Schneewittchen – Keine Sekunde Schweigen

Der Schrei der Stille

Mit der wohlgesitteten Märchendame und ihren sieben Zwergen hat das Duo mit dem feenhaften Namen nur wenig gemein. Eigentlich mag man bei den expressiven Bühnendarbietungen von Sängerin Marianne Iser und Klaviervirtuose Thomas Duda eher an ein intellektuelles Rumpelstilzchen im Absinthrausch denken, das einen schizophrenen Ausdruckstanz vollführt, irgendwo zwischen verletzlicher Fragilität und zorniger Rage. „Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen veröffentliche ich des Königs Scheibe“ – mit „Keine Sekunde Schweigen“ stampfen sie ihr sechstes Werk in unsere Welt.

Schneewittchen entziehen sich bewusst einer Kategorisierung, folgen lediglich dem eigenen Verlangen. Zu zweit entfachen sie ein unkonventionelles Wechselspiel aus progressiver Opernarie, morbidem Chanson, absurdem Theater und faustschem Hexentanz – eine Verbindung, die den gewöhnlichen Musikkonsumenten vor den Kopf stößt, aber durchaus in der Lage ist, den auf leicht verdauliche Unterhaltung konditionierten Gehörgang wiederzubeleben und zu Höherem zu berufen. Ein Aufschrei von Marianne vermag den dahinschlummernden Bürger aus seinem Dornröschenschlaf zu reißen oder ihn angesichts seiner konservativen Blindheit laut kreischend in die Flucht zu schlagen. Nein, Schneewittchen sind nicht immer leichte Kost, spielen bewusst mit verstörenden Elementen, kombinieren Schönklang und Disharmonie mit hämischer Berechnung und das alles aus reiner Lust an der Kunst.

Klangtherapie

„Meine Nachbarn haben lautstark Mozart gehört, das ist eine meiner ersten, stärksten Erinnerungen“, blickt Thomas in seine Kindheit zurück, zu seinem ersten Kontakt mit der Musik. „Ich war ein sehr lebendiges Kind, das die meisten Pädagogen leicht überforderte. Anstatt mich auf ADS zu untersuchen und medikamentös stillzulegen hat meine Mathematik-Lehrerin mich an den Flügel in der Aula gelassen. In der Zeit, wo sie Arbeiten korrigierte, war ich fasziniert vom Flügel, durfte spielen und mich ausprobieren. So kam es, dass ich in der fünften Klasse, anfing mir Klavierspielen beizubringen. Ich bin also Autodidakt.“ Diese Liebe zum Instrument entstand auf dem natürlichsten Wege, ohne Druck von außen und strenge Unterrichtsstunden. Vielmehr diente die Musik schon in frühen Jahren als Ventil und als Rettungsanker zugleich.

Ähnlich verhielt es sich auch bei Marianne, deren Mutter die Musik zur Therapie für schwererziehbare Mädchen nutzte – von kleinauf wurde damit eine Brücke zur Tonkunst geschaffen, deren Stützpfeiler von Jahr zu Jahr mehr ausgebaut und verfestigt wurden. Auch ihre liebe zum Theater hat sie von ihrer Mutter in die Wiege gelegt bekommen, denn neben der klanglichen Betreuung, richtete diese auch Sketchabende aus, die der kleinen Marianne in Herz und Blut übergingen.

Als Marianne und Thomas 1995 in Hildesheim aufeinandertrafen, war es Liebe auf den ersten Blick, vereint durch eine gemeinsame Vision. Beide wollten zu keiner Zeit ein nutzloses Rädchen in einem stupiden System sein, sondern wider aller gesellschaftlicher Hindernisse lauthals gegen Normen und Missstände aufbegehren – nicht mit Gewalt, sondern mit Tönen. Schwarzmalerisches Kabarett, expressives Theater und lebenshungrige Vokalmagie wallten von den Kleinkunstbühnen damals herab und faszinierten oder schockierten die Betrachter. Schon ihre erste Platte „Töte mich ganz“ ging keine Kompromisse ein, beschritt vielmehr selbstbewusst einen eigenen Weg, abseits vermarktbarer Konzepte. Trotz der stark polarisierenden Darbietungen erfreuten Schneewittchen – damals noch unter ihren „weltlichen“ Namen – die unterschiedlichsten Lokalitäten und Menschentypen. „Wir haben auf Kirchenaltären, im Opernhaus, im tiefsten Bayern, in München auf dem Marienplatz oder in Neapel freizügige Bühnenshows gegeben und sind bis heute nicht verbrannt worden“, unkt die Stimmmagierin. „Mariannes starkes, amazonenhaftes Auftreten verunsichert. Ich glaube, dass die geistige Haltung, die Marianne in dem Moment auf der Bühne repräsentiert, einen Freiheitsanspruch manifestiert, der auf Kleingeister bedrohlich wirkt. Hätten wir eine platte Titten-Show wie ‚Tutti Frutti‘ gemacht, hätte sich keiner aufgeregt“, legt ihr Partner nach. Denn auch wenn sie selbst häufig viel Haut zeigt, dient dies alles einem höheren Zweck und geht einher mit dem Gesungenen. Keine Nacktheit um der Plumpheit willen. Als verzerrenden wie bloßstellenden Spiegel wirkt Schneewittchen wie eine virtuose Therapie einer maroden Gesellschaft.

Seelenverwandtschaft zwischen den Stühlen

Befeuert durch unzählige Musen wie Georgette Dee, Klaus Hoffmann, Heinrich von Kleist, Ingeborg Bachmann, Elfriede Jelinek, David Bowie oder Diamanda Galas (wobei beide beteuern, diese Liste noch ewig fortführen zu können) stemmte man sich gegen die Konventionen und benannte sich schließlich im neuen Jahrtausend aufgrund einer Berichterstattung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Schneewittchen um. Schwierigkeiten den gemeinsamen Kurs festzulegen hatten die beiden zu keiner Zeit, denn einhellig sprechen sie von einer besonderen Seelenverwandtschaft, die sie von Anfang an beflügelte und zusammenschweißte.

Ein wichtiger Moment in der Karriere der Band war schließlich das Zusammentreffen mit dem Das-Ich-Mann und Labelguru Bruno Kramm. „Bruno hat einen Auftritt von uns gesehen und stand mit offenem Mund in der ersten Reihe. Er war bezaubert“, erinnert sich der Tastenmann. „Das Schöne an Bruno ist, dass er wie ein Kind zu begeistern ist, wenn ihn etwas wirklich berührt. Das erklärt auch den Pulk an unterschiedlichsten Künstlern um ihn herum. Ein perfekter Netzwerker mit Herz.“

Vor allen Dingen erkannte der Plattenboss aber die Einzigartigkeit des Duos und bestärkte die jungen Musiker in ihrem Tun. „Wir waren froh, dass uns jemand genau so wollte, wie wir sind“. Als „Musik zwischen den Stühlen“ bezeichnete er ihren Stil und verhalf ihnen fortan auf größeren Bühnen und sogar Festivals aufzutreten und sich dadurch einen Kultstatus auch innerhalb der Gothic-Szene zu erspielen. Berührungsängste gab es von Anfang an nicht, denn auch hier fühlten sich Schneewittchen daheim. Marianne beschreibt die Verbundenheit mit der Schwarzen Szene als philosophische Nähe: „Das Thema Tod wurde in unserer Kultur stark verdrängt und ausgegrenzt. In der Schwarzen Szene gibt es eine Auseinandersetzung mit dem Tod, wenn oft auch romantisch-verklärt. Das Leben braucht den Gegenpol Tod. Er gehört zu ihm und wohnt ihm inne. Erst durch den Tod wird das Leben einzigartig und wertvoll.“ Reduzieren oder in eine Nische einengen lassen sich die Zwei jedoch nicht: „Wir passen in keine Szene“, erklärt Marianne kopfschüttelnd. Thomas wirft kritisch hinterher, dass auch die Gothicszene zunehmend kommerzialisiert wird und längst ihren hohen Anspruch verwirkt habe. Wann der erste „Schwarze Ballermannsampler“ erscheine, sei nur noch eine Frage der Zeit. Mit viel Feinsinn haben Schneewittchen in der Vergangenheit aber schon szenetypische Problemfelder aufgegriffen und auf ihre Art verarbeitet. „Komm wir ritzen uns die Adern“ ist ein Beispiel für eine solche Auseinandersetzung mit autoaggressivem Verhalten – nicht frei von zynischer Direktheit. Phrasenhafte Kritik an der Gesellschaft vermeidet man dabei gekonnt, umgeht ebenso gezielt politische Plattitüden. Und doch wohnt allen Versen eine kritische Betrachtung der Wirklichkeit inne, häufig mit zarten Intimitäten oder übersprudelnder Sehnsucht verbunden. „Ich wehre mich mit meinen Texten gegen aufgestellte Normen und verteidige mein So-Sein sowie das absolute Subjektive Da- und Anderssein eines jeden Menschen“, umreißt die Chanteuse ihr Wirken. „Auch die Beschäftigung mit den engsten zwischenmenschlichen Beziehungen kann durchaus politisch sein.“ Musik wird zu einem unaufdringlichen Sprachrohr, vermittelt eine künstlerische Botschaft und wirft zugleich einen Rettungsring für all jene taumelnden Seelen aus, die täglich ums nackte Überleben kämpfen. Thomas ist sich sicher, dass Musik und Kunst allgemein Dinge bewegen und verändern können und führt hierzu einen stichhaltigen Beweis an: „Jeder hat mindestens ein Lied, das ihn oder sie gerettet hat, irgendwann und über eine schwere Zeit getragen hat.“ Auch Schneewittchen spenden Trost und machen immer wieder deutlich, dass das häufig so hässliche Leben auf der anderen Seite ebenso zauberhafte Momente bietet, wenngleich diese manchmal ein wenig verschroben oder ungewöhnlich sein können. Denn nicht dass Glatte, Saubere und Edle ist es, dass für das Duo Schönheit ausmacht, sondern das Kantige und Sperrige, dessen Wunderlichkeit in der Individualität liegt.

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold

Die menschliche Existenz wird beschallt durch eine Vielzahl von Stimmen. Gute Ratschläge werden unterbreitet, Gesetze geschrien und Verbote ausgerufen. Schon im Kindesalter wird man konditioniert sich anzupassen und mitzulaufen. Es gilt sich einzufügen und die Gebote nicht zu hinterfragen. „Keine Sekunde Schweigen“ zeigt all jenen auf kecke Weise den Stinkefinger, die die Andersartigkeit anderer nicht akzeptieren wollen. Auf Hass verzichtet das Duett, vielmehr tänzelt man in überlegener Erhabenheit um die hohlen Phrasen der Gesellschaft und freut sich genüsslich auf das nächste vermeintliche Fettnäpfchen. Ein Aufruf zur Revolution möchte der Titelsong „Keine Sekunde Schweigen“ jedoch nicht sein, wie die beiden betonen, vielmehr eine Aufforderung zur Achtung des Individuums in seiner Einzigartigkeit. „Das Lied ist eine Genugtuung für das von Medien, Industrie und Politik überrollte Individuum“, umschreibt der Pianist genüsslich.

Klanglich, so hört man der Scheibe schnell an, sind Schneewittchen dabei eine Spur handzahmer geworden, halten friedlich das Gesicht in die wärmende Sonne, ohne dabei allerdings die Schattenseiten zu vergessen. Hier und da greift man bewusst zu einem süßlichen Tonfall und legt eine außergewöhnlich gute Laune an den Tag. „Verkommerzialisiert“, so versichern sie, werde hier aber nichts. Vielmehr habe man in der Vergangenheit alles alleine bewerkstelligt und wollte nun erstmals auch Einflüsse von außen zulassen, um neue stilistische Impulse zu erhalten. „Wir haben auf ‚Keine Sekunde Schweigen‘ mit einem selbst ausgesuchten Produzenten-Team gearbeitet“, holt Thomas zu einer Begründung aus. „Marianne und ich hatten Schwächen im Groove-Bereich und haben uns hier Unterstützung geholt.“ Zwar sei das Album hierdurch auch poppiger geworden, aber das versteht man als weiterer Schritt in der bandeigenen Entwicklung. So beschreibt Marianne das Lied „Fürchte dich nicht“ als eine „Feier des Unvermeidlichen“. Denn angesichts der kurzen menschlichen Existenz, die mit dem Heranreifen auch stetig dem Tod näherrückt, bleibt nur ein ausgelassenes Genießen dieser kleinen Lebensspanne. „Es ist die Feier des körperlichen Verfalls. Hoch die Beine, solange das noch geht!“

Klanglich bietet man auch dieses Mal ein buntes Mosaik aus akustischen Instrumenten und elektronischen Spielereien. Die Schwerpunkte richten sich dabei ohne Einschränkung ganz nach dem jeweiligen Lied. Was auf der einen Seite sanft dahersäuselt kann im nächsten Moment grantig rocken oder aber auch zur Ertüchtigung auf den Tanzfluren der Clubs dienen. „Ja, die Tanzbarkeit ist anvisiert und erwünscht“, bestätigt die Sängerin, „ich finde es toll, wenn Leute zu unseren Liedern tanzen. In letzter Zeit erleben wir es, dass das Publikum tanzt und die Texte mitsingt; das ist ein unbeschreibliches Gefühl.“ Stumpfe Beatorgien bleiben selbstverständlich unterhalb der Schneewittchen-Würde.

 

Nach über fünfzehn Jahren gemeinsamem Musizierens sind Schneewittchen noch immer nicht müde geworden, sind noch immer begierig zu experimentieren, sich zu hinterfragen und den Finger neckisch in die eitrigen Wunden der Zivilisation zu bohren. „Keine Sekunde Schweigen“ ist ein Heilmittel, das trotz seines manchmal bitteren Geschmacks rettende Wirkung haben kann, auch für die Schaffenden selbst. In seinem Zentrum pulsiert die Liebe, meist ein wenig burlesk und selten in gleichmäßigem Schlage, aber, so schließt Thomas, „es ist ja das wichtigste und einzige Thema. Es ist das Thema des Lebens.“

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