Ein neues Land

Shaun Tan
„Ein neues Land“
(Carlsen)

Die Grafiknovelle eint zwei ausdrucksstarke Medien: Schrift und Bild. Diese gehen im Optimalfall eine künstlerische und harmonische Symbiose ein, verstärken und ergänzen sich gegenseitig. Shaun Tans „Ein neues Land“ lebt jedoch von derart expressiven Zeichnungen, dass er in seinem 128-seitigen Werk gänzlich ohne Worte auskommt – und dabei mehr erzählt als manch wortgewandter Autor.

Dunkle Schatten liegen auf der Stadt und auf der kleinen Familie. Der namenlose Vater hat sich entschlossen in ein fremdes Land auszuwandern, um dort mehr Geld für seine Frau und seine Tochter verdienen zu können. Doch der Abschied fällt nicht leicht. Er ist leise, schmerzhaft und erdrückend. Und so wie sich schwarze Drachen durch die Stadt schlängeln, lastet ihr Gewicht nun auf den Schultern der zerrissenen Familie.

In der Ferne angekommen, versucht sich der einsame Neuankömmling erst einmal zu orientieren. Kein einfaches Unterfangen, denn ohne die fremde Sprache zu verstehen, wird eine „Eingliederung“ zu einer schier unüberwindbaren Hürde. Er muss behördliche Prozeduren über sich ergehen lassen, eine Wohnung finden und schließlich auch Arbeit, um seine Geliebten in der Heimat ernähren zu können …

Shaun Tan

Autor Shaun Tan

Über „Ein neues Land“ zu schreiben ist ein Stilbruch an sich, denn Shaun Tans Panels und ganzseitige Kunstwerke stecken voller Metaphern, Ausdruckskraft, Emotionalität und Feingefühl, sodass der Leser sich nach wenigen Seiten ganz in Tans Kosmos verliert. Verzweiflung, Isolation, Angst und Ungewissheit wallen in zähen Wogen aus dem Band, legen sich wie zäher Schleim auf die Seele. Aber irgendwo zwischen den farblosen Gemälden blitzt ein Funken Hoffnung hindurch. In all den fremden und unverständlichen Dingen ruht eine positive Energie. Der Protagonist ist zwar alleine, doch bei aller Einsamkeit begegnen ihm Menschen mit ähnlichen Schicksalen oder Verständnis, die ihn aufnehmen, ihn halten und ihn integrieren.

Hat man sich einmal durch den bewegenden Band gelesen, verspürt man sogleich den Wunsch, noch einmal zurückzublättern. Sich die traum- und alptraumhaften Zeichnungen ein weiteres Mal anzusehen, Neues zu entdecken, mehr zu verstehen und zu entziffern. „Ein neues Land“ ist keine Grafiknovelle für den schnellen Hunger zwischendurch. Die Bilder haben ihre eigenen Geschichten zu erzählen und tragen auf so vielen Ebenen ihre ganz eigenen Botschaften mit sich.

Ursprünglich erschien „Ein neues Land“ bereits 2008 als gebundene Edelausgabe. Nun hat der Carlsen Verlag den Band als Paperback neu aufgelegt – zum schlankeren Preis. Und spätestens jetzt sollte jeder Literaturinteressierte und anspruchsvolle Comicgenießer einen Blick riskieren. Kafka hätte seine wahre Freude daran gehabt!

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