Die Horde

Harmagedon

Das europäische Kino etabliert sich zusehends als Gegenpol zum durchgestylten und massenkompatiblen Hollywoodeinheitsbrei. Gerade die französischen Filmemacher entdecken in letzter Zeit vermehrt die Freude am Horror für sich, wie das großartige Hinterwäldlermassaker „Frontier(s)“ als auch der eigenwillige Zombiestreifen „Mutants“ blutig vor Augen führen. Mit „Die Horde“ bricht ein weiteres Mal die Apokalypse über die Welt herein – schnell, brutal und unaufhaltsam.

Frankreich, das Land erlesener Rotweine, knuspriger Baguettes und leckerer Croissants. Doch diese Klischees haben die Macher von „Die Horde“ nicht im Sinn, ganz im Gegenteil. Sie zeigen das einst so stolze Frankreich von seiner kranken, verruchten und verdorbenen Seite. Die Städte sind vom Zerfall gezeichnet. Moral und Ethik sind längst der Selbstsucht und dem Hass zum Opfer gefallen.

So verwundert es nicht, dass Polizist Rivoallan bei seinen Ermittlungen gegen einen Verbrecherring von eben diesem auf grausame Weise hingerichtet und irgendwo im Müll der Großstadt aufgefunden wird. Seine Kollegen, ein eingeschworener Kreis, wollen diese Untat nicht hinnehmen und getreu dem Motto „Auge um Auge“ das Gesetz hinter sich lassen und Vergeltung üben. In einem kleinen Team stürmen sie maskiert und bewaffnet das desolate Hochhaus, in dem sich der Anführer und seine Gang aufhalten. Doch der Racheplan geht schon im Ansatz nach hinten los und aus den Angreifern werden Gefangene. Den korrupten Gesetzeshütern wird von den Verbrechern schwer zugesetzt und die Lage spitzt sich mehr und mehr zu.

Doch zeitgleich, anfangs noch wie ein leises Gewittergrollen in der Ferne, kündigt sich außerhalb des gewaltigen Wohnkomplexes ein noch viel größeres Unheil an. Zuerst denken die Drogenschieber, die Cops wären mit ihren Kollegen da, doch dann müssen sie feststellen, dass die gesamte Stadt brennt und die vermeintlichen Schüsse entpuppen sich als grollende Explosionen. Die Welt um das Hochhaus herum scheint in nur einem einzigen Atemzug in Trümmern zu liegen und die Schreie der Verzweifelten und Sterbenden hallen über den grauen, brüchigen Beton zu ihnen herüber.

Doch für Entsetzen und langes Überlegen bleibt dem ungleichen Haufen Menschen keine Zeit, denn schon rappelt sich der erste Leichnam auf und attackiert die Lebenden. Und „Die Horde“ geht nicht gerade zimperlich zu Werke. Blut spritzt durch die Luft, einige Untotenopfer krachen leblos zu Boden und erst ein beherzter Schrotflintenschuss beendet die erste Begegnung mit den wandelnden Toten.

Ab diesem Moment lässt das Regie-Duo aus Benjamin Rocher und Yannick Dahan, die übrigens bereits bei „Frontier(s)“ als Aktress mitgewirkt hat, tatsächlich die Hölle los und es bleibt weder den Protagonisten noch dem Zuschauer Zeit zum Verschnaufen. Die Apokalypse kommt schnell und hart und walzt grimmig über die Menschheit hinweg. Erfreulich ist dabei der Zwist innerhalb der Gruppe, denn plötzlich werden Feinde verschiedener Fronten zu Verbündeten wider Willen. Zur Gemütserheiterung in dieser rasanten und brachialen Geschichte taucht noch ein herrlicher Charakter mit fast schon trashigem Charme auf, der mit dem Beil und wahlweise dem MG der untoten Meute versucht Einhalt zu gebieten. Doch die Franzosen lassen ihre Protagonisten nicht zur Unterhaltungskost verkommen, sondern zeichnen von vorne herein ein bitteres Ende ab.

Das einzige Manko dieses Streifens sind die Dank deutscher Sittenwächter angebrachten Schnitte, die leider ein wenig das Salz aus der Suppe oder besser gesagt das Blut aus der Matsche nehmen. Darüber hinaus ist „Die Horde“ aber großartig und vielleicht sogar ein Sinnbild für den Zerfall der menschlichen Zivilisation, ein Symbol für den sich selbst vernichtenden Homo Sapiens, der durch die Apokalypse nur bekommt, was er verdient. Denn wie schon in der Offenbarung des Johannes (sinngemäß) geschrieben steht: „Und ich sah aus dem Mund des Tieres unreine Geister von Dämonen kommen.“ Amen.

 

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