Control

Kontrolle und Verlust

Und immer wieder ist ein Buch der Anfang aller Dinge. So auch bei dem grandiosen Regiedebüt des Erfolgsfotografen Anton Corbijn über das Leben des Joy Division Sängers Ian Curtis, dessen innere Qual Ausdruck in einem frühen Suizid fand. Denn in der biographischen Erzählung „Touching From A Distance“ berichtet Curtis‘ Ehefrau Deborah aus ihrer ganz persönlichen Sicht über das Leben ihres Mannes und brachte den Produzenten Orian Williams damit bereits 1997 mit der Geschichte des eigenwilligen Musikers in Kontakt – und legte somit den Grundstein für das emotionale filmische Zeitdokument „Control„, das bereits im Rahmen der Filmfestivals in Cannes, Edinburgh, Köln und Hamburg ausgezeichnet und von der European Film Academy als Europäische Entdeckung 2007 nominiert wurde.

Die Stunde der Geburt

Es gab schon vor dem Auftreten von Orian Williams erste Pläne für eine Verfilmung des Buches von Deborah Curtis, doch diese konnten niemals realisiert werden. Das aufrichtige Interesse an der Existenz ihres verstorbenen Mannes und seinem Werdegang überzeugte Deborah Curtis letztendlich doch, diese Verantwortung in die Hände von Orian Williams zu legen, der wiederum viel Herzblut in dieses Projekt investierte: „Ich wollte sicher gehen, dass der Film alle Aspekte von Ians Leben umfasst“, erinnert er sich. Aus diesem Grund wollte man auch andere Sichtweisen über Ian Curtis zu Tage bringen und andere Augenzeugen zu Rate ziehen; natürlich gehören hier auch seine Joy Division-Mitstreiter Bernard Summer, Peter Hook und Stephen Morris dazu, die sich nach seinem Selbstmord in New Order umbenennen sollten. Doch auch die Rolle und Sichtweise von Ian Curtis‘ Geliebter Annik Honoré sollte beleuchtet werden, die letztendlich am Scheitern der Curtis-Ehe beteiligt war. „Ian stand total auf Annik, und wir wollten Anniks Leben unbedingt in unserem Film unterbringen – auch wenn es in ‚Touching From A Distance‘ fast nicht erwähnt wird – und rüberbringen, dass sie eine große Rolle in der Story spielt“.

Einen Drehbuchautoren fand man in Matt Greenhaigh, der selbst Verbindungen zum Geburtsort von Ian Curtis hat und damit in gewisser Weise eine unverblümte Glaubwürdigkeit garantierte. „Mir fällt kein besserer Ausdruck ein, aber Ian ist ein Gott in Manchester. Tatsächlich an einer Bio über ihn mitarbeiten zu dürfen, ist vermutlich der Traum jedes jungen Menschen hier, der auch nur im Entferntesten etwas mit Pop zu tun hat. Da sind viele Menschen, denen man gerecht werden muss, und viele Menschen, die die Szene wie ihre eigene Westentasche kennen“, kommentierte er auf der ersten Pressekonferenz zu „Control„.

Als grandiose Wahl für den Regiestuhl erwies sich Starfotograf Anton Corbijn, der mit diesem Streifen das erste Mal die Fäden eines Filmes in die eigenen Hände nahm und mit einfühlsamen Bildern in ausdrucksstarkem Schwarz-Weiß ein bewegendes Meisterwerk erschuf. „Die richtige Atmosphäre ist Ausschlag gebend gewisse Szenen glaubwürdig zu machen. Mit Anton als Regisseur an Bord war gewährleistet, dass der Film gut werden würde“, blickt Orian Williams selbstbewusst zurück.

Lebenslauf

Es war ein trostloses Dasein in einer Zeit voller Widersprüche und Gegensätze. Der Kalte Krieg durchflutete jeden Bereich des täglichen Lebens, Formationen wie die Sex Pistols stellten sich offen gegen die Scheinmoral und das doktrinäre Wertesystem eines machthungrigen Staates. Schon mit 15 Jahren ist sich der pubertierende Ian Curtis sicher, dass er anders sein will, nicht blind mitlaufen und in der Masse mitschwimmen möchte. Zwischen David Bowie und den Sex Pistols erwächst in ihm der Traum von einem Leben abseits einengender Dogmen, von einem Leben als freier Musiker. Als er jedoch die junge Deborah kennenlernt und mit Rezitationen aus Goethes „Werther“ beeindruckt, dauert es nicht lange, bis die beiden zum Altar schreiten und sich das Ja-Wort geben. Doch schon bald bemerkt Deborah, dass sie in Ian einen eigenbrötlerischen Menschen gefunden hat, der sich ihr immer wieder entzieht und sich in eine andere Welt flüchtet.

Auf einem Konzert der Sex Pistols lernt er jedoch seine zukünftigen musikalischen Mitstreiter kennen und gründet mit diesen kurz darauf die Band Warsaw. Der Freigeist der Punkbewegung glüht in ihm auf und sein zurückhaltendes aber charismatisches Wesen scheint auf der Bühne Wunder zu bewirken. Nach einer Umbenennung in Joy Division nehmen die Vier ihre erste Single auf und veröffentlichen diese auf eigene Faust. Es beginnt ein scheinbar glanzvoller Aufstieg. Doch nach einem eher erfolglosen Konzert in London erliegt Ian das erste Mal einem epileptischen Anfall und wird dadurch mit seinem eigenen unabwendbaren Schicksal konfrontiert. In dem Song „She’s Lost Control“ verarbeitet er die Angst vor seiner Krankheit. Er kapselt sich noch mehr von seiner Frau ab und beginnt einen Absturz in tiefste Depressionen, die schließlich dazu führen, dass er seinen Job verliert – doch seine Band hält ihn weiterhin am Leben.

Obwohl er sich mit seiner Frau ein Kind wünscht, führt die Geburt seiner Tochter Natalie zu einer weiteren Entfremdung und Ian entgleitet seiner Frau noch mehr – direkt in die Arme der belgischen Journalistin Annik Honoré – und seine eigene Existenz weitet sich zusehends zu einem gewaltigen Abgrund aus. Ein Kampf den er nicht gewinnt, denn sein Leben entzieht sich mehr und mehr seiner Kontrolle …

Die Begegnung

Es waren Joy Division, die den jungen und ambitionierten Fotografen Anton Corbijn dazu brachten nach England zu ziehen und er war es wiederum, der das berühmte Foto der Band an einer U-Bahn-Station machte. Diese erste Begegnung mit Ian Curtis wirkt auf gewisse Weise auch nach vielen Jahren noch fort: „Ich habe Ian ein- oder zweimal getroffen“, lässt der Bildkünstler seine Gedanken in die Vergangenheit schweifen. „Der erste Fotoshoot in der U-Bahn-Haltestelle war sehr kurz, fünf oder zehn Minuten vielleicht. Mein Englisch war damals noch sehr schlecht – ich bin Holländer. Ich weiß noch, dass ich mich ihnen vorstellen wollte und sie sich geweigert haben, mir die Hand zu schütteln. Nachdem wir die Fotos gemacht hatten, schüttelten sie mir die Hand. Also war da schon etwas, das sie mochten, bevor sie die entwickelten Fotos sahen. Ich schickte ihnen Abzüge der Fotos, und sie gefielen ihnen. Damit standen sie allerdings alleine da. Niemand mochte die Fotos, weil niemand gerne die Hinterköpfe von Menschen ansieht. Niemand veröffentlichte sie. Die Band dagegen benutzte eines der Fotos für eine ihrer Single-Veröffentlichungen. Dann fragte ihr Manager Rob Gretton mich, ob ich nach Manchester kommen wollte, um sie in der freien Zeit ihres Videodrehs für ‚Love Will Tear Us Apart‘ noch einmal zu fotografieren. Also traf ich sie noch einmal, konnte mich aber immer noch nicht richtig mit ihnen unterhalten, weil mein Englisch immer noch nicht so gut war. Außerdem war ich wahnsinnig schüchtern. Es ist übrigens auch interessant, dass ich wegen meines schlechten Englisch überhaupt nicht verstand, worüber Ian Curtis in seinen Liedern sang. Aber mir war klar, dass es um schwerwiegende Dinge ging, einfach wegen der Art, wie Ian sie vortrug. Es fühlte sich so an, als ginge es um etwas. Das war auch einer der Gründe gewesen, warum ich nach England gezogen war. Die wenigen Male, die ich Fotos von Leuten und Bands in England gemacht hatte, fühlte sich das essenzieller an als in Holland. Bei Musikern in Holland hatte man immer das Gefühl, es ginge um ein subventioniertes Hobby. In England schien es eher um eine Flucht vor einem gewissen Leben zu gehen.“

Das Spiegelbild

Dieses Aufeinandertreffen und das Wissen um die eigenwillige Aura von Ian Curtis machte die Besetzung der Hauptrolle zu einem bedeutenden Unterfangen für das Gelingen des Filmes: „Das hat mir richtig Angst gemacht“, sinniert Anton Corbijn und fährt fort, „man fängt immer mit Schauspielern an, die sich bereits einen Namen gemacht haben, glaube ich. Dann haben wir Castings in London und im Norden des Landes veranstaltet. Und ich sah mir Probeaufnahmen auf Video an. Auf einem dieser Bänder entdeckte ich Sam Riley. Er hatte etwas, das mich an meine Zeit mit Joy Division erinnerte. Als ich Ende der Siebzigerjahre nach England kam, gab es diese blutjungen Musiker, die kein Geld hatten, die schäbig angezogen waren und herumstanden und eine Zigarette nach der anderen rauchten. Sam Riley ist genau so ein Typ. Er war dürr, hatte kein Geld und stand herum und rauchte genauso, wie ich es damals gesehen hatte. Ich hatte sofort das Gefühl, dass er absolut der richtige Typ für unseren Film war. Natürlich machte mich diese Wahl ungeheuer nervös, weil ich wusste, dass er über keinerlei Erfahrung verfügte. Aber unerfahrene Leute haben etwas wunderbar Ehrliches und Wahrhaftiges an sich. Was Sam macht, ist glaubhaft. Er hat sehr hart gearbeitet und steckte alles in seine Rolle.“

Ästhetik in Grau

Die Frage an Anton Corbijn, ob er von Anfang an plante „Control“ in Schwarzweiß aufzunehmen, führt ihn auf die Spuren der Vergangenheit zurück: „Nein. Viele Menschen glauben, dass ich meine Fotos nur in Schwarzweiß aufnehme, aber das stimmt überhaupt nicht. Ich mache viele Farbfotos. Aber meine Erinnerung an Joy Division ist in hohem Maße schwarzweiß. Wenn man sich das Bildmaterial ansieht, dass es von Joy Division gibt, dann würde ich sagen, dass 99 Prozent davon schwarzweiß ist. Das liegt sicherlich daran, dass Ende der Siebziger- und Anfang der Achtzigerjahre alle relevanten Musikmagazine in England in Schwarzweiß gedruckt wurden. Eine Band musste schon einen großen Hit gelandet haben, um in einer wichtigeren Publikation mit einem Farbfoto bedacht zu werden. Aber eine Band wie Joy Division hatte keine Hits, damals zumindest noch nicht. Außerdem waren alle ihre Plattencover schwarzweiß. Und sie kleideten sich ausschließlich in Grautönen. Ich fand, dass das die richtige Art und Weise war, an Joy Division zu denken.“

Ein kurzer Blick in ein bewegtes Leben

15. Juli 1956: Ian Kevin Curtis wird im Manchester Hospital geboren.
17. April 1974: Curtis verlobt sich mit Deborah Woodruff.
23. August 1975: Curtis und Woodruff heiraten.
20. Juli 1976: Die Sex Pistols spielen in der Manchester Lesser Free Trade Hall. Die Basis für die Gründung von Joy Division wird gelegt.
29. Mai 1977: Unter dem Namen Warsaw spielt die Band ihr erstes Konzert.
18. Juli 1977: Warsaw nehmen ihr erstes Demo auf.
25. Januar 1978: Erster Auftritt unter dem Namen Joy Division in der Pips Disco in Manchester.
Mai 1978: Rob Gretton wird Manager von Joy Divsion.
20. September 1978: Joy Division erreichen erstmals ein größeres Publikum, als sie „Shadowplay“ in Tony Wilsons TV-Show „Granada Reports“ spielen.
27. Dezember 1978: Auf der Heimkehr nach einem Auftritt in Lonson hat Ian Curtis seinen ersten verifizierten epileptischen Anfall.
16. April 1979: Ian wird Vater. Im selben Monat nehmen Joy Division ihr erstes Album „Unknown Pleasures“ auf.
9./10. November 1979: Anton Corbijn besucht das Joy Division-Konzert im Londoner Rainbow Theatre und nimmt Kontakt mit der Band auf. Am nächsten Tag fotografiert er sie zum ersten Mal.
April 1980: Anton wird eingeladen, die Band beim Dreh ihres Videos zu „Love Will Tear Us Apart“ in Manchester zu fotografieren.
18. Mai 1980: Ian Curtis begeht Selbstmord.

Geekometer:

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