ferner angegeben, wodurch ein vielschichtiger Einblick gewährt wird.

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Der Mönch

Der Sündenfall

Mit „Der Mönch“ verfasste der Brite Matthew Lewis Ende des 18. Jahrhunderts eine klassische Gothic-Novel zwischen Schauermär und bitterer Kritik an der Kirche. Filmemacher Dominik Moll war nach der Lektüre dermaßen von dem Stoff begeistert, dass er sogleich ein Drehbuch verfasste und sich selbst auf den Regiestuhl setzte. Für die gleichnamige Verfilmung konnte der in Frankreich lebende Künstler sogar Vincent Cassel gewinnen, der dem versuchten Mönch Ambrosio bewegendes Leben einhaucht.

Durch den Tipp einer Freundin wurde der Wahlfranzose auf den Roman aufmerksam. „Die gotische Literatur, der Schauerroman, hat mich schon immer angezogen; Edgar Allen Poe ist zum Beispiel einer meiner Lieblingsautoren“, verrät Dominik Moll sein düsteres Faible. „Was mir bei der Lektüre gefallen hat ist die gotische Atmosphäre, das Übernatürliche, die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit, aber auch die tragische Figur des Ambrosio.“ So wird der Protagonist der Geschichte als Kleinkind vor der Pforte eines Kapuzinerklosters in der Nähe von Madrid ausgesetzt. Seine Schulter zeichnet ein ungewöhnliches Muttermal in Form einer Hand, das viele Mönche als Zeichen des Teufels deuten. Vater Miguel nimmt den Knaben dennoch auf und zieht ihn zu einem der tugendhaftesten Diener Gottes heran. Ambrosios Glauben ist voller Kraft und Leben, seine Predigten locken Menschen aus fern und nah an, die sich mit seinen Worten Gott näher fühlen. „Satan hat nur die Macht, die man ihm zugesteht“, ist die feste Überzeugung des unfehlbaren Kapuziners. Doch „Der Mönch“ zeigt in beeindruckenden Bildern voller metaphorischer Schwere wie der reine Ambrosio mit der Versuchung in Berührung kommt und ihr so weit verfällt, dass er den Tod anderer und den Verlust seines Seelenheils in Kauf nimmt.

„In dem Roman gibt es zwei Erzählstränge: die Geschichte des Ambrosio in Spanien und die der Agnes in Deutschland“, berichtet der Dominik Moll von seiner Arbeit am Drehbuch. „Ich wollte mich von Anfang an auf Ambrosio konzentrieren und habe den deutschen Teil gestrichen. Die Veränderungen betreffen ansonsten vor allem den Aufbau der Figuren. Im Roman sind sie alle sehr überzogen, weil Matthew Lewis sie benutzt, um mit dem Katholizismus abzurechnen. Ambrosio ist ein Heuchler, ein Feigling und sein Glaube ist nicht sehr standfest. Ich fand es interessanter, jemanden zu zeigen, der wirklich von seinem Glauben überzeugt ist, damit auch sein Gewissenskonflikt interessanter wird. Dadurch erhält der Film wahrscheinlich einen etwas ernsteren Charakter als das Buch.“

Dieser hinzugewonnene Tiefgang seiner Protagonisten nutzt der Filmemacher, um sich verstärkt auf die Antagonisten Sünde/Schuld und Reinheit/Vergebung zu konzentrieren. Dabei lässt „Der Mönch“ bewusst offen, ob eine wirkliche Versuchung durch den Teufel stattfindet oder aber die angedeuteten magischen Elemente der Fantasie der Hauptfigur entsprungen sind. „Das Medium Film eignet sich besonders gut, um Gratwanderungen zwischen Einbildung und Wirklichkeit darzustellen. Das habe ich auch schon in meinen bisherigen Filmen erforscht“, erklärt der Cineast die Vieldeutigkeit des Werkes.

Tragende Elemente in „Der Mönch“ sind auch Träume und unheilvolle Visionen. „Prophezeiungen und Vorahnungen gehören zur Palette des gotischen Ambientes. Für mich war vor allem der Traum wichtig, in dem Ambrosio Antonia in ihrem roten Kleid sieht. Dieser Traum ist nicht im Roman. Ich habe ihn hinzugefügt um klarzumachen, dass es mit Antonia etwas besonderes an sich hat, dass sie nicht nur ein neues Opfer für Ambrosios Begierde ist. Als er sie dann in der Wirklichkeit sieht, als der Traum zur Realität wird, da weiß er, dass dieses Mädchen eine besondere Bedeutung für ihn hat.“

So verfällt er der jungen Antonia und stürzt sich und sie in einen unheilvollen Abgrund. „Der Mönch“ ist eine Parabel über den Glauben und die Sünde, eine finstere Gruselgeschichte und ein faustscher Thriller zugleich, vor allem aber faszinierend erzählt und großartig inszeniert.

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Sex Criminals: Komm Welt (Band 1)

Matt Fraction/Chip Zdarsky
„Sex Criminals – Guter Sex zahlt sich aus: Komm, Welt“ (1)
(Panini)

Sex ist eine feine Sache, vorausgesetzt man hat welchen – und er ist gut und vielleicht sogar schmutzig. Aber Sex muss reifen und gedeihen. Erinnern wir uns an unsere ersten präpubertären Selbstexperimente unterhalb der Gürtellinie. Da war Verwunderung und Neugier, Drang und Durcheinander – bis es irgendwann für all die Mühen und Intimerforschungen zur Belohnung einen ersten mehr oder weniger ordentlichen Orgasmus gab. Auch Suzie war einmal klein und unschuldig. Als ihr der Wasserstrahl in der Badewanne aber ein erstes Hochgefühl bescherte, begann für sie eine langwierige und von Rückschlägen gesäumte Testphase, ihr persönliches „Projekt“. Denn ihre eigenen Höhepunkte definieren sich nicht einfach nur durch ein wenig Gekreisch, ein paar Muskelkontraktionen und ein verzerrtes Gesicht, sondern für sie bleibt wortwörtlich die Zeit stehen.

Diese Gabe versucht sie näher zu untersuchen, vor allem als sie Jahre später zur attraktiven Dame gereift ist. So wirft sie sich mit so manchem Typen ins Bett, meist jedoch mit enttäuschendem Ergebnis. Die Erfüllung findet sie nicht. Bis sie auf einer ihrer Partys zur Rettung der städtischen Bibliothek den smarten Jon kennenlernt. Als die beiden im Bett landen entdecken sie, dass sie die gleiche orgiastische Superfähigkeit besitzen. In feuchtfröhlicher Eintracht experimentieren die Zwei mit dem Einfrieren der Zeit und kommen irgendwann auf die Idee, das nötige Geld für die bankrotte Bibliothek einfach bei der verhassten Bank zu stehlen. Nach einigen Testläufen soll es schließlich so weit sein, aber dann findet das Coitus-Duo ein wenig unsanft heraus, dass es auch andere Menschen mit dieser ungewöhnlichen Fähigkeit gibt … und sogar eine Sexpolizei.

Sex Criminals“ ist vollkommen unverbraucht und schafft es trotz des extravaganten Themas jegliche plumpen Peinlichkeiten und platte Obszönitäten augenzwinkernd zu umgehen, die Dinge aber dennoch direkt beim Namen zu nennen. Dies gelingt einerseits durch die ungewöhnliche Erzählweise, die den Leser direkt anspricht und somit in das Geschehen einbezieht, andererseits durch die liebevoll und witzig konstruierte Geschichte, die auf zwei Handlungsebenen abläuft. In der Gegenwart haben wir das Paar mit seinem Plan, die niederträchtige Bank zu überfallen. In Rückblenden reisen wir zudem in die Kindheit und Jugend der beiden Protagonisten und erfahren von ihren peinlichen wie lustigen sexuellen Gehversuchen. „Sex Criminals“ strotzt vor Einfallsreichtum, ist peppig geschrieben und zudem toll gezeichnet. Der zweite Band kann also kommen …

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American Horror Story 3 – Coven

„American Horror Story 3 – Coven“
(20th Century Fox)

In den USA ist bereits die vierte Staffel, „Freak Show“, über die heimischen Bildschirme geflimmert und ein fünfter Teil wurde vor Wochen ebenfalls feierlich bestätigt – die „American Horror Storys“ befinden sich auf einem ruhmreichen Siegeszug, der bereits mit 18 Emmy-Nominierungen und zahlreichen anderen Auszeichnungen gewürdigt wurde. Der erste Part überraschte tatsächlich mit einer einzigartigen Melange verschiedener Gruselthemen, deren Haunted-House-Zentrum stimmig in diverse Richtungen ausgedehnt wurde. Mit der ebenfalls in sich abgeschlossenen zweiten Staffel entführten die Macher in eine Irrenanstalt der Sechzigerjahre, verquirlten erneut zahllose andere Gänsehaut-Gattungen, thematisierten sogar Sexismus und Rassismus. Im dritten Ableger können wir dem munteren Treiben des Hexenzirkels „Miss Robichaux‘ Akademie für außergewöhnliche junge Damen“ beiwohnen. Der hat seit Jahren mit immer geringeren Mitgliederzahlen zu kämpfen, was einerseits an der egozentrischen Oberhexe Fiona (Jessica Lange), andererseits an zahllosen widrigen Umständen liegt. Eine mächtige und einflussreiche Gemeinschaft von Hexenjägern will den magisch versierten Damen schon seit Jahrhunderten ans Leder. Nebenbei gibt es noch die generationenalte Fehde mit der unsterblichen Voodoo-Königin Marie Laveau (Angela Bassett), die nach langer Waffenruhe zu eskalieren droht. Obendrein buddelt Fiona auf ihrer Suche nach eigener Unsterblichkeit die lebendig begrabene und zu ewigem Leben verfluchte rassistische Sklaventreiberin Delphine LaLaurie (Kathy Bates) aus, die noch für ein wenig mehr Aufruhr sorgt. Das sind der Probleme aber noch lange nicht genug, denn im altehrwürdigen Gemäuer von Miss Robichaux hausen ein untoter Axtmörder und ein nekrophiler Butler. Die schwindenden Kräfte der Obersten kündigen zudem einen Wechsel in der Hexen-Hierarchie an – in irgendeiner auszubildenden Magieanwenderin reifen neue Fähigkeiten heran, die sie zur neuen Anführerin des Zirkels machen werden. Es entbrennt ein zickiger, grausamer und obskurer Streit um den Thron – doch Fiona gibt diesen nicht so leicht her …

Leichenschändung, Wiederbelebung, Coming-of-Age-Zwistigkeiten, Rassismus, Teufelspakte, Eifersucht, Serienschlächter, „American Horror Story 3 – Coven“ kleckert nicht, sondern klotzt mächtig ran. Zwischen Hass, Zweifel und Weiberrangeleien ist aber stets genügend Raum für ironische Anspielungen und sarkastische Kleinigkeiten. Darüber hinaus ist es für Serienkenner äußerst erfreulich, einen guten Teil der liebgewonnenen Schauspieler wieder mit an Bord zu sehen. Neueinsteiger haben wiederum keine Probleme sich einzufinden, denn auch der dritte Part der Gruselmären ist in sich abgeschlossen und steht für sich alleine.

Leider mangelt es „Coven“ jedoch an der Tiefgründigkeit, Abgründigkeit und schrägen Perversion der Vorgänger, weshalb das Hexentreiben auch für ein größeres Publikum und gealterte „Buffy„-Fans zugänglich ist. Alles ist ein wenig glatter, gewöhnlicher und vor allem auch „unterhaltsamer“. Für Genre-Profis ist Nummer 3 damit eher ein kleiner Snack zwischendurch, dem es an den einzigartigen Zutaten von einst fehlt.

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