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Oscar Wilde – Das Gespenst von Canterville

Oscar Wilde
„Das Gespenst von Canterville“
(Der Hörverlag)

Was die Amis mit ihrer altklugen Weltpolizeieinstellung alles zustande- und vor allem kaputtkriegen, hat Oscar Wilde bereits 1887 erahnt und in seinem „The Canterville Ghost“ niedergeschrieben. Als sein erstes Werk, mit dem er an die Öffentlichkeit ging, ist es auch bis heute eines der beliebtesten und meistgelesenen seines Fundus‘ geblieben. Mr. Hiram B. Otis ist ein amerikanischer Gesandter in England und wird beim Kauf des Schlosses Canterville bereits vor seinem jahrhundertealten Geist gewarnt, was den aufgeklärten Vertreter der Neuen Welt nicht weiter beeindruckt, und ihn nur überheblich über den Aberglauben der Altweltler schmunzeln lässt. Tatsächlich geht es nicht lange, bis sich das Schlossgespenst zeigt und der frisch eingezogenen Familie aus Übersee das Fürchten lehren will. Doch irgendwie kommt alles ganz anders. Was wie eine Gesellschaftssatire beginnt, wird im Mittelteil zu einer Burleske und endet in einer romantisch-sentimentalen Atmosphäre. Die Umsetzung ist mit ihren 65 Minuten äußerst stimmig gelungen und setzt die Vielseitigkeit der Vorlage eindrucksvoll um. Gerade auch die humorigen Einlagen, in denen die Amis dem armen Gespenst recht arg zu Leibe rücken – auch wenn dieser nicht mehr existiert -, lassen das Hörspiel auch für die Kleinen zu einem unterhaltsamen Happen für zwischendurch werden. Die etwas Reiferen dürfen von Wildes facettenreicher Sprache zehren und sich eine schöne Stunde bescheren lassen.

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Thee Flanders – Graverobbing 2

Thee Flanders
„Graverobbing 2“
(Halb 7 Records)

Vor bald einer Dekade gruben die Potsdamer Psychobillysten Thee Flanders einen modrigen Haufen edler Klangode aus der geheiligten Musikgruft aus, um jene mit brummigem Kontrabass, fetzigem Schlagzeug, knarzender Gitarre und Normans rauem Gesangsorgan von den Toten zurückzuholen. „Graverobbing“ servierte 2007 bekannte Hits wie New Model Armys „51st State“, Yazoos „Only You“ oder Billy Idols „White Wedding“ – und das auf unnachahmliche Thee-Flanders-Art. Jetzt haben die vier Jungs erneut die Spaten aus dem Schuppen geholt, um ein weiteres mal den Friedhof der Evergreens umzugraben. Herausgekommen sind dreizehn brummig-spaßige Untotenklassiker beseelt durch eine flotte Mischung aus Punka- und Psychobilly. Reanimiert wurden artverwandte Klassiker wie u.a. „Dirty Lies“ von den Psychobillyheroen Mad Sin, „Pet Semetary“ von den unsterblichen Ramones oder „Dein Vampyr“ von der besten Bänd der Welt, Die Ärzte. Der stehende Ärzte-Schlagzeuger und Vokalist, Bela B., ist beim Achtzigerklassiker „You Spin Me Round“ von Dead Or Alive sogar im Duett mit Norman zu hören. Typische 1980er-Kracher gibt es aber mehr, wie das gelungene „She Bob“ von Cyndi Lauper oder das herrlich aufgepeppte „Don’t You Want Me“ von Human League – häufig angenehm beschleunigt und stets stilsicher verflandert. Rund wird die Sache überdies durch weitere Gaststars wie Brigitte Handley, Tom Toxic und sogar den Gurkenkönig Achim Menzel, der hier im „Enjoy The Silence“-Königsgewand sogar die CD verziert. Wie viel Spaß die vier Brandenburger bei den Aufnahmen hatten, kann man jedem einzelnen Song anhören, vor allem aber dem albernen Ghosttrack „Mutti“, einer tiefen und gleichsam ironischen Verneigung vor Glenn Danzig. „Graverobbing 2“ ist von Anfang bis Ende bravourös und dürfte sogar Punk- und Psychobilly-Muffeln eine Totenmaske auf’s Gesicht und einen Iro auf die Rübe zaubern.

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Die Ärzte – Die Nacht der Dämonen

Die Ärzte
„Die Nacht der Dämonen“
(Hot Action/Universal)

Die drei Jungs auuuuuus Berlin haben es wieder einmal bewiesen: sie sind die bäste Bänd där Wält! Auf drei CDs, zwei DVDs oder einer Blu-ray darf man Bela, Farin und Rod bei dem beiwohnen, was sie am besten können, nämlich live spielen und dabei eine gehörige Portion Schwachsinn absondern. Besonders schmuck ist die Blu-ray-Box geraten, die die beiden Konzerte in Frankfurt und Berlin mit allen 47 Songs bei bester HD-Bildqualität und mit fettem 5.1-Sound ins heimische Wohnzimmer transportiert. Dabei wackeln nicht nur die Wände, sondern vor allem auch die Lachmuskeln, denn wie immer passiert auf der Bühne eine ganze Menge, was nicht zwingend mit den Hits der Herren zu tun haben muss. Das Konzert wird im Multi-Angle-Stil dargeboten, so dass teilweise mehrere Bildeinstellungen gleichzeitig über die Mattscheibe flimmern, was einiges an Dynamik bringt und die Stimmung vortrefflich einfängt. Wer mit diesem etwas unkonventionellen Schnitt seine Probleme hat, kann aber auf eine Standardaufnahme zurückgreifen.

81CHhdogNAL._SL1500_Egal wie, es wird improvisiert und geblödelt, Publikum für alberne Spiele missbraucht – kurzum Spaß gehabt. Als schicke Dreingaben gibt es ein dickes Buch mit Fotos und allen Songtexten, zwei von Farin und Rod signierte Plektrons, einen Drumstick-Flaschenöffner mit Belas Unterschrift, Postkarten, einen Gwendoline-USB-Stick und ein Ärzte-Halsband. Dazu haben die Drei – wie immer – einige ulkige Extras serviert, die Farin als Alkoholwrack oder Bela beim Tote-Hosen-Gebet zeigen. Noch Fragen?

 

 

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Larry Brent: Killervirus aus der Hölle

„Larry Brent: Killervirus aus der Hölle“ (19)
(Europa/BMG)

Ein Schreckensszenario, in dem wahnsinnige Wissenschaftler die Welt mit neuen Killerviren und anderen lustigen chemischen und biologischen Kampfstoffen zerkrümeln wollen, mag zwar für einen packenden Thriller ausreichen, aber noch lange nicht für den Herren „Röntgenstrahl 3“, alias X-Ray 3 oder besser bekannt als Larry Brent, der smarte Oberbösewichtbekämpfer mit den bondschen, lockeren Sprüchen auf der Zunge. Denn poplige Krankheitserreger sind kein Gegner für die geheimste Geheimorganisation aller Geheimorganisationen. In diesen 70 Minuten bekommt es der Schlaumeier mit Killerviren aus der Hölle zu tun, die über mächtige Psi-Kräfte zu gigantischen Riesenmutanten herangewachsen sind, um eine fröhliche Apokalypse einzuleiten. Dass ihr Ziehvater dabei bereits tot ist und sein satanisches Werk sozusagen aus der Hölle weiterführt, ist für Kenner der Groschenheftchen und der Hörspielreihe keine Besonderheit mehr; denn je abstruser, desto lustiger! Mit einer sehr stark an triviale Schundliteratur angelehnten Sprache schlängeln sich die klischeehaften Charaktere munter durch die haarsträubende Geschichte, um ebenso geartete Abenteuer zu bestehen. Die Sprecher, Musikuntermalung und die gesamte Produktion setzen diese leichte Kost für Zwischendurch perfekt um und garantieren einen ungetrübten Hörgenuss.

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Die drei Klammeraffen und ihre 5-Minuten-Fälle

„Die drei @@@ und ihre 5-Minuten-Fälle: Die komplette erste Staffel“ (1)
(Meteor/Edel)

Die drei Fragezeichen scheinen kein Leben außerhalb ihres Detektivdaseins genießen zu können, denn wo immer sie sich rumtreiben, lümmelt gerade ein Verbrecher in der Gegend herum, den es zu überführen gilt. In den Anfangstagen arbeiteten die drei Lausebengel noch für Herrn Hitchcock, der sie per Telefon beauftragte, und auf sein Bitten hin konnte das tugendhafte Trio sich dann mit mysteriösen Fällen herumschlagen. Mit einer gehörigen Portion Humor erweisen Sascha Gutzeit und Nikolaus Hartmann den drei Oberschnüfflern alle Ehre und ziehen in zehn tatsächlich knapp fünfminütigen Episoden Justus , Peter und Bob gehörig durch die Jauchegrube. Erfreulicherweise trifft der Liebhaber auf viele alte Bekannte, die aus sämtlichen (damals noch 114)  Teilen des Originals bekannt sind – allerdings auf geniale Weise verzerrt. So stürzen sich Justin, Dieter und Rob, die drei Klammeraffen, in die hanebüchensten Fälle, die die Hörspielgeschichte vermutlich je vernommen hat, wobei Justin natürlich immer „so eine Ahnung“ hat, einen Plan schmiedet und die tumben Bösewichter – wie ihr Erzfeind Jimmy Boris – längst überführt hat, bevor diese es überhaupt begriffen haben. In den köstlichen Storys steckt so viel Liebe und Bosheit im Detail, dass alte Dreifragezeichen-Hasen bestens unterhalten werden und sich „eine halbe Stunde später“ nur noch lachend die Wampe halten können. Einziges Problem an dieser Angelegenheit: „Die drei @@@“ sind mittlerweile eine vielgesuchte und begehrte Sammlerrarität geworden, da der Hörspielverlag mittlerweile eingegangen ist.

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The Dresden Dolls

Komplizierte kleine Geschöpfe

Was passiert, wenn ein angetrunkener Punk über den Rummelplatz torkelt, dabei Smashing Pumpkins hört und währenddessen eine intellektuelle Abhandlung über die Entwicklung des Chansons liest, danach die Revolution ausruft und im nächsten Moment vom Weltschmerz zum Brückensprung verleitet wird? Das Ergebnis ist die künstlerische Verschmelzung aus Amanda Palmer und Brian Viglione, im Land der Weltpolizei besser bekannt unter dem Namen The Dresden Dolls.

Im Namen des Duos liegt die ambivalente Struktur ihrer Musik bereits verborgen, stehen hier doch – wie im Booklet der selbstbetitelten Debüt-CD (2003) anschaulich visualisiert – die fahlen, toten und bedrückenden Ruinen einer ausgebombten Stadt im Widerspruch zu einer fast schon kitschig anmutenden Porzellanpuppe eines namenlosen Kindes. Auf ebensolche Weise schaffen es die Dresden Dolls in nur einem Song vom niederschmetternden Leid eines Menschleins zu erzählen, und doch das gesamte Menschengeschlecht in einer abstrakten Karikatur zu umreißen; ihr Blick schwenkt in einem Ruck vom Individuum über den gesamten Erdenball.

Ebenso inszenieren die beiden ihre Lieder, schaffen es in nur fünf Minuten chansonhafte Anklänge mit punkigem Rock zu verquicken, um kurz darauf in kabaretthaften Kinderreimen zu enden – und dabei kommen in erster Linie genau drei Klangwerkzeuge zum Einsatz: das gefühlvolle Schlagzeug von Brian Viglione und Amanda Palmers Klavier- sowie Sangeskünste. Allerdings kann hier von einer Klavierrolle im klassischen Sinne kaum gesprochen werden, denn das Piano übernimmt hier gleichermaßen die Aufgabe der Stromgitarre und verwandelt eine liebliche Ballade von einem Augenblick zum nächsten in einen Strudel wütender Emotionen. Über alledem weint, schreit, flüstert, verführt und verhöhnt die chamäleonhafte Stimme von Amanda Palmer, die ohne Kompromisse und Abstriche jedes gesungene Wort und jede betonte Silbe auf eine ganz besonders einnehmende Art zu Eigenleben erweckt und der gesamten Scheibe somit eine unverkennbare Seele einhaucht.

„Menschliche Wesen sind komplizierte kleine Geschöpfe. Ich versuche sie als ebendies in meinen Liedern darzustellen“, berichtet die ehemalige Mitarbeiterin eines deutschen Avantgarde Theaters. Diese Grundidee setzt das Duo mit einer eigenen, wenn auch ungewöhnlichen Ästhetik und unverbrauchten Stilmitteln um, wodurch es nicht weiter verwundert, dass jeder ihrer Texte ein kleines Büchlein für sich ist, in dem es neben klug arrangierten Wortspielen und abstrakten Bildern eine Menge zu entdecken gibt.

Diese kuriose Kunstform begeisterte in den USA eine völlig unhomogene Gruppe von Anhängern, die vom Universitätsprofessor bis zur Punk-Rockerin reichte. Bald darauf schwappte die Euphorie auch über den großen Teich und infizierte die unterschiedlichsten Musikliebhaber. Und obwohl nach den beiden Alben „Yes, Virginia“ (2006) und „No, Virginia“ (2008), zwei DVS und etlichen Singles der Ofen aus war, bleiben die Dresden Dolls ein einmaliges wie eigenwilliges Duo. Reinhören lohnt sich also auch heute noch.

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Hubert Kah – Seelentaucher

Mosaik der Seele

Die älteren Semester dürften bei dem Namen Hubert Kah augenblicklich an Hits der Neuen Deutschen Welle wie „Rosemarie“ oder „Sternenhimmel“ denken, während die etwas Jüngeren noch seine englischsprachigen Songs aus den späten Achtzigern in den Ohren haben könnten. Nach seiner letzten Scheibe Mitte der Neunziger wurde es jedoch, bis auf ein Best-of, recht still um den eigenwilligen Musiker. Doch still wurde es nur im Sinne greifbarer Veröffentlichungen, denn Hubert Kah hat der Musik in all den Jahren keine Minute den Rücken gekehrt und ist 2005 mit seinem neuen Werk „Seelentaucher“ sprichwörtlich wieder aufgetaucht.

„Ich habe nie aufgehört Musik zu machen, ich habe immer für mich Songs geschrieben. Aber Songs schreiben bedeutet ja nicht unmittelbar, dass man ins Studio geht und eine Platte aufnimmt“, rekapituliert der Komponist, Textschreiber und Sänger mit gelassener Stimme. „Für mich ist es ja nicht so ein Routinejob, dass ich jedes Jahr eine Platte rausbringen muss. Es müssen verschiedene Dinge zusammenkommen, auch die Frische und Lust wieder rauszugehen, genauso wie die Bereitschaft mit einer Band unterwegs zu sein und live zu spielen. Erst wenn all das stimmt und auf einem Punkt ist, und auch eine Stückeauswahl am Start ist, die ein gutes Gesamtbild ergibt, erst dann macht es Sinn für mich eine Platte zu machen.“
Zwar kam in der Zwischenzeit eine Plattenfirma auf Hubert Kah zu und bot ihm einen nicht uninteressanten Vertrag an, aber dies alleine reichte ihm nicht aus, um wieder mit seinen unkonformen Klängen an die Öffentlichkeit zu gehen. Für ihn war das Gefühl ausschlaggebend, ein Gefühl, das im sagte, dass die Zeit reif für eine neue Scheibe ist.
Im Lauf der Jahre hatte sich eine Reihe an Ideen und Kompositionen angesammelt, denn schon seit seinem sechzehnten Lebensjahr ist ihm das Songwriting ein Bedürfnis, das ihn erfüllt: „Ich habe einfach Lust mich über Musik auszudrücken, über Singen, über Texte und Melodien. Das ist ein Anliegen, das ganz tief in mir drin ist, eine Art Grundbedürfnis, wie Essen und Trinken. Ich brauche das einfach, es gehört zu mir. Und natürlich verarbeite ich da Dinge, aber ganz unbewusst. Ich setze mich also nicht hin und sage mir, ich möchte über dieses oder jenes ein Lied machen, sondern das passiert ganz automatisch. Es ist ein natürlicher Prozess. Aber eigentlich mache ich mir darüber gar keine Gedanken. Es entwickelt sich einfach, und eines kommt zum andern. Ich glaube, wenn man sich so viel vornimmt und vieles vorsätzlich macht, dann ist es nicht mehr natürlich, dann kommt es nicht mehr von Innen heraus, dann ist es nur noch vom Kopf her.“
Auch bei der Zusammenstellung seiner Band ließ Herr Kah mehr seinen Instinkt entscheiden als scharfes Kalkül, und wählte nach menschlichen Kriterien die Musiker aus, die fortan bei Konzerten seine Lieder zum Besten geben sollten: „Es ist mir ganz wichtig, dass ich mit Leuten zusammenarbeite, die idealistisch drauf sind und auch charakterlich gut zu mir passen. Da muss ein gutes Gruppenfeeling da sein. Sie müssen auch nicht nur ihre Instrumente gut beherrschen, sondern auch selbst kreative Personen sein.“
Der Titel „Seelentaucher“ beschreibt sehr deutlich den persönlichen Charakter des Albums, denn mit jedem einzelnen Stück dringt der Hörer ein klein wenig weiter in die Welt von Hubert Kah ein – jeder Song repräsentiert eine Facette des Künstlers. „Ich glaube jede menschliche Seele ist nicht beschränkt auf nur eine Richtung. Wir identifizieren uns zwar oft mit einer Richtung und denken, dass wir diese eine Richtung sind, aber in Wirklichkeit hat eine Seele viele verschiedene Gesichter, und das sind alles wir. Und diese unterschiedlichen Gesichter werden beim ‚Seelentaucher‘ über viele unterschiedliche Stimmungen und die ganz unterschiedlichen Arrangements ausgedrückt. Ein Stück im Heavy Metal-Gewand, eines im Chanson-Gewand, das dritte vielleicht sogar ein wenig schlagermäßig, ‚Fels in der Brandung‘ ist dagegen fast schon experimentell. Wenn man der Platte etwas Böses wollte, würde man sagen es ist ein Durcheinander – will man ihr etwas Gutes, sind es verschiedene Mosaikbausteine, deren Einzelteile wieder ein Ganzes geben.“
Drei der Songs, „Military Drums“, „Lass mich träumen“ und „Wenn der Mond die Sonne berührt“, stammen bereits aus der Vergangenheit und finden auf Seelentaucher eine evolutionäre Wiedergeburt. „Das sind Lieder, von denen ich immer noch glaube, dass sie Hits sein können, die mir aber damals bei den Urfassungen nicht so gelungen sind, wie ich sie im Kopf und der Fantasie hatte. Es lag mir einfach am Herzen sie noch mal so zu gestalten, wie es sich für diese Lieder gehört.“ So vermischt die CD von Hubert Kah nicht nur die unterschiedlichsten Stimmungen, Ideen, Stile, sondern ist zudem eine kleine Reise in die Vergangenheit.

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Meteor-Horror: Aliens in Raven Rock

„Meteor-Horror: Aliens in Raven Rock“ (2)
(Meteor/Edel)

Es gibt Menschen, die lieben anspruchsvolle Hörbücher, mit guten Textvorlagen, professionellen Sprechern und einer packenden musikalischen Untermalung – solcherlei Gesellen sollten hier auf keinen Fall weiterlesen, da sie der folgende Hörspielgenuss wahrscheinlich in tiefste Verzweiflung stürzen würde. Für Leute, die auf Blödsinn, Spaß und Trash stehen, die sich mit großer Vorliebe die grottenschlechtesten B- und C-Movies einverleiben, haben hier – und eigentlich mit der gesamten Horror-Serie aus dem Hause Meteor – vielleicht ein kleines Leckerli gefunden. Schon in der unterirdisch schlechten Intro wird mit Lebensweisheiten à la „Alte Traktoren sind wie Frauen – sie sind unberechenbar. Und manchmal machen sie komische Geräusche“, geglänzt, die den intellektuellen Tiefgang der Episode aufzeigen. Die Handlung selbst beginnt mit der Einführung der beiden Protagonistinnen Jodie und Kim, die mächtig die Schnauze voll haben vom Stress der Großstadt und deshalb in das kleine Kuhkaff Raven Rock fliehen wollen, in dem Jodie früher öfters die Sommerferien bei ihrem Onkel und ihrer Tante verbrachte. Als sie dort nach einigen haarsträubenden Dialogen angekommen sind, beginnt sich langsam das ganze Ausmaß dieser hanebüchenen Story zu offenbaren, denn als sie von albernen Blechklumpen mit spinnenartigen Beinen attackiert werden wird klar: Aliens treten der Menschheit mal wieder ordentlich in die Weichteile. Wobei hier nicht einmal von „Treten“ die Rede sein kann, denn die fiesen Metallbollen entpuppen sich als Luftstaubsauger, die die Menschen sozusagen totsaugen, und das nur wegen einem kleinen Programmierfehler. Wenn das mal kein Stoff für packenden Horror ist … nein, ist es auch nicht, aber man kann sich köstlich amüsieren.

Geekometer (für Trash-Fans):

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Tausendundeine Nacht

„Tausendundeine Nacht – 1. bis 3. Nacht“ (1)
(Der Hörverlag/SPV)

Der ein oder andere wird sich an dieser Stelle fragen, warum wir „alberne Kindermärchen“ vorstellen, die eh schon jeder kennt – spontan werden den meisten Sindbad, Ali Baba und seine 40 Räuber und natürlich die Disney-Verfilmungen von Aladin und seiner Wunderleuchte einfallen. Aber die Originalgeschichten von „Tausendundeine Nacht“ haben nicht wirklich viel mit Gutenachtgeschichten für die Kleinen zu tun. Jeder, der schon einmal in die überlieferten Erzählungen hineingeschmökert hat, wird an der ein oder anderen Stelle gehörige Gesichtsentgleisungen erlitten haben, spätestens dann, wenn die Gefangene des Djinn die beiden Prinzen bittet, es ihr ordentlich zu besorgen, und zwar so richtig! Denn es war ein erklärtes Ziel von Helma Sanders-Brahms, die die Erzählungen für dieses Hörspiel komplett neu schrieb, die oftmals vergessene und von der christlichen Welt verdrängte erotische Komponente des Zyklus‘ wieder stärker in den Fokus zu rücken. Somit bleibt die hohe Liebe eben nicht nur eine stranguliert-verklemmte platonische, sondern wird zu einer natürlichen körperlichen Form: wild, sehnsuchtsvoll und zuweilen recht derb. Gleichzeitig wurde dem Ganzen eine gute Menge Humor injiziert, wodurch die 165 Minuten dieses ersten Teiles wie im Fluge vergehen und neugierig auf die nächste Märchenrunde machen. So ist es hier gelungen, den Original-Texten neues, modernes Leben einzuhauchen, sie für erwachsene Hörer interessanter zu machen und gleichzeitig ihren orientalischen, traditionellen Charme zu bewahren.

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Der Cthulhu Mythos

„Der Cthulhu Mythos – Horrorgeschichten von H.P. Lovecraft u.a.“
(LPL Records/AudioLübbe)

Der gute Lovecraft schrieb und schuf in seinem Leben nicht einfach nur Horrorgeschichten, sondern einen ganzen Kosmos des Schreckens, der nicht nur etliche Leser begeisterte, sondern auch bald viele Autoren in seinen Bann zog und animierte, selbst an diesem Mythos weiterzuarbeiten. So orientieren sich auch diese 275 kurzweiligen Minuten an Lovecrafts cthulhoidem Wahnsinn und stellen sechs Geschichten von und aus seinem Umfeld vor – darunter „Der Ruf des Cthulhu“ und „Dagon“ aus des Meisters eigener Hand, „Der Schwarze Stein“ von Conan-Erfinder Robert E. Howard, Lin Carters „Die Glocke im Turm“, D.R. Smiths „Warum Abdul Al Hazred dem Wahnsinn verfiel“ und schließlich noch Christian von Asters „Ein Porträt Torquemadas“. Keine der unheil- und geheimnisvollen Erzählungen kann als Füllmaterial eingestuft werden, überzeugen doch alle durch ihren ganz eigenen, beklemmenden Stil. David Nathan, unter anderem Synchronsprecher von Johnny Depp, schlüpft in die Rolle von Lovecraft selbst, um in einer Art Autobiographie, Einblicke und Reflexionen zu den einzelnen Werken zu verkünden und gleichzeitig mit dem Irrglauben um das „Necronomicon“ aufzuräumen. Hörspielkoryphäe Joachim Kerzel zeichnet für das stimmungsvolle Verlesen der einzelnen ungekürzten Geschichten verantwortlich und kann damit, wie immer, brillieren. Nicht umsonst bekam diese dicke Box den deutschen Phantastik-Preis 2003 als bestes Hörbuch verliehen.

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