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Peter F. Hamilton – Den Bäumen beim Wachsen zusehen

Peter F. Hamilton
„Den Bäumen beim Wachsen zusehen“
(LübbeAudio)

Alles beginnt mit einem Mord im Jahre 1832 n. Chr. an der Oxforder Universität – eine grausame Tat, die die Polizei und die beiden Abgesandten der Familie des Opfers zutiefst erschüttert. Schnell stellt sich heraus, dass diese Welt mit der unsrigen nur bedingt Gemeinsamkeiten aufweist, denn in ihr hat das römische Imperium niemals einen Untergang erlebt, und die technischen Möglichkeiten liegen weit über den damaligen unserer Erde. In dieser Realität hinterlässt ein solches Verbrechen sehr viel tiefere Spuren, wodurch der Protagonist der Geschichte noch über Jahre an diesem Fall knobelt. Denn innerhalb der 156 Minuten vergehen zwei Jahrhunderte, in denen sich die Menschen bis zu den Sternen aufgeschwungen haben und schließlich Herren über das Leben selbst und die Materie geworden sind – nahezu alles ist erschaffbar. Durch die immer wieder revolutionierten technischen Mittel wird das Verfahren über all die Dekaden am Leben gehalten, und man kommt dem Geheimnis immer näher … Was als gewöhnliche Detektiv-Story beginnt und ohne jegliche Actioneinlagen und Effekthaschereien auskommt, entwickelt sich zu einer hinterfragenden, philosophischen Betrachtung des menschlichen Daseins. Ein interessantes Hörerlebnis, das von Detlef Bierstedt, dem Synchronsprecher von u.a. George Clooney, spannendes Eigenleben eingehaucht bekommt.

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T.A. Barron – Merlin: Wie alles begann

T.A. Barron
„Merlin – Wie alles begann“
(Der Hörverlag)

Was ein einziges, überliefertes Textlein so alles nach sich ziehen kann? Artus-Sagen gibt es mittlerweile mehr, als Taubenkacke auf dem Dach, und jede davon hält sich für die authentischste, nobelste und historisch korrekteste. Während irgendwo wieder ein föhnfrisierter Hollywood-Arthur auf die Menschenmassen losgelassen wird, haben sich andere Autoren schon vor längerer Zeit ein paar Gedanken, um die Hintergründe des Epos‘ gemacht.
T.A. Barron widmet sich mit seiner Pentalogie in Buchform der mystischen Figur des Zauberers Merlin, wirft einen tiefen Blick in dessen Vergangenheit und lässt uns daran teilhaben, wie er zu diesem sagenumwobenen Mann wurde – allerdings jenseits historischer Authentizität. Ohne jede Erinnerung an seine Herkunft, aller Wurzeln entrissen, findet sich der junge Emrys eines Tages verletzt und ermattet am Strande Britanniens wieder. In seiner Nähe liegt eine junge Frau, von der er nicht einmal mehr sagen kann, ob sie seine Mutter ist oder nicht. Doch noch bevor er feste Gedanken fassen kann, wird er von einem gigantischen, vernarbten Eber attackiert und im letzten Moment von einem edlen Hirsch gerettet. Fortan fristet er sein Dasein mit selbiger Frau am Rande eines kleinen Dörfchens, ein Ort, an dem sich Emrys jedoch nie zuhause fühlen kann. Nach und nach bemerkt er eigenartige Fähigkeiten in ihm aufkeimen, spürt, wie er der Natur und ihren Kräften näher und näher kommt.
In 310 äußerst kurzweiligen Minuten bekommt der nicht zwingend jugendliche Hörer (den dieser ist die Zielgruppe) den ersten der fünf Fantasy-Episoden ansprechend und einfühlsam vorgetragen, so dass ein Eintauchen in die Geschichte mühelos erfolgt. Die Suche nach der eigenen Identität Merlins kann Märchen-, Sagen- als auch Fantasyfreunden ans Herz gelegt werden und macht neugierig auf die nächsten Folgen.

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Helge Schneider – Aprikose, Banane, Erdbeer

Helge Schneider
„Aprikose, Banane, Erdbeer“
(Tacheles!/Indigo)

Gleich vorweggenommen: Die Konstante Schneiderschen Schaffens ist es Geschmäcker zu polarisieren – was nämlich die einen dazu verleitet, wild brüllend vor Lachen unter dem Tisch hin- und herzurollen, lässt den anderen lediglich gelangweilt das Gesicht einfrieren. Mit der ungekürzten Lesung seines fünften Romans um den bekloppten Kultkommissar Schneider, schafft Helge es ein weiteres Mal Wahn-, Un- und Blödsinn gekonnt mit künstlerischer Genialität zu paaren. Zwar wurde das Buch recht flott – natürlich von ihm höchstpersönlich – heruntergeleiert, so dass so mancher Hänger und Lesefehler zu vernehmen ist, aber gerade diese Unperfekt- und Natürlichkeit machen Herrn Schneider mitunter aus. Wer mutig genug ist, sich diesem surrealen Krimi zu stellen, der bekommt es mit der Satanskralle von Singapur zu tun, die zwar mir-nichts-dir-nichts irgendwelchen Leuten die Gedärme aus dem Leib schnetzelt, aber dennoch ein ganz netter Knuffelbär ist und eigentlich nur Schauspieler werden möchte. Gleichzeitig lernt man, auf recht abstruse Weise, wie unsere Welt entstanden ist und erhält Einblicke in begnadet-bekloppte Dimensionstheorien. Da man die verbalen Abstrusitäten, die über drei Stunden auf einen herniedergehen, aber unmöglich beschreiben kann, hier zum Abschluss noch ein kleiner Auszug zum neugierigmachen oder abschrecken: „Der Polizeipräsident saß da mit seinem Billardstock, der im Hals steckte. […] Ein Verrückter hatte ihm einen Billardstock ins Essen getan. Dieser Billardstock konnte, nachdem er ihn unbeabsichtigt heruntergeschluckt hatte, nicht mehr entfernt werden.“

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Minions

Sadie Chesterfield
„Minions“
(Der Hörverlag)

Sie sind schon seit Jahren die eigentlichen Superstars der beiden Kinofilme „Ich – Einfach unverbesserlich„, Teil 1 und 2, und lassen den gar nicht so bösen Superschurken Gru und seine Mädels an Charme und Witz glatt hinter sich: die Minions. Die kleinen gelben Überraschungsei-förmigen Brillen- und Latzhosenträger bekommen jetzt mit „Minions“ ein eigenes Leinwandspektakel, das tief in die Vergangenheit zurückreicht und die lustige Geschichte des ungewöhnlichen Völkchens erzählt. Dabei mussten die gelben Kartoffelknilche so manche Gefahr bestehen, sich foltern lassen und sogar zu den Rettern Englands werden. Dabei wollen sie doch einfach nur einem bösen Meister dienen. Doch so ein rechter Bösewicht ist gar nicht so leicht zu finden.

Oliver Rohrbeck, besser bekannt als die Stimme von Justus Jonas von „Die drei ???„, erzählt die turbulenten Abenteuer dermaßen lebendig, dass es eine wahre Freude ist. Dabei nutzt er sein ganzes Stimmpotential, um den Banana-Knirpsen chaotisches Leben einzuhauchen. Das ist auch bitter nötig, denn bei den gelben Helden geht es drunter und drüber. Nachdem den Minions schon der ein oder andere Bösling abhanden gekommen bzw. eher unfreiwillig aus dem Leben geschieden ist – ganz gleich ob Vampirlord oder Tyrannosaurus –, machen sich Kevin, Stuart und Bob auf, um den ultimativen Boss des Grauens zu finden. Über Umwege landen sie auf der Fachkonferenz für Superschurken, der Villain-Con und geraten da an eine wahrlich infernale Superfrau. Leider überflügelt das Dreikäsehochtrio die kühnsten Erwartungen ihrer neuen Auftraggeberin und werden zu den Monarchen Großbritanniens. Dafür müssen sie aus dem Weg geräumt werden, doch die Minions sind nicht nur drollig, sondern auch nahezu unkaputtbar.

Minions“ macht in der Hörbuchfassung eine Menge Spaß. Dennoch fehlt es den Protagonisten an der großartigen Animationsarbeit der Kinovorlage, denn die Minirecken leben von ihrer putzigen Mimik und Gestik. Dieses Manko versuchen die zwei CDs über eine pfiffige Erzählweise wieder wett zu machen, dennoch bleiben sie hinter dem Filmerlebnis zurück. Für unterwegs ist die Erzählung aber bestens geeignet und weiß dank Oliver Rohrbeck auch bestens zu erfreuen!

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Der Cthulhu Mythos

„Der Cthulhu Mythos – Horrorgeschichten von H.P. Lovecraft u.a.“
(LPL Records/AudioLübbe)

Der gute Lovecraft schrieb und schuf in seinem Leben nicht einfach nur Horrorgeschichten, sondern einen ganzen Kosmos des Schreckens, der nicht nur etliche Leser begeisterte, sondern auch bald viele Autoren in seinen Bann zog und animierte, selbst an diesem Mythos weiterzuarbeiten. So orientieren sich auch diese 275 kurzweiligen Minuten an Lovecrafts cthulhoidem Wahnsinn und stellen sechs Geschichten von und aus seinem Umfeld vor – darunter „Der Ruf des Cthulhu“ und „Dagon“ aus des Meisters eigener Hand, „Der Schwarze Stein“ von Conan-Erfinder Robert E. Howard, Lin Carters „Die Glocke im Turm“, D.R. Smiths „Warum Abdul Al Hazred dem Wahnsinn verfiel“ und schließlich noch Christian von Asters „Ein Porträt Torquemadas“. Keine der unheil- und geheimnisvollen Erzählungen kann als Füllmaterial eingestuft werden, überzeugen doch alle durch ihren ganz eigenen, beklemmenden Stil. David Nathan, unter anderem Synchronsprecher von Johnny Depp, schlüpft in die Rolle von Lovecraft selbst, um in einer Art Autobiographie, Einblicke und Reflexionen zu den einzelnen Werken zu verkünden und gleichzeitig mit dem Irrglauben um das „Necronomicon“ aufzuräumen. Hörspielkoryphäe Joachim Kerzel zeichnet für das stimmungsvolle Verlesen der einzelnen ungekürzten Geschichten verantwortlich und kann damit, wie immer, brillieren. Nicht umsonst bekam diese dicke Box den deutschen Phantastik-Preis 2003 als bestes Hörbuch verliehen.

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Necrophobia 1

Necrophobia – Die besten Horrorgeschichten der Welt (1)
(LPL/AudioLübbe)

Ein weiteres Highlight morbider Schauerunterhaltung bietet der erste Part einer Sammlung von sechs grässlich-schönen Grusel- beziehungsweise Horrorerzählungen aus dem Hause LPL Records. Mit Joachim Kerzel, David Nathan, Lutz Riedel und Nana Spier haben die Produzenten die richtigen Vier gefunden, um den  düsteren Stories ein bitterböses Eigenleben einzuhauchen, wodurch keine der insgesamt 137 Minuten langweilig oder dröge wird. Schon der Auftakt „In der letzten Reihe“ von Brian Lumley verbindet spannende Erzählweise mit einem langsam aufkeimenden Schrecken, vermengt mit einer sanften Dosis Erotik. „Mein toter Hund Bobby“ von Joe R. Lansdale strotzt vor makabrem Galgenhumor, ist zugleich zutiefst abstoßend, als auch schwarzsarkastisch. Mit „Pickmans Modell“ von H.P. Lovecraft haben sich die Verantwortlichen eine der unterschwellig gruseligsten Geschichten aus dem kompletten Cthulhu-Mythos ausgesucht. Eine ähnliche Art der Gänsehaut erzeugt Gustav Meyrinks „Das Präparat“, wobei „Der Pelzmantel“ von Richard Laymon in eine völlig andere Richtung des Horrors tendiert, und eher mit menschlichem, denn mit übernatürlichem Wahnsinn konfrontiert. Den gelungenen Abschluss macht Graham Mastertons „Ein gefundenes Fressen“, das wörtlich gespenstische Züge annimmt. Da die Geschichten durchschnittlich etwa 20 Minuten lang sind, lassen sie sich zu jeder Gelegenheit problemlos hören – machen aber in einem Rutsch am meisten „Freude“.

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Engelskalt

Samuel Bjørk
„Engelskalt“
(Hörverlag)

Nur noch zehn Tage, dann hat Mia Krüger es hinter sich. Im Kalender hat sie sich das Datum markiert, zählt jede verbleibende Stunde bis zur endgültigen Erlösung. Sie möchte eins sein mit ihrer zauberhaften Schwester, alles zurücklassen, für immer vergessen, nicht mehr spüren, nicht mehr sein. Doch noch bevor die Ex-Ermittlerin in ihrem Haus auf der abgelegenen norwegischen Insel Hitra ihre Freiheit erlangen kann, taucht ihr ehemaliger Kollege Kommissar Holger Munch auf und hält ihr einige Bilder eines widerlichen Mordes unter die Nase. Ein kleines Mädchen, vielleicht sechs Jahre alt, das in Puppenkleidern an einem Baum baumelt. Auf einem Schild um seinen Hals steht: „Ich reise allein“. Benebelt von Tabletten, geschwächt durch den näherrückenden Tod, fallen der abgemagerten Polizistin dennoch einige Details auf, die ihren Kollegen bisher entgangen waren. Allen voran eine „1“ auf dem Fingernagel; ein Zeichen dafür, dass sie das erste von vielen noch folgenden toten Kindern sein wird. Und so entscheidet sich Mia Krüger, mehr tot als lebendig, kurz vor ihrem unausweichlichen Ende, noch ein letztes Mal etwas Gutes zu tun und damit nicht sinnlos aus dem Leben zu scheiden.

Auf dem Festland wird unterdessen die alte Ermittlertruppe wieder ins Leben gerufen und mit einigen neuen Gesichtern bestückt. Sogar der strafversetzte Holger Munch ist wieder mit von der Partie. Der Fall hat oberste Priorität, hat dieser furchtbare Kindermord dem skandinavischen Idyll doch für immer die Unschuld geraubt. Schnell führen Spuren in die Vergangenheit und lassen einen als Selbstmord abgestempelten Fall wieder neu aufleben …

Der norwegische Autor Samuel Bjørk entwirft mit seiner dichten Erzählweise und packenden Sprache ein überaus fesselndes Nervenzerrszenario. Oberflächliche Reize interessieren ihn nicht. Vielmehr steckt er mit Genuss die Finger in die klaffenden Wunden unserer Gesellschaft und ganz besonders in die seiner Protagonisten. Zutiefst abgründig sind seine Charakterentwürfe, häufig von Schuld zerfressen. Doch es gelingen ihm auch hoffnungsvollere Figuren, die das große Leid dieses Thrillers erträglich machen. Denn zwischen Drogentod, Entfremdung und Kindesmord bedarf es schlichtweg etwas Raum zum Durchatmen. Doch dieser Raum ist begrenzt, lässt nicht mehr zu, als ein kurzes Japsen nach Luft, und schon baut sich wieder eine damoklesschwertartige Schwere auf. Diese Dunkelheit wird aber nicht nur durch die Handlung, sondern auch durch Bjørks Stil erzeugt – dieser fordert vom Leser oder hier vom Zuhörer volle Aufmerksamkeit. Zum nebenher lesen oder hören ist „Engelskalt“ absolut nicht geeignet.

Samuel_Bjork©Harald_Øren

Samuel Bjørk © Harald Øren

Die ungekürzte und unbearbeitete vollständige Lesung lässt den Lauschenden schnell im Geschehen versinken, denn Dietmar Wunder holt seine Zuhörer schon mit den ersten Zeilen ab und lässt sie bis zum Schluss, nach 13 Stunden, an seinen Lippen kleben. Der Schauspieler und vielgefragte Synchronsprecher (u.a. Daniel Craig und Adam Sandler) liest ausdrucksstark, verstellt seine Stimme, verleiht den Geschehnissen eine expressive Dynamik.

Engelskalt“ ist mehr als ein nordischer Krimi. Es ist ein herausragendes Hörbuch, das die Stärken der Romanvorlage betont und selbst die wenigen Schwächen bewegend macht. Ein Psycho-Thriller Deluxe!

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Der Exorzist

William Peter Blatty
„Der Exorzist“
(LübbeAudio)

Der ExorzistWie kaum ein anderer Film hat William Friedkins „Der Exorzist“ das Genre des Geisteraustreibungshorrors geprägt. Der Regisseur griff dabei auf eine überaus erfolgreiche gleichnamige Romanvorlage aus dem Jahre 1971 zurück, die vom Autor William Peter Blatty für die Verfilmung selbst adaptiert wurde. Max von Sydow brillierte als Pater Lancaster Merrin und Mike Oldfields gespenstisches „Tubular Bells“ unterstrich auf gespenstische Weise die einzigartige Atmosphäre des Streifens. Als „bearbeitete und inszenierte Fassung“ lässt Joachim Kerzel den Roman nun als Hörbuch mit Soundeffekten und Musik neu auferstehen und verleiht dem dämonischen Treiben unheiliges Leben. Als die pubertierende Regan einige Verhaltensauffälligkeiten wie Gespräche mit ihrem imaginären Freund Captain Howdy zeigt, denkt sich ihre Mutter noch nichts Böses. Doch recht bald schlägt ihr Gebaren ins Obszöne und Bedrohliche um und es scheint, als sei die Zwölfjährige vom Teufel besessen. Genauer gesagt vom babylonischen bzw. assyrischen Dämon Pazuzu. Der hinzugezogene Jesuitenpater Damien Karras hat so seine Probleme mit dem Exorzismus, ist sein Glaube an Gott doch alles andere als gefestigt – und wer an den Teufel glaubt, muss auch an den Einen glauben. So holt er sich den gealterten Experten Pater Lancaster Merrin zur Seite und gemeinsam steuern sie auf eine Katastrophe zu. Pflicht!

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Gruselmärchen – Mit Alptraumgarantie

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„Gruselmärchen – Mit Alptraumgarantie“
(LPL Records)
Was da in einer schlichten und ziemlich hässlich anmutenden Verpackung steckt, hat mit seinem layoutarmen Äußeren zum Glück rein gar nichts gemein. Ganz im Gegenteil handelt es sich bei diesen abwechslungsreichen sieben Geschichten um eines der wahrlich gruseligsten Schauermärchen im Erzählspielbereich. Wer bei Märchen gleich an krüppelige Hexen, dicke Knaben und übertugendhafte Prinzen denkt, der greift bei diesen Fassungen tief ins Klo. Dennoch fußen diese Geschichten allesamt in Erzählungen der Gebrüder Grimm, sind allerdings mit einer modernen Dosis Poe und Lovecraft angereichert worden und definitiv nichts für Kinder. In der Tat waren viele Grimm-Märchen alles andere als brave Gute-Nacht-Storys zum Einschlafen. So inspiriert, schrieben die Autoren Lars Peter Lueg und Stephen B. Tayler ihre eigenen Visionen von Gruselmärchen – und das auf überzeugende und überraschende Weise. Der Erzähler Stéphane Bitoun verleiht den äußerst atmosphärischen und teils auch beklemmenden Texten ein spürbar schauerliches Eigenleben – egal ob es sich um die mystische Gespenstergeschichte „Bruder Lukas“ handelt, den Psychohorror „Furcht“ oder das grausame Treiben einer zum unsterblichen Monstrum gewordenen Prinzessin, wie in „Der Trank“. Die Geräusche, Musik und Effekte werden sparsam eingesetzt und lassen der bildreichen Sprache genügend Raum zur Entfaltung. Nur hin und wieder klingen gerade diese Untermalungen ein wenig dünn, ändern aber nichts an den insgesamt fantastischen Hörgenuss.

Bewertung:

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