Lost River

Zerfall und Niedergang

Lost River ist verloren und verlassen. Die einst blühende Kleinstadt fällt in sich zusammen. Wohnhäuser, Schulen und Schwimmbäder sind nur noch hohle, menschenleere Hüllen. Wer noch hier ist träumt von einem schöneren Leben irgendwo in der Ferne. Und dennoch kämpft die alleinerziehende Billy (Christina Hendricks) in Ryan Goslinks Drama „Lost River“ um ihr Haus – ein aussichtsloses Unterfangen.

Denn sie ist mit den Hausraten bereits drei Monate im Rückstand und der neue Manager ihrer Bank (Ben Mendelsohn) schlägt einen deutlich härteren Kurs als sein Vorgänger ein. Einen neuen Kredit gestattet er nicht, auch nicht einen weiteren Aufschub der Zahlungen. Stattdessen gibt er der verzweifelten Mutter eine Visitenkarte mit, die ihr zu einem neuen und lukrativen Job verhelfen soll. Zuerst sperrt sich Billy auf das Angebot des unsympathischen Widerlings einzugehen, doch als eines Morgens das Nachbarhaus von der Bank abgerissen wird und die eigenen vier Wände als nächstes „Ziel“ markiert werden, meldet sie sich und lässt sich zu der entsprechenden Adresse fahren. Dort findet sie einen ungewöhnlichen Nachtclub vor, bei dem es aber nicht vorrangig um nackte Haut, sondern um Gewalt und Blut geht. Trotz Zweifel und Angst nimmt sie den Job an.
Ihr ältester Sohn, Bones, versucht unterdessen ein wenig Geld zum Haushalt beizusteuern, indem er in den leerstehenden Geisterhäusern das Kupfer aus den Wänden reißt und bei einem Schrotthändler verkauft. Längst hat sich jedoch der brutale Bandenboss Bully das verwahrloste Territorium unter den Nagel gerissen – und er duldet keine Konkurrenten, die Ware aus seinem Turf plündern. Dennoch versucht Bones seiner niedergeschlagenen Mutter zu helfen und wagt einen weiteren Vorstoß ins „feindliche Gebiet“. Ihm gelingt zwar knapp die Flucht, aber Bully lässt sich nicht ungestraft auf der Nase herumtanzen und schwört Rache.
Der Zerfall ist überall. Die gesamte Stadt taumelt in einer unaufhaltsamen Spirale des Niedergangs in den Abgrund, reißt die Verbliebenen dabei hoffnungslos mit sich. Ein wenig Wärme findet Bones in dieser niederschmetternden Umgebung bei der Nachbarstochter Ratte (Saoirse Ronan). Sie lebt bei ihrer Großmutter, die seit dem Tod ihres Mannes nur noch vor dem Fernsehgerät sitzt und sich von alten Aufnahmen berieseln lässt. Das Haus ist heruntergekommen und scheint mit der alten Dame dahinzuvegetieren. Aber leider gibt es keinen Platz für aufkeimende Liebe in Lost River. Denn die Rache von Bully trifft genau hier …

Lost River“ ist Ryan Goslings Regiedebüt für das er auch das Drehbuch schrieb. Ein einnehmender und zutiefst düsterer Streifen, der in seiner destruktiven Art ganz einem „Requiem For A Dream“ ähnelt. Anstelle realistischer Tristesse setzt Gosling jedoch auf eine überhöht drohend-beklemmende Bildsprache – die Degeneration wird auch auf stilistischer Ebene durch eine poetische Metaphorik sichtbar. So skurril und grotesk wie ein David Lynch wird Gosling dabei nicht, vielmehr konzentriert er sich auf emotionaler Ebene auf die gewaltige Leere und Trostlosigkeit. Mit stiller Anteilnahme zerstört er Stück um Stück die Hoffnungen seiner Protagonisten und lässt sie Schritt für Schritt einer grauenvollen Hölle näherkommen. Der amerikanische Traum ist nicht nur tot, er ist untot und wankt röchelnd der eigenen Fäulnis entgegen.

Leider harmoniert die Story mit ihren oft durchschaubaren Figuren nur bedingt mit der deprimierenden Bildpoetik und verliert dadurch viel an Kraft und Wucht. Dennoch bleibt „Lost River“ ein eigenständiges und außerordentlich intensives Erlebnis.

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