Life Is Strange

Das Mysterium des Erwachsenwerdens

Erwachsenwerden ist selten ein glorreicher Prozess. Gefangen zwischen zwei Welten – ungezwungene Kindlichkeit und rationale Vernunft –, taumelt der Teenager durch ein dämmriges Zwielicht undurchsichtiger Entscheidungen. So geht es auch der 18-jährigen Maxine Caulfield in dem atmosphärischen Mystery-Adventure „Life Is Strange„, das seit 30. Januar in fünf einzelnen Episoden für PC, Xbox One, Xbox 360, PlayStation 3 und 4 kapitelweise den virtuellen Äther flutet.

Der erste Teil darf dabei als Pilotfolge angesehen werden, die das Setting und seine Charaktere stimmungsvoll einführt und parallel dazu die Spielmechanik erklärt. Anfängliche Assoziationen mit den Telltale Games-Abenteuern à la „The Walking Dead“ oder „Game Of Thrones“ lösen sich im Verlauf des melancholischen und zugleich rätselhaften Geschehens auf, und „Life Is Strange“ emanzipiert sich zum eigenständigen und mutigen Adventure.

Life Is Strange 4Maxine Caulfield kehrt nach fünf Jahren in ihre Heimatstadt Arcadia Bay zurück, um an der renommierten Blackwell Academy Fotokunst zu studieren. Damals ließ der pubertierende und introvertierte Teenager seine beste Freundin Chloe zurück und musste sich in Seattle einer ganz neuen Umgebung stellen. Viel einfacher fällt Maxine aber auch ihre Rückkehr nicht. Sie hat Schwierigkeiten sich in den Seminaren durchzusetzen und auch mit den Freunden will es nicht so recht klappen. Lediglich ein nerdiger Außenseiter gibt sich mit der schüchternen „Neuen“ ab.
Wie aus dem Nichts taucht Chloe plötzlich wieder auf, doch das Mädchen hat sich verändert. Sie leidet unter ihrem kontrollsüchtigen Stiefvater, steckt voller Zorn und Zweifel – und sie hasst das verschlafene Kaff Arcadia Bay. Sie sehnt sich danach, diesen Fesseln zu entfliehen und alles hinter sich zu lassen.
Als die beiden Freundinnen von einst sich langsam wieder annähern, erfährt Maxine vom rätselhaften Verschwinden ihrer Mitschülerin Rachel Amber. Sie und Chloe waren viele Jahre wie ein Herz und eine Seele, und auch an der Schule und in der Stadt war Rachel mehr als beliebt. Von heute auf morgen war sie weg. Von Zuhause ausgerissen, sagen die meisten, doch Chloe traut der Sache nicht. Irgendwas scheint da faul und sie hat sich zum Ziel gesetzt, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen.

Life Is Strange 7Doch da ist noch so viel mehr in „Life Is Strange„. Seit Maxine wieder in Arcada Bay ist, wird sie von düsteren Visionen heimgesucht. In ihnen sieht sie einen gewaltigen Sturm heraufziehen, der die Stadt zu verschlingen droht. Dem nicht genug, stellt sie während des Unterrichts fest, dass sie in der Lage ist die Zeit zu manipulieren. Wenn sie möchte, kann sie einige Sekunden oder auch Minuten in die Vergangenheit zurückspringen (was per Tastendruck gesteuert wird) und die eben erlebte Situation erneut angehen. Dabei kann sie völlig andere Entscheidungen treffen oder andere Dinge äußern (also Dialogoptionen wählen), behält aber alles Wissen und sämtliche gesammelte Gegenstände für sich. Durch diese Gabe kann sie per trial and error Informationen aus ihren Gesprächspartnern herauskitzeln oder misslungene Handlungen rückgängig machen – und zwar beliebig oft. Dies ist natürlich nicht in jeder Lage und Szene des Spiels verfügbar, sondern nur dann, wenn es erforderlich ist. Dabei gibt es keinen schweißtreibenden Zeitdruck und keine fordernden Quick-Time-Events – und doch ist jede Entscheidung eine schwere, denn Aktionen ziehen unweigerlich Reaktionen nach sich. Nicht immer – auch nach mehrmaligem „Zurückspulen“ – lässt sich abschätzen, welche Folgen eine Handlung oder ein gesagter Satz haben werden. Und wenn nicht in der ersten Episode, dann vielleicht in einer der weiteren? Aber Rätsel können damit hervorragend gelöst werden, denn im Endeffekt kann Maxine in die Zukunft sehen – wenn auch nur eine kurze Zeitspanne.

Life Is Strange 1Abseits dieser interessanten und gut umgesetzten Idee, punktet das erste Kapitel von „Life Is Strange“ vor allem durch seine herausragende Stimmung und die glaubwürdigen Protagonisten. Hier und da arbeiten die Entwickler von Dontnod zwar mit Klischeeversatzstücken des Coming-Of-Age-Genres, das tut der gesamten Story und seiner erzählerischen Dichte aber keinen Abbruch. „Life Is Strange“ fesselt mit seinen düsteren Andeutungen, mit dem eigenwilligen Geheimnis der verschwundenen Rachel und mit dem nachdenklichen, ja, fast schon schwermütigen Grundtenor. Der Spieler findet sich in einem einzigartigen Kosmos wieder, irgendwo zwischen Lynchs „Twin Peaks„, dem geisterhaften „The Returned“ (orig. „Les Revenants„) und Stephen Kings „Stand By Me„. Drama und Mystery umweben sich eng, werden umflossen von Alltäglichkeiten wie Drogenhandel an Schulen, Mobbing und der Schwierigkeit neue Freunde oder gar sich selbst zu finden. Und über alledem wabert eine schwarze Wolke, wie ein Damoklesschwert …

Am 24. März geht es mit Episode 2 „Out Of Time“ weiter.

 

 

Geekometer:

tentakel_9v10

0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.