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Gruselmärchen – Mit Alptraumgarantie

GruselmärchenVA
„Gruselmärchen – Mit Alptraumgarantie“
(LPL Records)
Was da in einer schlichten und ziemlich hässlich anmutenden Verpackung steckt, hat mit seinem layoutarmen Äußeren zum Glück rein gar nichts gemein. Ganz im Gegenteil handelt es sich bei diesen abwechslungsreichen sieben Geschichten um eines der wahrlich gruseligsten Schauermärchen im Erzählspielbereich. Wer bei Märchen gleich an krüppelige Hexen, dicke Knaben und übertugendhafte Prinzen denkt, der greift bei diesen Fassungen tief ins Klo. Dennoch fußen diese Geschichten allesamt in Erzählungen der Gebrüder Grimm, sind allerdings mit einer modernen Dosis Poe und Lovecraft angereichert worden und definitiv nichts für Kinder. In der Tat waren viele Grimm-Märchen alles andere als brave Gute-Nacht-Storys zum Einschlafen. So inspiriert, schrieben die Autoren Lars Peter Lueg und Stephen B. Tayler ihre eigenen Visionen von Gruselmärchen – und das auf überzeugende und überraschende Weise. Der Erzähler Stéphane Bitoun verleiht den äußerst atmosphärischen und teils auch beklemmenden Texten ein spürbar schauerliches Eigenleben – egal ob es sich um die mystische Gespenstergeschichte „Bruder Lukas“ handelt, den Psychohorror „Furcht“ oder das grausame Treiben einer zum unsterblichen Monstrum gewordenen Prinzessin, wie in „Der Trank“. Die Geräusche, Musik und Effekte werden sparsam eingesetzt und lassen der bildreichen Sprache genügend Raum zur Entfaltung. Nur hin und wieder klingen gerade diese Untermalungen ein wenig dünn, ändern aber nichts an den insgesamt fantastischen Hörgenuss.

Bewertung:

tentakel_8v10

 

The Mighty Sieben – Each Divine Spark

Each Divine SparkThe Mighty Sieben
„Each Divine Spark“
(Redroom)

Wahrlich ein göttlicher Funken ist es, den Matt Howden hier mit seinem elften Album versprüht. Der Violinenvirtuose und Stimmmagier vereint seine beiden Gaben in perfekter Harmonie zu einer einzigartigen Melange des Transzendentalen. Seine Zutaten sind Poesie, Melancholie, Tiefgründigkeit, Filigranität, Kunstfertigkeit und andere edle Ingredienzen, die sorgsam analog aufgenommen und liebevoll weiterverarbeitet wurden. Die Besonderheit der Sieben’schen Kompositionen ist neben der schweren Emotionalität und den sinnierenden Versen, vor allem aber jene unnachahmliche Verbindung aus Gesang und Geige – während der Solist stimmlich haucht, singt, warnt oder schwelgt, konstruiert er mit seinem Streich- und Zupfinstrument die wundervollsten Melodien. Dabei schachtelt er live eingespielte Geigen-Loops zusammen, verflechtet einzelne Tonfolgen zu einer dichten, eindringlichen Klangsphäre. Selten lässt er diese duale Kraft von einer Gastgitarre, einem Cello oder hier und da von einer weiblichen Stimme ergänzen. „Each Divine Spark“ nimmt gefangen, berührt und bewegt und lässt für volle 48 Minuten bedächtig lauschen – mit den Ohren und dem Herzen. Oder um es in Matt Howdens Worten zu sagen: „Driven in the heart / this is non-pop / underground woundsound“.

Bewertung:

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Benjamin Wallfisch – Hours

HoursBenjamin Wallfisch
Hours
(Varèse Sarabande/Colloseum)
Filmmusik darf sich dann als herausragend bezeichnen, wenn es ihr gelingt – auch bei einem Kino-unkundigen Hörer – eine Geschichte zu erzählen, die Atmosphäre der Leinwandvorlage zu transportieren und Bilder vor dem inneren Auge zu erschaffen. Benjamin Wallfisch hat ein besonderes Talent für ausgefeilte Stimmungen und vermag immer wieder in die verschiedensten Drehbücher hineinzuschlüpfen und deren Essenz zum Klingen zu bringen. Seine Scores wurden mehrfach nominiert, ganz gleich ob er sich einem Werk Lars von Triers, Terry Gilliams oder Joe Wrights angenommen hat. Für den emotional aufreibenden Thriller „Hours“ zaubert er ein eindringliches, feinfühliges und fragiles Notengerüst, das von seinen zarten Melodiebögen und einer in sich gekehrten Gemütslage lebt. Erzählt wird das Schicksal von Paul Walker, der durch die vorzeitige Geburt seiner Tochter seine Frau Abigail verliert. Zurück bleibt er mit einem lebensunfähigen Winzling, der für zwei Tage durchweg an Maschinen angeschlossen werden muss. Als wäre dieser Schlag nicht schon hart genug, braust auch noch der Hurrikan Katrina auf die Stadt zu und zwingt den Vater selbst für Strom zu sorgen und das evakuierte Hospital gegen Plünderer zu verteidigen. Diese Verzweiflung, diese tiefgründige Emotionalität findet in den zwölf wundervoll arrangierten Stücken bewegenden Ausdruck.

Bewertung:

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