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Cinderella

Cinderella
(Disney)

Hollywood hat das Märchen wieder für sich entdeckt. Disney selbst grub in letzter Zeit mit „Maleficent“ das verschlafene Dornröschen wieder aus, verpasste dem Geschehen jedoch einen düsteren Fantasyanstrich und eine neue Perspektive. Auch Dunkelromantiker Tim Burton durfte „Alice im Wunderland“ modernisieren und zu neuen Einspielhöhen führen. Eisköniginnen, Schneewittchen und andere fantastische Berühmtheiten buhlten ebenfalls schon um die Eintrittsgelder des Publikums; in Kürze folgt noch „Die Schöne und das Biest“ und auch der Elefantenpilot Dumbo und das „Dschungelbuch“ werden generalüberholt.
Zu dieser neuen Welle des märchenhaften Familienentertainments gehört auch die Neufassung von Aschenputtels Lebensgeschichte. „Cinderella“ zielt dabei bewusst auf ein junges, weibliches Publikum ab und erfreut mit einer zielsicheren Erzählweise und farbenprächtigen Inszenierung. Die böse Stiefmutter, die Aschenputtel in Zusammenarbeit mit ihren beiden widerlichen Töchtern mehr und mehr von der ungeliebten Stieftochter zur in den Speicher verstoßenen Haussklavin macht, wird von Cate Blanchett wunderbar verkörpert. Auch die leidgeplagte und geduldige Cinderella (Lily James) macht eine durchaus gute Figur und hinterlässt einen lobenswerten Eindruck. Kleine Kniffe in der Story und eine ideenreiche Umsetzung machen die bekannten Abläufe um einen feengesponsorten Ballabend mit verlorenem Kristallschuh und Suche des Prinzen nach dessen Besitzerin wieder interessant – eine erhöhte Romantiktoleranz ist allerdings dringende Voraussetzung.

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Port Royal

Piratenparty

Während ihrer Blütezeit gehörte die berühmtberüchtigte Hafenstadt Port Royal in Jamaika zu den wohlhabendsten Städten der Welt. Die günstige Lage erlaubte es den englischen Freibeutern, die von den gekaperten spanischen Galeonen frisch ergatterten Waren direkt in der Umgebung zu verkaufen. 2 – 5 Piratenanwärter dürfen sich bei dem flotten Kartenspiel „Port Royal“ als geschäftstüchtige Seeräuber versuchen und um die Gunst von Gouverneuren und Admirälen buhlen.

Port Royal“ braucht nicht mehr als 120 unterschiedliche Spielkarten und eine kleine aber feine Anleitung. Vom Auspacken bis zur ersten Partie vergeht keine halbe Stunde und schon kann die geschlossene Mannschaft in See stechen. Jede Karte hat zwei relevante Seiten, einmal die Vorderseite mit Schiffen, Personen, Steuererhöhungen und Expeditionsaufrufen, einmal eine Rückseite mit einer abgebildeten Goldmünze. Dadurch kann jede Karte entweder als Geldvorrat oder als Spielobjekt fungieren. Jeder Freibeuter fängt mit drei Goldkarten an, die restlichen Karten werden gut durchgemischt und als verdeckter Nachziehstapel in der Tischmitte platziert. Der aktive Spieler zieht nun so lange Karten vom Stapel wie er möchte, wobei dabei primär Schiffe in fünf verschiedenen Farben und individuelle Charaktere zum Vorschein kommen. Je mehr Karten ausliegen, umso besser, doch sollte der Spieler eine Schiffskarte ziehen, deren Farbe bereits offen ausliegt, muss der gesamte aufgedeckte Kartenhaufen abgeworfen werden und der nächste Spieler ist an der Reihe. Um das zu vermeiden kann der aktive Spieler jedoch jederzeit aufhören, Karten aufzudecken und mit den bereits umgedrehten „arbeiten“.
PortRoyal_SpielsituationDenn nach dem Kartenziehen, dem sog. „Entdecken“, geht es ans „Handeln & Heuern“. Der aktive Spieler darf sich abhängig davon wie viele verschiedenfarbige Schiffe offen ausliegen 1 bis 3 Karten auswählen. Die unterschiedlichen Bootstypen gewähren Gewinne in Gold. Mit diesen Einnahmen kann das „Heuern“ begangen werden. Die unterschiedlichen Persönlichkeiten wie Gouverneure, Händler, Witzbolde, Matrosen, Piraten oder Fräuleins müssen nämlich mit barer Münze bezahlt werden, bringen dann aber zukünftig besondere Vorteile. Der Händler generiert beim „Handeln“ mit den Schiffskarten zusätzliche Geldboni, der Pirat kann die eigene Ladung bewachen und bestimmte Schiffskarten „abwehren“, während Priester, Kapitäne und Siedler dafür notwendig sind, um sich lohnende Expeditionen zu sichern. Solche Forschungsreisen können in der „Entdecken“-Phase nämlich ebenfalls gezogen werden, landen jedoch auf einem eigenen Stapel und können von jedem Spieler ausgewählt werden – vorausgesetzt, das nötige Personal und Kapital ist vorhanden. Dadurch sichert sich der Spieler wichtige Siegpunkte. Diese gibt es jedoch auch für bestimmte Charaktere im eigenen Besitz.
Hat der aktive Spieler seine Phase „Handeln & Heuern“ abgeschlossen, darf jeder weitere Mitspieler noch maximal eine Karte aus der offenen Auslage auswählen, muss dem aktiven Spieler jedoch eine Gebühr von einem Goldstück bezahlen. Haben alle gewählt oder gepasst, wird der Spieler zur Linken des aktiven Spielers zum neuen aktiven Spieler und beginnt damit, Karten vom Nachziehstapel nach eigenem Ermessen aufzudecken. Und so geht es reihum weiter, bis einer der Spieler 12 Siegpunkte erreicht hat.

Port Royal“ bietet zahlreiche Wege zum Ziel und lässt dabei keine Minute Langeweile aufkommen. Vielmehr gehen die Runden schnell und sorgen für viel Gelächter. Durch das „Handeln & Heuern“ kommt es auch indirekt zur Interaktion zwischen den Spielern, und wenn es nur das boshafte Wegschnappen wichtiger Ressourcen ist. Pfiffig, flott und spaßig.

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Minions

Sadie Chesterfield
„Minions“
(Der Hörverlag)

Sie sind schon seit Jahren die eigentlichen Superstars der beiden Kinofilme „Ich – Einfach unverbesserlich„, Teil 1 und 2, und lassen den gar nicht so bösen Superschurken Gru und seine Mädels an Charme und Witz glatt hinter sich: die Minions. Die kleinen gelben Überraschungsei-förmigen Brillen- und Latzhosenträger bekommen jetzt mit „Minions“ ein eigenes Leinwandspektakel, das tief in die Vergangenheit zurückreicht und die lustige Geschichte des ungewöhnlichen Völkchens erzählt. Dabei mussten die gelben Kartoffelknilche so manche Gefahr bestehen, sich foltern lassen und sogar zu den Rettern Englands werden. Dabei wollen sie doch einfach nur einem bösen Meister dienen. Doch so ein rechter Bösewicht ist gar nicht so leicht zu finden.

Oliver Rohrbeck, besser bekannt als die Stimme von Justus Jonas von „Die drei ???„, erzählt die turbulenten Abenteuer dermaßen lebendig, dass es eine wahre Freude ist. Dabei nutzt er sein ganzes Stimmpotential, um den Banana-Knirpsen chaotisches Leben einzuhauchen. Das ist auch bitter nötig, denn bei den gelben Helden geht es drunter und drüber. Nachdem den Minions schon der ein oder andere Bösling abhanden gekommen bzw. eher unfreiwillig aus dem Leben geschieden ist – ganz gleich ob Vampirlord oder Tyrannosaurus –, machen sich Kevin, Stuart und Bob auf, um den ultimativen Boss des Grauens zu finden. Über Umwege landen sie auf der Fachkonferenz für Superschurken, der Villain-Con und geraten da an eine wahrlich infernale Superfrau. Leider überflügelt das Dreikäsehochtrio die kühnsten Erwartungen ihrer neuen Auftraggeberin und werden zu den Monarchen Großbritanniens. Dafür müssen sie aus dem Weg geräumt werden, doch die Minions sind nicht nur drollig, sondern auch nahezu unkaputtbar.

Minions“ macht in der Hörbuchfassung eine Menge Spaß. Dennoch fehlt es den Protagonisten an der großartigen Animationsarbeit der Kinovorlage, denn die Minirecken leben von ihrer putzigen Mimik und Gestik. Dieses Manko versuchen die zwei CDs über eine pfiffige Erzählweise wieder wett zu machen, dennoch bleiben sie hinter dem Filmerlebnis zurück. Für unterwegs ist die Erzählung aber bestens geeignet und weiß dank Oliver Rohrbeck auch bestens zu erfreuen!

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Sieben Siegel 1

„Sieben Siegel: Die Rückkehr des Hexenmeisters“ (1)
(Hörverlag)

Während die Horror-Serie des mittlerweile verblichenen Hörspiellabels Meteor eher für trashige Lauschunterhaltung sorgt, konnten sich die „Sieben Siegel“ schon damals problemlos mit der Spitze der Hörspiele messen; so ist es kaum verwunderlich, dass diese Reihe bereits 2002 einige Auszeichnungen erhalten hatte und später vom Hörverlag übernommen wurde. Mit diesem ersten Teil führt der Autor Kai Meyer in die mystischen Geschehnisse um die Träger der Sieben Siegel ein. In dem uralten Nest Giebelstein wohnt Kyra bei ihrer Tante Kassandra, die als eigenbrötlerische Teehändlerin mit der dunklen Vergangenheit des Ortes verwoben ist. Eines Abends beobachtet Kyra eine Frau, aus deren Handtasche ein silberner, fliegender Fisch entfleucht, der kurz darauf einen Raubvogel zu Kleinholz verarbeitet. Was einfach nur als seltsames Erlebnis beginnt, endet bald in einer Verschwörung eines riesigen Hexenbundes, gegen die sich Kyra, ihre beiden Freunde Nils und Lisa, gezwungener Maßen auch der neu zugezogene Chris und Tante Kassandra stellen müssen. Mit viel Feingefühl und einer Palette an überzeugenden und herausragenden Sprechern, ganz zu schweigen von der netten musikalischen Untermalung, entsteht eine unterhaltsame und spannende kindgerechte Geschichte, die auch junggebliebene Altsemester zu ergötzen weiß und Appetit auf weitere Folgen.

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Super Mario Kopfweh

Realistic_Mario-Brick_BlockIt’s-a me, Mario!

Wie schafft es ein einfacher, kleiner Klempner mit Übergewicht und alberner Kleidung eigentlich mit seiner weichen Rübe Steinblöcke zu zertrümmern? In Videospielen geht zum Glück alles! Aber was wäre, wenn Mario und sein grünlicher Sidekick Luigi keine virtuellen Titanschädel hätten, sondern der brutalen Realität ins finstere Auge sehen müssten?

Pete Holmes und seine Crew zeigen uns, wie es den beiden Jump ’n‘ Run-Heroen im wirklichen Leben ergehen könnte … Nichts für schwache Nerven und Hardcore-Fanboys!

Die Boxtrolls

Die Boxtrolls
(Universal Pictures)

Das lauschige Städtchen Cheesebridge hat ein Problem: Im Untergrund hausen die gefürchteten Boxtrolle, hässliche Geschöpfe, die in Kisten stecken und nachts durch die Straßen schleichen, um kleine Kinder zu entführen und dann in ihren Höhlen zu verspeisen. Zumindest behauptet das der hässliche Boxtroll-Kammerjäger Archibald Snatcher mit seinen drei Spießgesellen. Sollte er es nämlich schaffen, die Trolle auszurotten, wird er in den Rang der Herrschenden aufsteigen. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg, denn „leider“ sind die Boxtrolle überhaupt keine Monster, sondern haben vor einigen Jahren lediglich einen menschlichen Jungen in ihre Reihen aufgenommen, dessen Leben in Gefahr war. Und dieser, Egg genannt, wagt sich eines Nachts auf die Oberwelt, um dem Aussterben seiner Familie entgegenzuwirken. Durch einen Zufall lernt er dabei die neugierige Tochter des Bürgermeisters kennen, und gemeinsam kommen die beiden hinter ein gewaltiges Komplott. Die 3D-Stop-Motion-Spezialisten von Laika („Coraline„, „Paranorman„) haben ein einzigartiges, düsteres und faszinierendes modernes Märchen geschaffen, das vor ausgefallenen Ideen und britischem Humor nur so strotzt. Herausragend sind vor allen Dingen die skurrilen und expressiven Figuren, fernab von Kitsch und Schönheit. Action und Albernheiten, Grusel und Groteskes reichen sich hier in harmonischer Abstimmung die Hand.

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Teenage Mutant Ninja Turtles

Teenage_Mutant_Ninja_Turtles_coverCowabunga!

In den frühen Achtzigern legten Kevin Eastman und Peter Laird das erste Abenteuer ihrer vier mutierten Kampfschildkröten Donatello, Leonardo, Raphael und Michelangelo vor und schufen damit etwas einmaliges. Eigentlich war der düstere, schräge und sarkastische Genremix als Seitenhieb gegen die üblichen abgedroschenen Superhelden-Comics jener Dekade gedacht, konnte sich dann aber so großer Beliebtheit erfreuen, dass die Eskapaden der vier humanoiden Panzerechsen in Serie gingen. Ein junges Publikum hatten die beiden Schöpfer dabei nie im Auge. Zu blutig und hart waren die Darstellungen, zu schroff die Sprache. Und das war auch gut so.

Aber der kultige Geheimtipp mutierte selbst bald zum Hype. Es folgte sogar eine gelungene Rollenspielumsetzung für das „Palladium“-System. Als dann aber 1987 die Zeichentrickserie für Kinder über die Röhrenfernseher flimmerte, verkamen die vier coolen Ninja Turtles zum Spielplatz-Accessoire. Die Serie brachte es nicht nur auf zehn Staffeln mit knapp 200 Folgen, es reihten sich auch erste Abenteuer auf der Kinoleinwand und weitere Serienableger an.

Mittlerweile ist der Turtle-Trend abgeflaut und die Lego Ninjagos kämpfen sich als Ersatz durch die überfüllten Kinderzimmer westeuropäischer Konsumblagen. Höchste Zeit für Hollywood, ein erprobtes Erfolgsrezept aus dem Schrank zu ziehen und neu aufzubrühen – natürlich mit mehr Budget, mehr Bumms und mehr Fallera. Als Regisseur konnte der Südfafrikaner Jonathan Liebesman gewonnen werden. Der ist mit „World Invasion: Battle Los Angeles“ oder „Zorn der Titanen“ nicht unbedingt für anspruchsvolle Kunstwerke mit Hirn oder Tiefgang berühmt, passt aber dennoch bestens zum schon erwähnten Bumms und Fallera. Zur gleichen Kategorie gehört auch Brachial-Produzent Michael Bay, der den Schattenkrieger-Schildkröten die nötige Kohle für ihre Realisierung organisierte. Um die Story haben sie sich eher weniger bemüht, da geben die alten Comics ja ausreichend Material her. Entsprechend erzählt das Duo die bewährte Story noch einmal neu, allerdings mit mehr – man mag es schon erahnen – Bumms und Fallera. Es rappelt nahezu ständig im Karton, es gibt fetzige Verfolgungsjagereien, ein paar knackige Kloppereien, viele coole Sprüche und zwischendurch auch mal ein wenig Handlung. Der Foot-Clan unter der Führung des finsteren Shredders versetzt New York in Angst und Schrecken. Die Verbrechen häufen sich und die Polizei ist nahezu machtlos gegen die zahllosen Ninja-Krieger. Die kesse Reporterin April O’Neil (Megan Fox) wittert eines Abends ihre Chance, endlich an eine gute Story heranzukommen. Sie beobachtet wie der Foot-Clan von ein paar unbekannten, schnellen und lautlosen Kämpfern vermöbelt und damit ein weiteres Verbrechen vereitelt wird. Wie sie später – ein wenig verdutzt – feststellen muss, handelt es sich dabei um vier aufrechtgehende Schildkröten, die von der Ratte Splinter in der Kanalisation zu rechtschaffenen Ninjas erzogen wurden. Jetzt brechen sie das jahrelange Schweigen und kommen an die Oberfläche, um dem Shredder den Arsch zu versohlen …

Klingt alles saublöd, ist aber saulustig. Jonathan Liebesmann ist es sogar gelungen, ein wenig des Originalcharmes der Comics in das überladene Actiontammtamm hinüberzuretten, wodurch auch dieser Popcornstreifen deutlich düsterer und taffer als seine Vorgänger ist.

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Das Elfenbestimmungsbuch

Benjamin Lacombe/Sébastien Perez
„Das Elfenbestimmungsbuch“
(Jacoby Stuart)

Erst vor Kurzem hat Benjamin Lacombe die „Unheimliche Geschichten“ von Edgar Allan Poe auf zauberhafte Weise bebildert und damit ein weiteres Mal bewiesen, dass er ein außergewöhnliches Händchen für überirdische Motive hat. Sein „Elfenbestimmungsbuch“ hat zwar schon ein paar Monate auf dem moosbewachsenen Buckel, aber für Liebhaber fantastischer Wort- und Bildkunst ist der großformatige Band nach wie vor aktuell. Der Leser dieser verträumten wie fantasievollen Seiten begibt sich mit dem (fiktiven) russischen Forscher Alexander Bogdanowitsch in den berühmten Wald von Brocéliande in der Bretagne, um dort nach Wichteln und Kobolden zu suchen. Im Auftrag von Rasputins geheimer Kammer der okkulten Wissenschaften fand der renommierte Agrarwissenschaftler 1914 hier ein magisches Reich mit einer fantastischen Fauna und Flora vor. Seine Aufzeichnungen, Skizzen und Notizen finden sich in diesem prachtvollen Almanach versammelt und laden kleine wie große Kinder zum Schwärmen und Schwelgen ein. Lacombe setzt dabei auf etliche Stilmittel, malt seine wundervollen Kreaturen mal mit Tusche oder Feder, arbeitet mit Öl, Pastellkreide oder gestaltet die Szenarien als Aquarelle. Halbtransparentes Papier und Lasercuts machen den Band überdies faszinierender und zu einem erwärmenden Hingucker.

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Die Wichtelreise

Denys Watkins-Pitchford
„Die Wichtelreise“
(Urachhaus)

Der Kunstlehrer Denys Watkins-Pitchford schuf mit seinem Kinderbuch „Die Wichtelreise“ 1942 einen zeitlosen Klassiker für Zwerge ab 5 Jahren. Seine zauberhaften Zeilen und Einfälle wurden nun von der Münchner Illustratorin Daniela Drescher mit einer Reihe farbiger Zeichnungen bereichert, dann gebunden und neu aufgelegt. Sie versteht es gekonnt, die Visionen des Autors mit Pinselstrichen einzufangen und den kleinen Lesern oder solchen, die sich noch vorlesen lassen, die Figuren und Szenerien vor Augen zu führen. Doch Watkins-Pitchfords Sprache und Stil sind auch ohne Visualisierung so farbenreich und fantastisch, dass dieses Buch keinerlei Längen oder Schwächen kennt. Die tiefe Naturverbundenheit und -kenntnis zeigt sich in all seinen Beschreibungen – und diese Faszination überträgt der Autor auch direkt auf sein Auditorium. Die abenteuerliche Reise dreier Wichtel beginnt im Frühling, als diese entschließen, ihren Bruder Wolkennase zu suchen, der vor langer Zeit auszog, um die Silberquelle zu finden. Für den weißbärtigen Schlucker, den bartlosen Nießerich und den einbeinigen Zirbel kein leichtes Unterfangen, müssen sie doch durch den finsteren Krähenwald oder dem Großen Grum trotzen. Ein wahrlich wunderschönes Kinderbuch!

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Coraline

Coraline im Albtraumland

51VCQjvEEKLNeil Gaiman ist ein genialer Poet, ein großartiger Geschichtenerzähler und ein Quell fantastischer Ideen. Seine Arbeiten als Roman- oder Comicautor beflügeln seit Jahren gleichwohl etliche Künstler und Leser. Nun wurde auch sein märchenhaft-gruseliges Kinderbuch für Erwachsene, „Coraline„, mit der schöpferischen Energie von Henry Selick befruchtet – doch das ist noch lange nicht alles im gaimanschen Kosmos.

Tatsächlich erschien der Roman erstmals im Jahre 2002, in einer Zeit, in der gerade pure „Harry Potter„-Manie herrschte. Dennoch konnte das Buch eine unglaubliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen und schoss geradewegs auf die Bestsellerliste der New York Times. Tatsächlich rollte damit eine unglaubliche Erfolgswelle für „Coraline“ an, denn bis heute wurde das außergewöhnliche Kinderbuch in 30 Sprachen übersetzt, verkaufte sich dabei über neun Millionen Mal und erhielt unzählige Ehrungen und Auszeichnungen. „Coraline“ existiert mittlerweile als Kurzfilm, Marionetten-Show, Theaterdarbietung, Musical und nicht zuletzt – dank dem Genius von Henry Selick, dem Regisseur von „Nightmare before Christmas“ – nun auch als traumhafter Stop-Motion-Film in moderner 3D-Technologie. Selbstverständlich geht dieser auch mit einem entsprechenden Videospiel (Koch Media) einher, das die sagenhaften Bilder und Figuren des Kinofilms aufgreift und zu einem unterhaltsamen Kinderabenteuer für Playstation 2, Wii und Nintendo DS verbindet. Doch dem nicht genug, erschien auch eine Comic-Adaption über den Panini-Verlag aus der Zeichenfeder von P. Craig Russell, die auf einfühlsame Art und Weise in ruhigen und realistischen Bildern nahe am Original erzählt wird.

Und das alles, obwohl Gaimans damaliger Verleger kopfschüttelnd zu den ersten beiden Kapiteln meinte: „Neil, das ist das Beste, das du jemals geschrieben hast und es ist absolut unveröffentlichbar.“ Die Begründung war, dass „Coraline“ eine Horrorgeschichte für Kinder sei, die aber zugleich Erwachsene ansprechen sollte – einen Markt konnte man sich dafür nicht vorstellen. Dennoch ließ Gaiman nicht locker und arbeitete in Etappen über Jahre an seiner Idee der kleinen Coraline weiter. Dabei war es ursprünglich seine kleine Tochter Holly, die den Autoren auf diese wundervolle Geschichte brachte. „Wenn sie aus der Schule nach Hause kam, sah sie mich immer sitzen und schreiben“, erinnert sich Gaiman. „Also kletterte sie auf meinen Schoß und diktierte mir kleine Geschichten; darin ging es oft um kleine Mädchen, die Holly hießen und deren Mütter von bösen Hexen, die genau wie die Mütter aussahen, entführt wurden. Ich dachte mir: Also gut, ich werde so ein Buch für sie finden. Ich habe danach gesucht, aber es gab nichts auch nur annähernd Ähnliches. Also nahm ich mir vor, ein solches Buch zu schreiben, und begann.“

Die kleine Coraline hätte so gerne ein wenig mehr Aufmerksamkeit ihrer Eltern, ganz zu schweigen von mehr Spannung und Abenteuer. Auf einer ihrer Erkundungsreise entdeckt sie in der neuen Wohnung eine eigenartige Tür, die ganz wie bei „Alice im Wunderland“ in eine andere Welt führt. Dort gibt es all das, was sie auch in der Realität findet, nur ist es schöner, bunter, süßer und spannender. Alles scheint sich dort nur um „Coraline“ zu drehen und das ganze Leben gleicht einer endlosen Zirkusvorstellung. Auch ihre Eltern kümmern sich mehr um das Mädchen – wenn da nicht schwarze Knöpfe anstelle ihrer Augen wären. Nach einer Weile muss sie feststellen dass dieser Ort nichts Gutes verspricht und muss um das Überleben ihrer eigenen Eltern als auch ihr eigenes kämpfen. „Ich wollte ein Buch darüber schreiben, was es bedeutet, mutig zu sein: Tapferkeit heißt, vollkommen verängstigt zu sein und dennoch das zu tun, was man tun muss, trotz aller Ängste und Schwierigkeiten. Außerdem wollte ich zum Ausdruck bringen, dass manchmal die Menschen, die man liebt, einem vielleicht nicht die ganze Aufmerksamkeit schenken, die man braucht – und dass die Menschen, die uns beachten, uns vielleicht nicht immer auf die gesündeste Weise lieben.“

Henry Selick hatte sich schon 18 Monate vor Veröffentlichung des Buches in die tapfere Coraline und ihr unheimliches Abenteuer verliebt, als Gaiman ihm das Manuskript über seinen Agenten zuschicken ließ. Selick dazu: „Als ich das Manuskript las, war ich beeindruckt davon, wie die zwei Welten einander gegenübergestellt werden: die Welt, in der wir alle leben, und die andere, in der das Gras stets grüner ist. Damit kann sich jeder Mensch identifizieren. Genau wie Stephen King spielt Neil auch mit der Phantasie in modernen Zeiten in unserem Leben. Er spaltet das gewöhnliche Dasein und findet Magie darin. Mir hat ‚Coraline‚ sehr gefallen, und ich hoffe, dass sie auch den Kindern, die sie im Kino sehen werden, aus verschiedenen Gründen ans Herz wachsen wird. Denn sie ist mutig, erfindungsreich und über die Maßen neugierig. Wenn sie etwas Interessantes sieht, muss sie einfach mehr darüber erfahren. Besonders gelungen fand ich, dass dieses ‚Das-Gras-ist-grüner‘-Szenario plötzlich Furcht einflößend wird. Dass Coraline – als Durchschnittsmädchen – sich dem Bösen entgegenstellt und siegreich daraus hervorgeht, das bedeutet wirklich etwas. Neil lädt den Leser dazu ein, an Coralines Abenteuer teilzunehmen – und genau das Gleiche wollte ich dem Kinopublikum bieten.“

www.neilgaiman.com

Bewertung:

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