Der kleine Tod


Was sie schon immer über Sex wissen wollten … oder auch nicht

Komödien über Sex und Erotik sind so eine Sache. Meist kratzen sie verklemmt an der Oberfläche, ergötzen sich an schlüpfrigen Peinlichkeiten oder dienen der tumbsten Triebbefriedigung mittels großen Mengen nackter Haut. „Der kleine Tod“ des australischen Schauspielers und Autors Josh Lawson bezeichnet sich zwar selbst als „Eine Komödie über Sex„, ist aber weitaus mehr als das.

Im Französischen ist „la petite mort„, also der kleine Tod, eine Bezeichnung für den Orgasmus – und jener ist wiederum der Angelpunkt der Sexualität. Nicht immer ist der Weg dahin leicht und viele Paare haben so ihre Probleme damit. Josh Lawson nimmt sich bei seinem Regiedebüt diesem nicht gerade einfachen Thema mit viel Fingerspitzengefühl an, ohne dabei aber im Geringsten ein Blatt vor den Mund oder in diesem Falle wohl besser vor das Geschlechtsteil zu nehmen. Fünf verschiedene Pärchen greift er in seinem Episodenfilm heraus, konzentriert sich bewusst auf deren sexuelle Vorlieben und lässt dabei genügend Freiraum für die Figuren und deren jeweilige Lebenssituationen. Wie reagiert ein treusorgender Gatte auf den geäußerten Wunsch seiner Partnerin, vergewaltigt werden zu wollen? Was tun, wenn die eigene lustvolle Ekstase nur erlangt werden kann, wenn der Partner zutiefst betrübt ist und vor Schmerz weint? Was kann ein Paar unternehmen, wenn der Ofen aus ist? Der Gang zum Therapeuten wirft einen Versuch mit Rollenspielen in den Raum, doch leider nimmt Göttergatte Dan die Sache ein wenig zu ernst und entdeckt seinen Wunschtraum Schauspieler zu werden. Der ruhige Phil leidet unterdessen an der herrischen Art seiner Maureen. Irgendwann stellt er fest, dass es ihn erregt, sie schlafen zu sehen, denn dann kann sie ihm keine Vorhaltungen machen. Und dann war da noch die putzige Monica, die bei ihrem Job als Internet-Dolmetscherin den Videotelefonie-Anruf eines Taubstummen bei einer Sex-Hotline übersetzen muss. Keine leichte Aufgabe für die schüchterne und unsichere Frau – und doch keimt am Ende des kuriosen Gesprächs so etwas wie Liebe zwischen ihr und dem Kunden auf.

Der kleine Tod“ ist ein herzenswarmer aber zugleich bitterböser Film über das komplexe Gewirr menschlicher Sexualität. Über weite Strecken zum Schreien komisch, schnürt er dem Zuschauer aber immer wieder auch genüsslich die Kehle zusammen. Erwartungshaltungen werden bewusst und genüsslich gebrochen und der gesamte Verlauf der Episoden bleibt bis zum teils bitteren Ende offen. Geschickt und symbolschwanger verbunden werden die einzelnen Kapitel durch einen zugezogenen Sexualstraftäter, der nach australischem Recht verpflichtet ist, seine Vergehen offen zu bekunden. Um dies zu überspielen, backt er den neuen Nachbarn die politisch unkorrekten Golliwogs – eine verpönte Spezialität in Australien. Wo immer er aber Kontakt aufnehmen möchte, stößt er auf kriselnde Beziehungen. Sexualität wird nicht nur als genussbringend dargestellt, sondern als äußerst komplex und fragil und in ihrer Auslebung manchmal mit erheblichen Problemen verbunden. Der Orgasmus ist als kleiner Tod somit – wie der Schlaf auch – ein naher Verwandter des Todes. Und doch strebt das Leben auf ihn zu und geht daraus hervor, wenngleich auf verschlungenen Pfaden.

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