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Friedhof der Kuscheltiere

Stephen King
„Friedhof der Kuscheltiere“
(Hörverlag)

Was als gewöhnliche Erzählung über eine amerikanische Familie, die aus der Großstadt in das Nest Ludlow zieht, beginnt und sich anfangs in banalen Nebensächlichkeiten erschöpft, windet sich langsam und kreisend um einen immer schwärzer werdenden Höhepunkt des Grauens. Anfangs bewundern die Creeds noch das schnuckelige Landhäuschen, inmitten einer traumhaften Landschaft gelegen, umgeben von endlosen Wäldern, doch bald beginnt ein unabwendbarer schrecklicher Untergang der trauten Glückseligkeit. Schuld daran ist der vielbefahrene Highway, der direkt vor dem Grundstück des Universitätsarztes vorbeiläuft und schon in der Vergangenheit für einen Haufen Matsch unter den Haustieren sorgte. Als die Katze der Tochter ebenfalls plattgewalzt wird, beerdigt der Familienvater sie auf dem nahegelegenen, unheimlichen Indianerfriedhof – am nächsten Tag ist sie zurück, aber in einer bösartigen, teuflischen Form. Als schließlich auch noch der kleine Sohn unter die Räder gerät, kann sich der aufmerksame Leser bzw. Zuhörer schon vorstellen, welch schreckliches Ende diese Geschichte nehmen muss. Mit einer stimmungsvollen musikalischen Untermalung, einer gelungenen Geräuschkulisse und einer ganzen Reihe hochkarätiger Sprecher wird dieses Hörspiel zu einem wirklich genussvollen Alptraum. Während sich die erste CD noch gemäßigt gestaltet, wird der dritte Tonträger zu einem echten Höllentrip in den Wahnsinn. Über Rückblenden und innere Monologe wird eine so dichte Atmosphäre geschaffen, dass sogar bekennende Stephen-King-Verachter (wie der Verfasser dieser Zeilen) nach kurzer Zeit die Hosen gestrichen voll haben. Ist also der King-typisch zähe Einstieg überstanden, können die drei Stunden ohne Reue genossen werden.

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Sieben Siegel 1

„Sieben Siegel: Die Rückkehr des Hexenmeisters“ (1)
(Hörverlag)

Während die Horror-Serie des mittlerweile verblichenen Hörspiellabels Meteor eher für trashige Lauschunterhaltung sorgt, konnten sich die „Sieben Siegel“ schon damals problemlos mit der Spitze der Hörspiele messen; so ist es kaum verwunderlich, dass diese Reihe bereits 2002 einige Auszeichnungen erhalten hatte und später vom Hörverlag übernommen wurde. Mit diesem ersten Teil führt der Autor Kai Meyer in die mystischen Geschehnisse um die Träger der Sieben Siegel ein. In dem uralten Nest Giebelstein wohnt Kyra bei ihrer Tante Kassandra, die als eigenbrötlerische Teehändlerin mit der dunklen Vergangenheit des Ortes verwoben ist. Eines Abends beobachtet Kyra eine Frau, aus deren Handtasche ein silberner, fliegender Fisch entfleucht, der kurz darauf einen Raubvogel zu Kleinholz verarbeitet. Was einfach nur als seltsames Erlebnis beginnt, endet bald in einer Verschwörung eines riesigen Hexenbundes, gegen die sich Kyra, ihre beiden Freunde Nils und Lisa, gezwungener Maßen auch der neu zugezogene Chris und Tante Kassandra stellen müssen. Mit viel Feingefühl und einer Palette an überzeugenden und herausragenden Sprechern, ganz zu schweigen von der netten musikalischen Untermalung, entsteht eine unterhaltsame und spannende kindgerechte Geschichte, die auch junggebliebene Altsemester zu ergötzen weiß und Appetit auf weitere Folgen.

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Necrophobia 1

Necrophobia – Die besten Horrorgeschichten der Welt (1)
(LPL/AudioLübbe)

Ein weiteres Highlight morbider Schauerunterhaltung bietet der erste Part einer Sammlung von sechs grässlich-schönen Grusel- beziehungsweise Horrorerzählungen aus dem Hause LPL Records. Mit Joachim Kerzel, David Nathan, Lutz Riedel und Nana Spier haben die Produzenten die richtigen Vier gefunden, um den  düsteren Stories ein bitterböses Eigenleben einzuhauchen, wodurch keine der insgesamt 137 Minuten langweilig oder dröge wird. Schon der Auftakt „In der letzten Reihe“ von Brian Lumley verbindet spannende Erzählweise mit einem langsam aufkeimenden Schrecken, vermengt mit einer sanften Dosis Erotik. „Mein toter Hund Bobby“ von Joe R. Lansdale strotzt vor makabrem Galgenhumor, ist zugleich zutiefst abstoßend, als auch schwarzsarkastisch. Mit „Pickmans Modell“ von H.P. Lovecraft haben sich die Verantwortlichen eine der unterschwellig gruseligsten Geschichten aus dem kompletten Cthulhu-Mythos ausgesucht. Eine ähnliche Art der Gänsehaut erzeugt Gustav Meyrinks „Das Präparat“, wobei „Der Pelzmantel“ von Richard Laymon in eine völlig andere Richtung des Horrors tendiert, und eher mit menschlichem, denn mit übernatürlichem Wahnsinn konfrontiert. Den gelungenen Abschluss macht Graham Mastertons „Ein gefundenes Fressen“, das wörtlich gespenstische Züge annimmt. Da die Geschichten durchschnittlich etwa 20 Minuten lang sind, lassen sie sich zu jeder Gelegenheit problemlos hören – machen aber in einem Rutsch am meisten „Freude“.

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CROWN

C R O W N
„Natron“
(Candlelight Records)

Als zwei gitarrenbewehrte Männer mit einem (Drum-)Computer fingen CROWN aus dem schönen Osten Frankreichs an, fanden im Januar 2014 jedoch in Frederyk Rotter von den Schweizer Deathdoomern Zatokrev Unterstützung. Nun sind es eben drei gitarrenbewehrte Männer – und diese pointierte Instrumentierung zahlt sich auf ihrer Scheibe „Natron“ durchweg aus. Dabei könnten die sieben Stücke des Albums kaum facettenreicher sein, schwanken zwischen depressivem Doom und schwerblütigem Indie. Das knapp zehnminütige Meisterwerk „Wings Beating Over Heaven“ zeigt das songwriterische Können und die stilistische Vielfalt der Linksrheiner vortrefflich auf: schwarzmetallische Aggression verliert sich immer wieder in sphärischem Ausbluten, Niedergang und Aufbäumen werden zu einer unzertrennlichen, schmerzlichen Einheit. Auf emotionaler Ebene ähnlich, aber stilistisch unvergleichbar, wogt das pumpende „Serpents“ daher. Hier wird die Vorliebe des Trios für Nine Inch Nails hör- und spürbar. Was eben noch rhythmisch monoton wie ein Pulsschlag einlullt, bricht im nächsten Augenblick voller Agonie auf – gellend, verzweifelt, zornig. Nicht ganz unbeteiligt an der dichten Atmosphäre ist hier Gastsänger Stéphane „Neige“ Paut von den shoegazigen Post-Rockern Alcest. Eine gänzlich andere Stimmung verbreitet „Fossils“, das ohne ausufernde Wut auskommt, sondern die Hoffnungslosigkeit zu einem anschmiegsamen Indie-Pop-Song verdichtet. Erinnerungen an Editors und Konsorten werden wach – und an die verblichenen Beastmilk. Kein Wunder, denn Khvost, der jetzt mit Grave Pleasures weitermacht, leiht dem Stück sein unverkennbares Organ.

Jeder einzelne Track hat seine ganz eigenen Eigenschaften, sein ganz individuelles Klangbild und seinen unverkennbar starken Charakter. Die nötigen Kanten, Tiefen und Unebenheiten machen „Natron“ zu einem mitreißenden Erlebnis, das von der düsteren und schwerblütigen Stimmung, der heiligen Gitarrendreifaltigkeit und seiner stilistischen Freiheit und Variabilität lebt. CROWN klingen wie ein paar Alt-Doomer, die zu viele Pilze gemampft haben und jetzt meinen, sie wären ein Zwitter aus Nine Inch Nails und den Editors … oder so. Egal, extrem hörenswert!

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Ladybaby

LADYBABY「ニッポン饅頭」Music_Clip_-_YouTubeFrauen mit Bärten

Conchita Wurst ist ja schön und gut, aber der Australier Richard M. war zuerst da! Und wie! Als crossgedresster Pro-Wrestler, Metalhead und Partykanone mischt er schon seit einiger Zeit das Land der aufgehenden Sonne auf. Jetzt hat Mister Ladybeard noch ein paar kleine Schulmädchen huckepack genommen und macht sich als Trio auf den Weg in den japanischen Rock-Himmel …

Wir wissen nicht so ganz, ob wir weinen oder lachen sollen, aber einen gewissen Schauwert hat das neue Video auf jeden Fall. Viel Spaß!

My Dying Bride – Feel The Misery

My Dying Bride-CoverDepressive Düster-Doomer

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus, dunkle Schatten, tiefschwarze Schatten, Schatten des Untergangs und der Verzweiflung. Am 18. September bringen die britischen Doomer ihr nächstes Album heraus, das auf den klangvollen Namen „Feel The Misery“ (Peaceville/Edel) hören und als CD,Vinyl, Special Edition 2CD/2×10″-Vinyl-Set im Deluxe Earbook Format mit exklusiven Songs und ausführlichem Booklet erhältlich sein wird.

Das zwölfte Studioalbum wird acht Tracks an Bord haben und die Rückkehr des Original-Gitarristen Calvin Robertshaw mit sich bringen. Das ist wahrlich ein dickes 25. Jubiläum der Sterbenden Bräute. Um klanglich auf der Höhe zu sein wurde „Feel The Misery“ in den Hallen der Academy Studios in Dewsbury, West Yorkshire aufgenommen, in denen alle frühen My Dying Bride-Klassiker produziert wurden. In eigenen Worten ließen die Englänger verlautbaren:

„Contained within are all the grandeur and mastery of the melancholic one would expect to find on a recording from this group of musicians. The crushing of hearts and the solemn farewells to friends and lovers twinned with the destruction of flesh and the passions of cruelty are laid neatly for the listener to devour and savour. Eight new compositions detailing the path of life through dark doors and the burdens we all must endure simply to make it to the end, My Dying Bride have returned with a foreboding new album which may enlighten, delight and consume the soul in one epic sitting.“

Die Trackliste liest sich auf jeden Fall sehr erfolgversprechend:

1. And My Father Left Forever
2. To Shiver In Empty Halls
3. A Cold New Curse
4. Feel The Misery
5. A Thorn Of Wisdom
6. I Celebrate Your Skin
7. I Almost Loved You
8. Within A Sleeping Forest

Und wer die Jungs schnellstmöglich live erleben will, der kann sich schon mal ein paar Daten im Kalender eintragen:

31. Juli – Wacken Festival, Deutschland
2. August – Rock Off Festival, Istanbul, Türkei
7. August – Rock Part Festival, Lake Balaton, Ungarn
8. August – Party San Metal Open Air, Schlotheim, Deutschland
29. August – Seinajoki Metal Festival, Rytmikorjaamo, Finnland

Role Play Convention 2015

RPC-logoGrenzenlose Spielwelten

Seit 2007 gehört die jährlich stattfindende Role Play Convention zu den Höhepunkten der Spielwelt. Die Nerdonomicon-Crew war vor Ort, um den Zauber der fantastischen Zusammenkunft zu ergründen.

Am Samstag, den 16. Mai öffnete die Koelnmesse ihre Pforten für ein buntes und gespannt wartendes Völkchen, das nicht nur aus weiten Teilen Deutschlands, sondern auch aus den umliegenden Ländern angereist war. Leibhaftige Elfen und andere Fantasy-Vertreter gehörten ebenso dazu, wie Star-Wars-Persönlichkeiten, Manga-Charaktere, Comic-Helden, mittelalterlich Gewandete, Metal-Fans, bebrillte Vollnerds oder gewöhnliche Otto-Normal-Spieler. Sie alle sollten für das komplette Wochenende in Halle 10 ein vielseitiges An- und Aufgebot vorfinden, das Workshops, Turniere, Bandauftritte, Probespielrunden, Präsentationen, Lesungen, Filmvorführungen und vieles mehr beinhaltete und in seiner Gänze unmöglich vollständig wahrzunehmen war. Liebhaber komplexer Tabletop-Spiele kamen ebenso auf ihre Kosten wie Rollenspieler, LARPer oder auch Fans unterhaltsamer Brett- oder Kartenspiele. In kleinen Gruppen konnten Interessierte in einzelne Titel wie „Earthdawn„, „Pathfinder“ oder „Iron Kingdoms“ hineinschnuppern, durften sich in fordernden Partien (wie „Mage Wars„) bekämpfen, sich beim Kartenklopfen mit „Smash Up“ schieflachen oder aber sich sogar in die Geheimnisse des LARP einführen lassen. Besonders beeindruckend war die Präsentation des ursprünglich über Crowdfunding finanzierten Strategiespiels „Golem Arcana„. Auf variablen Schlachtfeldern und mit unterschiedlichen Missionsaufgaben müssen sich hier zwei Kontrahenten mit ihren detailliert designten Spielfiguren bekämpfen. Ihre Golems sind mit einer App auf dem Handy oder Tablet gekoppelt, das nicht nur das gesamte Spielgeschehen überwacht, sondern auch alle Regelmechanismen und die anfallenden „Buchhalteraufgaben“ übernimmt. Das Durchackern ellenlanger Regelwerke bleibt dem Golemlenker damit erspart und auch beim Gefecht bedarf es keiner schwierigen Berechnungen mehr – der Computer springt bei diesen Punkten zuverlässig ein. Bisher sind hierzulande zwei Erweiterungen über Pegasus erhältlich – in den USA gibt es jedoch schon deutlich mehr Material zum Nachlegen.

Aber auch Liebhaber rasanter Pixelwelten konnten sich über einige Höhepunkte freuen. Das brachiale Fantasy-Football-Gebolze „Blood Bowl 2“ konnte weltexklusiv auf Sonys PlayStation 4 angezockt werden – und machte schon im Beta-Stadium eine kernige Figur. Sehr imposant war auch der „Diablo„-ähnliche Actionkracher „Victor Vran“ vor schicker Steampunk-Kulisse, bei dem der Spieler aber auch über die Springentaste höhergelegene Levelbereiche erreichen oder kleine Hindernisse überwinden kann. Ungeschlagen war jedoch der neue Mehrspielermodus von „Giana Sisters Twisted Dreams“ bei dem die Entwickler von Black Forest Games ganze Arbeit geleistet haben. Bis zu vier Spieler dürfen sich in verschiedenen Levels eine pfiffige Jum’n’Run-Hetzjagd liefern. Dabei spielt sich das flotte Gehopse wie eine großartige Mischung aus „Mario Kart„, „Micro Machines“ und „Sonic„. Freudentränen und Zornesflüche sind hier vorprogrammiert.

Wer ein wenig den vom Knobeln überforderten Kopf oder die vom Daddeln überanspruchten Finger ausruhen wollte, konnte sich als Manga-Figur oder Zombie zeichnen lassen, über den angrenzenden Mittelaltermarkt im Freien schlendern oder aber bei einer Reihe von Bands der Musik frönen. Die Mittelalter-Crossover-Pioniere von Tanzwut waren ebenso vor Ort wie Harpyie, Tibetréa, Ye Banished Privateers, MacPiet oder Xandria. Und selbstverständlich gab es tonnenweise Zeugs zu kaufen, seien es nerdige Klamotten, Sammlerfiguren, Spiele, Bücher, Würfel, LARP-Zubehör oder ausreichend Leckereien für das leibliche Wohl. Wir sind auf jeden Fall auch 2016 wieder mit an Bord!

Chuck Schuldiner – Zero Tolerance

Chuck Schuldiner

Chuck Schuldiner – Zero Tolerance

Chuck Schuldiner
„Zero Tolerance“
(Karmageddon Media)
Nachdem ein Gehirntumor das Death-Mastermind Chuck Schuldiner im Dezember 2001 aus dem Leben riss, unterstützt vom damaligen amerikanischen Gesundheitssystem, das es nur den Reichen gestattete, sich teure Behandlungen und Operationen leisten zu können, blieb es um seine beiden Bands Death und Control Denied still. Anfangs wollte die Familie die halbfertigen Stücke des zweiten Control Denied-Albums zwar zum Download freigeben, aber bisher herrscht auch da noch Schweigen. Mit der zehnspurigen Scheibe „Zero Tolerance“ kredenzt man den wartenden Fans des perfektionistischen Pioniers vier Songs aus dem Control Denied-Proberaum, die sich allesamt mehr als hören lassen können. Zwar kommen die Stücke ohne Gesang daher, sind aber – wie man das von Chuck gewohnt ist – technisch äußerst anspruchsvoll, virtuos gespielt und kompositorisch auf einem atemberaubenden Niveau – geradlinige Härte wird hier geschickt mit Melodie und einer heftigen Spur düsterer Emotionalität vermengt. Für die Die-Hard-Fans gibt es noch die beiden Death-Demos „Infernal Death“ (1985) und „Mutilation“ (1986) dazu, die allerdings wirklich nur absoluten Schuldiner-Fetischisten zu empfehlen sind.

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Farin Urlaub – iDisco

Farin Urlaub – iDiscoFarin Urlaub Racing Team
„iDisco“
(Völker hört die Tonträger)

Farin Urlaub alias Jan Ulrich Max Vetter, seines Zeichens Oberblondi und Grinsebacke bei der besten Band der Welt, Die Ärzte auuuuuus Berlin, hat am 24. April 2015 seine dritte Single zum Album „Faszination Weltraum“ vorgelegt. „iDisco“ koppelt einen der Plattenhöhepunkte aus, ein durch und durch Urlaub-typischer Kracher – und das sogar in dualer Weise. Denn erstmals in der Geschichte des „Sommer, Palmen, Sonnenschein“-Punks liegt der Track nicht nur in seiner Albumversion vor, sondern zusätzlich noch in einem um 30 Sekunden verknappten und verdichteten Radio-Edit. Das ist jetzt nicht zwingend eine Offenbarung (die kommt ja auch erst zwei Songs später), aber „iDisco“ ist dermaßen knackig, witzig und ohrwurmig, dass jede weitere Fassung willkommen ist. Dieser Cha-Cha-Cha des Irrsinns pustet schon mit dem ersten Ton alle Gute-Laune-Ganglien durch und zwingt unweigerlich zu lautstarkem Mitgrölen. „Du bist umgeben von Schwachmaten, die auf Erlösung warten“, ist nicht nur bewährte Urlaub’sche Reimkunst, sondern auch ein Killerrefrain wie er im Farin-Buche steht.

FU - iDisco 1

„Welche Krise?“ geht ähnlich pfiffige Wege und klammert sich schon beim ersten Hördurchgang in den Lauschgängen fest. Wie übliche für den wasserstoffblonden Grien-Punk verbinden sich hier gesellschaftskritische Überlegungen und Ironie – alles bekömmlich serviert auf einem punk-rockigen Partyhit mit Arschwackelgarantie.

Der „Himmel auf Erden“ geht es ein wenig ruhiger, aber nicht weniger pointiert an. Über Religion hat sich Herr Urlaub bisher nur selten ausgelassen. Nachdem der Staat aber schon häufiger sein Fett wegbekommen hat, knöpft sich der Berliner Musiker nun die göttliche Sphäre vor – ganz ohne erhobenen Zeigefinger, ohne die Contenance zu verlieren oder platt unter die Gürtellinie zu treten. FU - iDisco 2Der ruhige Tonfall schlägt sich auch in der klanglichen Umsetzung nieder. Ein bisschen Klavier hier, ein wenig Akustikgitarre da und ein Hauch Druck vom Schlagzeug und schon holt der Racing-Team-Anführer den Himmel runter. „Die einen errichten Tempel, die anderen Moscheen, die dritten bauen Kirchen, Gott ist trotzdem nie zu seh’n“ – noch Fragen? Mit vier Tracks eine durch und durch lohnende Single, die jedem Ärzte und FU-Fan ans Herz zu legen ist.

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Hans Zimmer – Interstellar OST

Hans Zimmer
„Interstellar“
(Watertower Music/Sony Classical)

Der Frankfurter Komponist und Musikproduzent Hans Zimmer ist ein kleiner Gott des Wohlklangs. Für seine Soundtracks zu Filmen wie „Der schmale Grat„, „Gladiator„, „The Dark Knight“ oder „Inception“ wurde er unzählige Male für verschiedene Preise nominiert, konnte auch schon etliche Male einen Oscar, Grammy, Golden Globe oder Satellite Award abstauben. Für das epische wie metaphorische Science-Fiction-Drama „Interstellar“ unter der Regie von Düsterling Christopher Nolan durfte Zimmer ebenfalls die Noten setzen – und es wäre nicht verwunderlich, würde auch da erneut irgendeine Trophäe winken. „Interstellar“ ist für sich ein atemberaubender Streifen, viele Szenen beziehen ihre Kraft jedoch direkt aus den Kompositionen des Wahl-Hollywooders. Es ist immer wieder diese Eindringlichkeit und tiefe Emotionalität der Stücke, die den Zuhörer und -schauer wie ein schwarzes Loch ins Zentrum des Films saugt. Zarte Streicher treiben schwerelos durch das Weltall und wo vonnöten baut sich der Szenerie entsprechend symphonische Gewalt auf, um bald darauf wieder in filigrane Arrangements zu zerfließen. Und immer wieder nimmt die Kirchenorgel ihren epischen Raum ein, macht die metaphysische Ebene des Films hör- und spürbar. Hans Zimmer entfesselt mit seinem Score einen klitzekleinen Kern der Schöpfungskraft.

Wer sich jedoch die reguläre CD-Variante des Soundtracks gekauft hat, wird leider feststellen müssen, dass eines der intensivsten Stücke des Blockbusters fehlt. Als Pilot, Farmer und Familienvater Cooper sein Schiff an die rasend schnell rotierende Raumstation anzudocken versucht und keine Zeit für Vorsicht mehr bleibt, erschallt im Film „No Time For Caution“. Dieses gibt es jedoch nur in der Deluxe-Variante mit insgesamt 24 anstatt „nur“ 16 Tracks. Äußerst ärgerlich, denn gerade dieses Werk gehört zu den absoluten Höhepunkten des Albums.

Unabhängig davon ist der Soundtrack einmalig und auch abgekoppelt vom Film wunderbar zu genießen.

Geekometer (Deluxe-Version):

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