Thee Flanders – Graverobbing 2

Thee Flanders
„Graverobbing 2“
(Halb 7 Records)

Vor bald einer Dekade gruben die Potsdamer Psychobillysten Thee Flanders einen modrigen Haufen edler Klangode aus der geheiligten Musikgruft aus, um jene mit brummigem Kontrabass, fetzigem Schlagzeug, knarzender Gitarre und Normans rauem Gesangsorgan von den Toten zurückzuholen. „Graverobbing“ servierte 2007 bekannte Hits wie New Model Armys „51st State“, Yazoos „Only You“ oder Billy Idols „White Wedding“ – und das auf unnachahmliche Thee-Flanders-Art. Jetzt haben die vier Jungs erneut die Spaten aus dem Schuppen geholt, um ein weiteres mal den Friedhof der Evergreens umzugraben. Herausgekommen sind dreizehn brummig-spaßige Untotenklassiker beseelt durch eine flotte Mischung aus Punka- und Psychobilly. Reanimiert wurden artverwandte Klassiker wie u.a. „Dirty Lies“ von den Psychobillyheroen Mad Sin, „Pet Semetary“ von den unsterblichen Ramones oder „Dein Vampyr“ von der besten Bänd der Welt, Die Ärzte. Der stehende Ärzte-Schlagzeuger und Vokalist, Bela B., ist beim Achtzigerklassiker „You Spin Me Round“ von Dead Or Alive sogar im Duett mit Norman zu hören. Typische 1980er-Kracher gibt es aber mehr, wie das gelungene „She Bob“ von Cyndi Lauper oder das herrlich aufgepeppte „Don’t You Want Me“ von Human League – häufig angenehm beschleunigt und stets stilsicher verflandert. Rund wird die Sache überdies durch weitere Gaststars wie Brigitte Handley, Tom Toxic und sogar den Gurkenkönig Achim Menzel, der hier im „Enjoy The Silence“-Königsgewand sogar die CD verziert. Wie viel Spaß die vier Brandenburger bei den Aufnahmen hatten, kann man jedem einzelnen Song anhören, vor allem aber dem albernen Ghosttrack „Mutti“, einer tiefen und gleichsam ironischen Verneigung vor Glenn Danzig. „Graverobbing 2“ ist von Anfang bis Ende bravourös und dürfte sogar Punk- und Psychobilly-Muffeln eine Totenmaske auf’s Gesicht und einen Iro auf die Rübe zaubern.

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Die Ärzte – Die Nacht der Dämonen

Die Ärzte
„Die Nacht der Dämonen“
(Hot Action/Universal)

Die drei Jungs auuuuuus Berlin haben es wieder einmal bewiesen: sie sind die bäste Bänd där Wält! Auf drei CDs, zwei DVDs oder einer Blu-ray darf man Bela, Farin und Rod bei dem beiwohnen, was sie am besten können, nämlich live spielen und dabei eine gehörige Portion Schwachsinn absondern. Besonders schmuck ist die Blu-ray-Box geraten, die die beiden Konzerte in Frankfurt und Berlin mit allen 47 Songs bei bester HD-Bildqualität und mit fettem 5.1-Sound ins heimische Wohnzimmer transportiert. Dabei wackeln nicht nur die Wände, sondern vor allem auch die Lachmuskeln, denn wie immer passiert auf der Bühne eine ganze Menge, was nicht zwingend mit den Hits der Herren zu tun haben muss. Das Konzert wird im Multi-Angle-Stil dargeboten, so dass teilweise mehrere Bildeinstellungen gleichzeitig über die Mattscheibe flimmern, was einiges an Dynamik bringt und die Stimmung vortrefflich einfängt. Wer mit diesem etwas unkonventionellen Schnitt seine Probleme hat, kann aber auf eine Standardaufnahme zurückgreifen.

81CHhdogNAL._SL1500_Egal wie, es wird improvisiert und geblödelt, Publikum für alberne Spiele missbraucht – kurzum Spaß gehabt. Als schicke Dreingaben gibt es ein dickes Buch mit Fotos und allen Songtexten, zwei von Farin und Rod signierte Plektrons, einen Drumstick-Flaschenöffner mit Belas Unterschrift, Postkarten, einen Gwendoline-USB-Stick und ein Ärzte-Halsband. Dazu haben die Drei – wie immer – einige ulkige Extras serviert, die Farin als Alkoholwrack oder Bela beim Tote-Hosen-Gebet zeigen. Noch Fragen?

 

 

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The Dresden Dolls

Komplizierte kleine Geschöpfe

Was passiert, wenn ein angetrunkener Punk über den Rummelplatz torkelt, dabei Smashing Pumpkins hört und währenddessen eine intellektuelle Abhandlung über die Entwicklung des Chansons liest, danach die Revolution ausruft und im nächsten Moment vom Weltschmerz zum Brückensprung verleitet wird? Das Ergebnis ist die künstlerische Verschmelzung aus Amanda Palmer und Brian Viglione, im Land der Weltpolizei besser bekannt unter dem Namen The Dresden Dolls.

Im Namen des Duos liegt die ambivalente Struktur ihrer Musik bereits verborgen, stehen hier doch – wie im Booklet der selbstbetitelten Debüt-CD (2003) anschaulich visualisiert – die fahlen, toten und bedrückenden Ruinen einer ausgebombten Stadt im Widerspruch zu einer fast schon kitschig anmutenden Porzellanpuppe eines namenlosen Kindes. Auf ebensolche Weise schaffen es die Dresden Dolls in nur einem Song vom niederschmetternden Leid eines Menschleins zu erzählen, und doch das gesamte Menschengeschlecht in einer abstrakten Karikatur zu umreißen; ihr Blick schwenkt in einem Ruck vom Individuum über den gesamten Erdenball.

Ebenso inszenieren die beiden ihre Lieder, schaffen es in nur fünf Minuten chansonhafte Anklänge mit punkigem Rock zu verquicken, um kurz darauf in kabaretthaften Kinderreimen zu enden – und dabei kommen in erster Linie genau drei Klangwerkzeuge zum Einsatz: das gefühlvolle Schlagzeug von Brian Viglione und Amanda Palmers Klavier- sowie Sangeskünste. Allerdings kann hier von einer Klavierrolle im klassischen Sinne kaum gesprochen werden, denn das Piano übernimmt hier gleichermaßen die Aufgabe der Stromgitarre und verwandelt eine liebliche Ballade von einem Augenblick zum nächsten in einen Strudel wütender Emotionen. Über alledem weint, schreit, flüstert, verführt und verhöhnt die chamäleonhafte Stimme von Amanda Palmer, die ohne Kompromisse und Abstriche jedes gesungene Wort und jede betonte Silbe auf eine ganz besonders einnehmende Art zu Eigenleben erweckt und der gesamten Scheibe somit eine unverkennbare Seele einhaucht.

„Menschliche Wesen sind komplizierte kleine Geschöpfe. Ich versuche sie als ebendies in meinen Liedern darzustellen“, berichtet die ehemalige Mitarbeiterin eines deutschen Avantgarde Theaters. Diese Grundidee setzt das Duo mit einer eigenen, wenn auch ungewöhnlichen Ästhetik und unverbrauchten Stilmitteln um, wodurch es nicht weiter verwundert, dass jeder ihrer Texte ein kleines Büchlein für sich ist, in dem es neben klug arrangierten Wortspielen und abstrakten Bildern eine Menge zu entdecken gibt.

Diese kuriose Kunstform begeisterte in den USA eine völlig unhomogene Gruppe von Anhängern, die vom Universitätsprofessor bis zur Punk-Rockerin reichte. Bald darauf schwappte die Euphorie auch über den großen Teich und infizierte die unterschiedlichsten Musikliebhaber. Und obwohl nach den beiden Alben „Yes, Virginia“ (2006) und „No, Virginia“ (2008), zwei DVS und etlichen Singles der Ofen aus war, bleiben die Dresden Dolls ein einmaliges wie eigenwilliges Duo. Reinhören lohnt sich also auch heute noch.

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Hubert Kah – Seelentaucher

Mosaik der Seele

Die älteren Semester dürften bei dem Namen Hubert Kah augenblicklich an Hits der Neuen Deutschen Welle wie „Rosemarie“ oder „Sternenhimmel“ denken, während die etwas Jüngeren noch seine englischsprachigen Songs aus den späten Achtzigern in den Ohren haben könnten. Nach seiner letzten Scheibe Mitte der Neunziger wurde es jedoch, bis auf ein Best-of, recht still um den eigenwilligen Musiker. Doch still wurde es nur im Sinne greifbarer Veröffentlichungen, denn Hubert Kah hat der Musik in all den Jahren keine Minute den Rücken gekehrt und ist 2005 mit seinem neuen Werk „Seelentaucher“ sprichwörtlich wieder aufgetaucht.

„Ich habe nie aufgehört Musik zu machen, ich habe immer für mich Songs geschrieben. Aber Songs schreiben bedeutet ja nicht unmittelbar, dass man ins Studio geht und eine Platte aufnimmt“, rekapituliert der Komponist, Textschreiber und Sänger mit gelassener Stimme. „Für mich ist es ja nicht so ein Routinejob, dass ich jedes Jahr eine Platte rausbringen muss. Es müssen verschiedene Dinge zusammenkommen, auch die Frische und Lust wieder rauszugehen, genauso wie die Bereitschaft mit einer Band unterwegs zu sein und live zu spielen. Erst wenn all das stimmt und auf einem Punkt ist, und auch eine Stückeauswahl am Start ist, die ein gutes Gesamtbild ergibt, erst dann macht es Sinn für mich eine Platte zu machen.“
Zwar kam in der Zwischenzeit eine Plattenfirma auf Hubert Kah zu und bot ihm einen nicht uninteressanten Vertrag an, aber dies alleine reichte ihm nicht aus, um wieder mit seinen unkonformen Klängen an die Öffentlichkeit zu gehen. Für ihn war das Gefühl ausschlaggebend, ein Gefühl, das im sagte, dass die Zeit reif für eine neue Scheibe ist.
Im Lauf der Jahre hatte sich eine Reihe an Ideen und Kompositionen angesammelt, denn schon seit seinem sechzehnten Lebensjahr ist ihm das Songwriting ein Bedürfnis, das ihn erfüllt: „Ich habe einfach Lust mich über Musik auszudrücken, über Singen, über Texte und Melodien. Das ist ein Anliegen, das ganz tief in mir drin ist, eine Art Grundbedürfnis, wie Essen und Trinken. Ich brauche das einfach, es gehört zu mir. Und natürlich verarbeite ich da Dinge, aber ganz unbewusst. Ich setze mich also nicht hin und sage mir, ich möchte über dieses oder jenes ein Lied machen, sondern das passiert ganz automatisch. Es ist ein natürlicher Prozess. Aber eigentlich mache ich mir darüber gar keine Gedanken. Es entwickelt sich einfach, und eines kommt zum andern. Ich glaube, wenn man sich so viel vornimmt und vieles vorsätzlich macht, dann ist es nicht mehr natürlich, dann kommt es nicht mehr von Innen heraus, dann ist es nur noch vom Kopf her.“
Auch bei der Zusammenstellung seiner Band ließ Herr Kah mehr seinen Instinkt entscheiden als scharfes Kalkül, und wählte nach menschlichen Kriterien die Musiker aus, die fortan bei Konzerten seine Lieder zum Besten geben sollten: „Es ist mir ganz wichtig, dass ich mit Leuten zusammenarbeite, die idealistisch drauf sind und auch charakterlich gut zu mir passen. Da muss ein gutes Gruppenfeeling da sein. Sie müssen auch nicht nur ihre Instrumente gut beherrschen, sondern auch selbst kreative Personen sein.“
Der Titel „Seelentaucher“ beschreibt sehr deutlich den persönlichen Charakter des Albums, denn mit jedem einzelnen Stück dringt der Hörer ein klein wenig weiter in die Welt von Hubert Kah ein – jeder Song repräsentiert eine Facette des Künstlers. „Ich glaube jede menschliche Seele ist nicht beschränkt auf nur eine Richtung. Wir identifizieren uns zwar oft mit einer Richtung und denken, dass wir diese eine Richtung sind, aber in Wirklichkeit hat eine Seele viele verschiedene Gesichter, und das sind alles wir. Und diese unterschiedlichen Gesichter werden beim ‚Seelentaucher‘ über viele unterschiedliche Stimmungen und die ganz unterschiedlichen Arrangements ausgedrückt. Ein Stück im Heavy Metal-Gewand, eines im Chanson-Gewand, das dritte vielleicht sogar ein wenig schlagermäßig, ‚Fels in der Brandung‘ ist dagegen fast schon experimentell. Wenn man der Platte etwas Böses wollte, würde man sagen es ist ein Durcheinander – will man ihr etwas Gutes, sind es verschiedene Mosaikbausteine, deren Einzelteile wieder ein Ganzes geben.“
Drei der Songs, „Military Drums“, „Lass mich träumen“ und „Wenn der Mond die Sonne berührt“, stammen bereits aus der Vergangenheit und finden auf Seelentaucher eine evolutionäre Wiedergeburt. „Das sind Lieder, von denen ich immer noch glaube, dass sie Hits sein können, die mir aber damals bei den Urfassungen nicht so gelungen sind, wie ich sie im Kopf und der Fantasie hatte. Es lag mir einfach am Herzen sie noch mal so zu gestalten, wie es sich für diese Lieder gehört.“ So vermischt die CD von Hubert Kah nicht nur die unterschiedlichsten Stimmungen, Ideen, Stile, sondern ist zudem eine kleine Reise in die Vergangenheit.

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Whispers In The Shadow – The Rites Of Passage

Der Ritus des Mondes

Vor 19 Jahren fing alles mit einem Vierspur-Taperecorder an. Ashley Dayour verlieh seiner künstlerischen Vision nach zahlreichen weniger befriedigenden Banderfahrungen Ausdruck und schuf damit die ersten Töne von Whispers In The Shadow. „The Rites Of Passage“ wird sein dreizehntes Werk sein und damit unter einem magischen Stern stehen – passend zu seiner okkulten Orientierung.

Zählt man nämlich alle Veröffentlichungen der Österreicher zusammen, erhält man als Ergebnis nicht nur die 13, das Album erscheint auch an einem 13. April, und dieses Datum des Jahres 2012 ergibt wiederum eine Quersumme von 13. Kein Zufall, sondern ein bewusste Anordnung, so wie alles im Kosmos der okkulten Goth-Rocker.

Auch „The Rites Of Passage“ ist Teil eines größeren Ganzen, ein Mikrokosmos in einem makroskopischen Gefüge. 2008 wagten Whispers In The Shadow nach mehrjährigen Schwierigkeiten bei der Besetzung und einer Platte, die in Gänze nie das schummrige Licht der Welt erblickte, einen vollkommenen Neustart. Die Scheibe „Into The Arms Of Chaos“ nahm sich der hohen Kunst der Alchemie an und eröffnete damit einen vierteiligen Zyklus, der nunmehr mit „The Rites of Passage“ seinen dritten Part erfährt. „Die erste Platte behandelte die erste Stufe, die Prima Materia, das Chaos. 2010 folgte dann mit ‚The Eternal Arcane‘ der zweite Teil, die Weißung. Nun sind wir bei Citrinitas angekommen, der Gelbung“, führt Ashley aus. Das Gelb steht dabei sowohl für die frühe Morgenröte als auch für das fahle Gelb des Mondes oder das reinste aller Edelmetalle selbst, das Gold. Der Musiker möchte die Alchemie dabei in ihrer ursprünglichen Form verstanden wissen, nicht als wirrer Hokuspokus, bei dem es um die Gewinnung von Gold geht, sondern als naturmagische, philosophische Lehre von der Selbstvervollkommnung und -findung. „Nach vier Studioalben wollte ich nicht wieder einfach nur gute Songs schreiben, ich wollte mehr als nur Musik erschaffen“, reflektiert er ernst. „So habe ich nach einem Konzept gesucht, das mich anspricht und herausfordert. Für mich ist Alchemie oder eben Magie ein wichtiges und auch sehr persönliches Thema.“ Tatsächlich sind die Fans der Formation seinem Ruf gefolgt und haben sich häufig ernsthaft mit der Materie auseinandergesetzt und seine Texte hinterfragt – eine Gegebenheit, die den Goth-Rocker sichtlich erfreut. Allerdings, so winkt er locker ab, sei es für ihn auch kein Problem, wenn die Leute seine Lieder einzig und alleine wegen der Musik selbst hören würden.

Das Zeitalter des Krieges

„Nichts ist wahr, alles ist erlaubt“ ist das Credo unter dem die Zeilen zu Whispers In The Shadow entstehen. Tumbe Teilwahrheiten und blinde Propaganda sind bleiben außen vor. Ashley ist zu jeder Zeit bemüht, die Welt und ihre Geheimnisse von allen Seiten zu betrachten und somit ein Mosaik der Perspektiven zu bieten. In „Call To Arms“ thematisiert er ein Zeitalter des Krieges und geht damit weit über alchemistische Lehren hinaus: „Das bezieht sich auf eine Äonen-Lehre aus dem Hinduismus. Laut dieser befinden wir uns im sogenannten ‚Kali Yuga‘, dem Zeitalter des Krieges. Allerdings nicht erst seit dem 20. Jahrhundert. Auch der Song ‚Wormwood Star‘ befasst sich zum Teil mit diesem Thema, schafft eine Querverbindung zwischen dem fallenden Stern aus der Offenbarung des Johannes und der Atombombe, der finalen Waffe der Menschheit.“ Gegenwart und Vergangenheit, Okzident und Orient werden hier verwoben, um einen eigentümlichen Blick auf die Existenz zu werfen. Wohin die Reise geht, vermag der Flüsterer nicht zu sagen, aber er sieht die Menschheit an einem Scheideweg. Auf der Oberfläche scheint Frieden in Westeuropa zu herrschen, aber ist das wirklich so? Tobt nicht vielleicht längst ein andersartiger Krieg, verborgen vor einer trögen Masse? Eben solche Fragen sind es, die Whispers in The Shadow mit ihren Texten hervorrufen möchten. Dabei distanzieren sie sich bewusst von einer Rolle als Moralapostel oder Friedenspredigern. Sie sind findige Beobachter und geben diese auf reflektierte Weise in ihrer Musik weiter. „Ich bin überzeugt, dass jede Kunst eine Botschaft übermitteln will. Warum sollte die Kunst sonst überhaupt bestehen?“, hinterfragt Ashley nachdenklich. „Ein Künstler hat, meiner Meinung nach, einen Drang sich der Welt durch sein Schaffen mitzuteilen, seinen inneren Dialog mit der Welt auf irgendeine Art und Weise zu teilen. Somit gibt es immer eine Botschaft, egal ob die jetzt ‚Rettet die Wale‘ heißt oder ‚Ich bin dick und habe keine Freundin!‘ oder eben ‚This is the age of war‘.“

Die Apokalypse des Cthulhu

Seit jeher gehört der dräuend-düstere Cthulhu-Mythos, den H.P. Lovecraft im letzten Jahrhundert geschaffen hat, zu den Konstanten von Whispers In The Shadow –die Kurzgeschichte „Der Flüsterer im Dunkeln“ stand nicht umsonst Pate für den Bandnamen. Hochachtung liegt in der Luft, wenn Ashley von seinen ersten Berührungen mit Lovecrafts unheimlichen Erzählungen berichtet, Dinge, die ihn sehr geprägt und inspiriert haben. „Lovecraft beinhaltet ja mehr als nur ein paar Kurzgeschichten“, schwärmt er. „Sein Mythos ist sowohl ein funktionierendes magisches System, Popkultur und Literatur zugleich.“

So ist es nicht verwunderlich, dass auch seine siebte Studioscheibe von cthulhoidem Wahnsinn durchtränkt ist. In „The Tempest“ ist die Rede von einem alten, schlafenden Lord, der unter dem Meer ruht. Es gibt zusammenstürzende Sterne und doch steht am Ende eine Ehrung an Luzifer. Nicht nur von der Textseite her, nimmt dieses Stück einen Sonderposten auf der Scheibe ein, auch klanglich beschreitet das Lied Neuland. „Es ist etwas vollkommen Neues, was im Whispers-Universum so noch nicht stattgefunden hat. Dieses rituelle Schlagzeug mit dem fast schon gechanteten Gesang …“ Mister Dayours Lieblingsstück besingt in der Tat den alten, schlafenden Cthulhu, doch mit den Sternen bewegt er sich erneut aus Lovecrafts Sphären heraus. „Diese beziehen sich wie auch Teile des Songs ‚Wormwood Star‘ auf den fallenden Stern aus der schon erwähnten Offenbarung des Johannes, also der Apokalypse des neuen Testaments. Und damit denke ich ist die Verbindung zu Luzifer, der ja auch ein gefallener Stern ist recht klar.“

Somit gehört „The Tempest“ zu einer Reihe endzeitlicher Verkündungen auf „The Rites Of Passage„, vielfach befeuert durch eine präsentere Schlagzeugarbeit. Perkussive Instrumente wie das Hackbrett verleihen einzelnen Stücken einen orientalischen Einschlag, dem Inhalt folgend. Der Einsatz der Gitarren wurde zudem ein wenig heruntergefahren, drei Stücke verzichten sogar ganz darauf. „Es zeichnet Whispers ja aus, dass kein Album wie das andere klingt. Selbst wenn ich wollte, könnte ich mich nicht wiederholen, da man sich ja selbst ständig verändert und weiterentwickelt. Wenn man, so wie ich, ehrliche Musik erschaffen will, verändert die sich natürlich auch. Aber es ist immer noch eindeutig Whispers in the Shadow, und das ist gut so.“

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CROWN

C R O W N
„Natron“
(Candlelight Records)

Als zwei gitarrenbewehrte Männer mit einem (Drum-)Computer fingen CROWN aus dem schönen Osten Frankreichs an, fanden im Januar 2014 jedoch in Frederyk Rotter von den Schweizer Deathdoomern Zatokrev Unterstützung. Nun sind es eben drei gitarrenbewehrte Männer – und diese pointierte Instrumentierung zahlt sich auf ihrer Scheibe „Natron“ durchweg aus. Dabei könnten die sieben Stücke des Albums kaum facettenreicher sein, schwanken zwischen depressivem Doom und schwerblütigem Indie. Das knapp zehnminütige Meisterwerk „Wings Beating Over Heaven“ zeigt das songwriterische Können und die stilistische Vielfalt der Linksrheiner vortrefflich auf: schwarzmetallische Aggression verliert sich immer wieder in sphärischem Ausbluten, Niedergang und Aufbäumen werden zu einer unzertrennlichen, schmerzlichen Einheit. Auf emotionaler Ebene ähnlich, aber stilistisch unvergleichbar, wogt das pumpende „Serpents“ daher. Hier wird die Vorliebe des Trios für Nine Inch Nails hör- und spürbar. Was eben noch rhythmisch monoton wie ein Pulsschlag einlullt, bricht im nächsten Augenblick voller Agonie auf – gellend, verzweifelt, zornig. Nicht ganz unbeteiligt an der dichten Atmosphäre ist hier Gastsänger Stéphane „Neige“ Paut von den shoegazigen Post-Rockern Alcest. Eine gänzlich andere Stimmung verbreitet „Fossils“, das ohne ausufernde Wut auskommt, sondern die Hoffnungslosigkeit zu einem anschmiegsamen Indie-Pop-Song verdichtet. Erinnerungen an Editors und Konsorten werden wach – und an die verblichenen Beastmilk. Kein Wunder, denn Khvost, der jetzt mit Grave Pleasures weitermacht, leiht dem Stück sein unverkennbares Organ.

Jeder einzelne Track hat seine ganz eigenen Eigenschaften, sein ganz individuelles Klangbild und seinen unverkennbar starken Charakter. Die nötigen Kanten, Tiefen und Unebenheiten machen „Natron“ zu einem mitreißenden Erlebnis, das von der düsteren und schwerblütigen Stimmung, der heiligen Gitarrendreifaltigkeit und seiner stilistischen Freiheit und Variabilität lebt. CROWN klingen wie ein paar Alt-Doomer, die zu viele Pilze gemampft haben und jetzt meinen, sie wären ein Zwitter aus Nine Inch Nails und den Editors … oder so. Egal, extrem hörenswert!

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Schneewittchen – Keine Sekunde Schweigen

Der Schrei der Stille

Mit der wohlgesitteten Märchendame und ihren sieben Zwergen hat das Duo mit dem feenhaften Namen nur wenig gemein. Eigentlich mag man bei den expressiven Bühnendarbietungen von Sängerin Marianne Iser und Klaviervirtuose Thomas Duda eher an ein intellektuelles Rumpelstilzchen im Absinthrausch denken, das einen schizophrenen Ausdruckstanz vollführt, irgendwo zwischen verletzlicher Fragilität und zorniger Rage. „Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen veröffentliche ich des Königs Scheibe“ – mit „Keine Sekunde Schweigen“ stampfen sie ihr sechstes Werk in unsere Welt.

Schneewittchen entziehen sich bewusst einer Kategorisierung, folgen lediglich dem eigenen Verlangen. Zu zweit entfachen sie ein unkonventionelles Wechselspiel aus progressiver Opernarie, morbidem Chanson, absurdem Theater und faustschem Hexentanz – eine Verbindung, die den gewöhnlichen Musikkonsumenten vor den Kopf stößt, aber durchaus in der Lage ist, den auf leicht verdauliche Unterhaltung konditionierten Gehörgang wiederzubeleben und zu Höherem zu berufen. Ein Aufschrei von Marianne vermag den dahinschlummernden Bürger aus seinem Dornröschenschlaf zu reißen oder ihn angesichts seiner konservativen Blindheit laut kreischend in die Flucht zu schlagen. Nein, Schneewittchen sind nicht immer leichte Kost, spielen bewusst mit verstörenden Elementen, kombinieren Schönklang und Disharmonie mit hämischer Berechnung und das alles aus reiner Lust an der Kunst.

Klangtherapie

„Meine Nachbarn haben lautstark Mozart gehört, das ist eine meiner ersten, stärksten Erinnerungen“, blickt Thomas in seine Kindheit zurück, zu seinem ersten Kontakt mit der Musik. „Ich war ein sehr lebendiges Kind, das die meisten Pädagogen leicht überforderte. Anstatt mich auf ADS zu untersuchen und medikamentös stillzulegen hat meine Mathematik-Lehrerin mich an den Flügel in der Aula gelassen. In der Zeit, wo sie Arbeiten korrigierte, war ich fasziniert vom Flügel, durfte spielen und mich ausprobieren. So kam es, dass ich in der fünften Klasse, anfing mir Klavierspielen beizubringen. Ich bin also Autodidakt.“ Diese Liebe zum Instrument entstand auf dem natürlichsten Wege, ohne Druck von außen und strenge Unterrichtsstunden. Vielmehr diente die Musik schon in frühen Jahren als Ventil und als Rettungsanker zugleich.

Ähnlich verhielt es sich auch bei Marianne, deren Mutter die Musik zur Therapie für schwererziehbare Mädchen nutzte – von kleinauf wurde damit eine Brücke zur Tonkunst geschaffen, deren Stützpfeiler von Jahr zu Jahr mehr ausgebaut und verfestigt wurden. Auch ihre liebe zum Theater hat sie von ihrer Mutter in die Wiege gelegt bekommen, denn neben der klanglichen Betreuung, richtete diese auch Sketchabende aus, die der kleinen Marianne in Herz und Blut übergingen.

Als Marianne und Thomas 1995 in Hildesheim aufeinandertrafen, war es Liebe auf den ersten Blick, vereint durch eine gemeinsame Vision. Beide wollten zu keiner Zeit ein nutzloses Rädchen in einem stupiden System sein, sondern wider aller gesellschaftlicher Hindernisse lauthals gegen Normen und Missstände aufbegehren – nicht mit Gewalt, sondern mit Tönen. Schwarzmalerisches Kabarett, expressives Theater und lebenshungrige Vokalmagie wallten von den Kleinkunstbühnen damals herab und faszinierten oder schockierten die Betrachter. Schon ihre erste Platte „Töte mich ganz“ ging keine Kompromisse ein, beschritt vielmehr selbstbewusst einen eigenen Weg, abseits vermarktbarer Konzepte. Trotz der stark polarisierenden Darbietungen erfreuten Schneewittchen – damals noch unter ihren „weltlichen“ Namen – die unterschiedlichsten Lokalitäten und Menschentypen. „Wir haben auf Kirchenaltären, im Opernhaus, im tiefsten Bayern, in München auf dem Marienplatz oder in Neapel freizügige Bühnenshows gegeben und sind bis heute nicht verbrannt worden“, unkt die Stimmmagierin. „Mariannes starkes, amazonenhaftes Auftreten verunsichert. Ich glaube, dass die geistige Haltung, die Marianne in dem Moment auf der Bühne repräsentiert, einen Freiheitsanspruch manifestiert, der auf Kleingeister bedrohlich wirkt. Hätten wir eine platte Titten-Show wie ‚Tutti Frutti‘ gemacht, hätte sich keiner aufgeregt“, legt ihr Partner nach. Denn auch wenn sie selbst häufig viel Haut zeigt, dient dies alles einem höheren Zweck und geht einher mit dem Gesungenen. Keine Nacktheit um der Plumpheit willen. Als verzerrenden wie bloßstellenden Spiegel wirkt Schneewittchen wie eine virtuose Therapie einer maroden Gesellschaft.

Seelenverwandtschaft zwischen den Stühlen

Befeuert durch unzählige Musen wie Georgette Dee, Klaus Hoffmann, Heinrich von Kleist, Ingeborg Bachmann, Elfriede Jelinek, David Bowie oder Diamanda Galas (wobei beide beteuern, diese Liste noch ewig fortführen zu können) stemmte man sich gegen die Konventionen und benannte sich schließlich im neuen Jahrtausend aufgrund einer Berichterstattung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Schneewittchen um. Schwierigkeiten den gemeinsamen Kurs festzulegen hatten die beiden zu keiner Zeit, denn einhellig sprechen sie von einer besonderen Seelenverwandtschaft, die sie von Anfang an beflügelte und zusammenschweißte.

Ein wichtiger Moment in der Karriere der Band war schließlich das Zusammentreffen mit dem Das-Ich-Mann und Labelguru Bruno Kramm. „Bruno hat einen Auftritt von uns gesehen und stand mit offenem Mund in der ersten Reihe. Er war bezaubert“, erinnert sich der Tastenmann. „Das Schöne an Bruno ist, dass er wie ein Kind zu begeistern ist, wenn ihn etwas wirklich berührt. Das erklärt auch den Pulk an unterschiedlichsten Künstlern um ihn herum. Ein perfekter Netzwerker mit Herz.“

Vor allen Dingen erkannte der Plattenboss aber die Einzigartigkeit des Duos und bestärkte die jungen Musiker in ihrem Tun. „Wir waren froh, dass uns jemand genau so wollte, wie wir sind“. Als „Musik zwischen den Stühlen“ bezeichnete er ihren Stil und verhalf ihnen fortan auf größeren Bühnen und sogar Festivals aufzutreten und sich dadurch einen Kultstatus auch innerhalb der Gothic-Szene zu erspielen. Berührungsängste gab es von Anfang an nicht, denn auch hier fühlten sich Schneewittchen daheim. Marianne beschreibt die Verbundenheit mit der Schwarzen Szene als philosophische Nähe: „Das Thema Tod wurde in unserer Kultur stark verdrängt und ausgegrenzt. In der Schwarzen Szene gibt es eine Auseinandersetzung mit dem Tod, wenn oft auch romantisch-verklärt. Das Leben braucht den Gegenpol Tod. Er gehört zu ihm und wohnt ihm inne. Erst durch den Tod wird das Leben einzigartig und wertvoll.“ Reduzieren oder in eine Nische einengen lassen sich die Zwei jedoch nicht: „Wir passen in keine Szene“, erklärt Marianne kopfschüttelnd. Thomas wirft kritisch hinterher, dass auch die Gothicszene zunehmend kommerzialisiert wird und längst ihren hohen Anspruch verwirkt habe. Wann der erste „Schwarze Ballermannsampler“ erscheine, sei nur noch eine Frage der Zeit. Mit viel Feinsinn haben Schneewittchen in der Vergangenheit aber schon szenetypische Problemfelder aufgegriffen und auf ihre Art verarbeitet. „Komm wir ritzen uns die Adern“ ist ein Beispiel für eine solche Auseinandersetzung mit autoaggressivem Verhalten – nicht frei von zynischer Direktheit. Phrasenhafte Kritik an der Gesellschaft vermeidet man dabei gekonnt, umgeht ebenso gezielt politische Plattitüden. Und doch wohnt allen Versen eine kritische Betrachtung der Wirklichkeit inne, häufig mit zarten Intimitäten oder übersprudelnder Sehnsucht verbunden. „Ich wehre mich mit meinen Texten gegen aufgestellte Normen und verteidige mein So-Sein sowie das absolute Subjektive Da- und Anderssein eines jeden Menschen“, umreißt die Chanteuse ihr Wirken. „Auch die Beschäftigung mit den engsten zwischenmenschlichen Beziehungen kann durchaus politisch sein.“ Musik wird zu einem unaufdringlichen Sprachrohr, vermittelt eine künstlerische Botschaft und wirft zugleich einen Rettungsring für all jene taumelnden Seelen aus, die täglich ums nackte Überleben kämpfen. Thomas ist sich sicher, dass Musik und Kunst allgemein Dinge bewegen und verändern können und führt hierzu einen stichhaltigen Beweis an: „Jeder hat mindestens ein Lied, das ihn oder sie gerettet hat, irgendwann und über eine schwere Zeit getragen hat.“ Auch Schneewittchen spenden Trost und machen immer wieder deutlich, dass das häufig so hässliche Leben auf der anderen Seite ebenso zauberhafte Momente bietet, wenngleich diese manchmal ein wenig verschroben oder ungewöhnlich sein können. Denn nicht dass Glatte, Saubere und Edle ist es, dass für das Duo Schönheit ausmacht, sondern das Kantige und Sperrige, dessen Wunderlichkeit in der Individualität liegt.

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold

Die menschliche Existenz wird beschallt durch eine Vielzahl von Stimmen. Gute Ratschläge werden unterbreitet, Gesetze geschrien und Verbote ausgerufen. Schon im Kindesalter wird man konditioniert sich anzupassen und mitzulaufen. Es gilt sich einzufügen und die Gebote nicht zu hinterfragen. „Keine Sekunde Schweigen“ zeigt all jenen auf kecke Weise den Stinkefinger, die die Andersartigkeit anderer nicht akzeptieren wollen. Auf Hass verzichtet das Duett, vielmehr tänzelt man in überlegener Erhabenheit um die hohlen Phrasen der Gesellschaft und freut sich genüsslich auf das nächste vermeintliche Fettnäpfchen. Ein Aufruf zur Revolution möchte der Titelsong „Keine Sekunde Schweigen“ jedoch nicht sein, wie die beiden betonen, vielmehr eine Aufforderung zur Achtung des Individuums in seiner Einzigartigkeit. „Das Lied ist eine Genugtuung für das von Medien, Industrie und Politik überrollte Individuum“, umschreibt der Pianist genüsslich.

Klanglich, so hört man der Scheibe schnell an, sind Schneewittchen dabei eine Spur handzahmer geworden, halten friedlich das Gesicht in die wärmende Sonne, ohne dabei allerdings die Schattenseiten zu vergessen. Hier und da greift man bewusst zu einem süßlichen Tonfall und legt eine außergewöhnlich gute Laune an den Tag. „Verkommerzialisiert“, so versichern sie, werde hier aber nichts. Vielmehr habe man in der Vergangenheit alles alleine bewerkstelligt und wollte nun erstmals auch Einflüsse von außen zulassen, um neue stilistische Impulse zu erhalten. „Wir haben auf ‚Keine Sekunde Schweigen‘ mit einem selbst ausgesuchten Produzenten-Team gearbeitet“, holt Thomas zu einer Begründung aus. „Marianne und ich hatten Schwächen im Groove-Bereich und haben uns hier Unterstützung geholt.“ Zwar sei das Album hierdurch auch poppiger geworden, aber das versteht man als weiterer Schritt in der bandeigenen Entwicklung. So beschreibt Marianne das Lied „Fürchte dich nicht“ als eine „Feier des Unvermeidlichen“. Denn angesichts der kurzen menschlichen Existenz, die mit dem Heranreifen auch stetig dem Tod näherrückt, bleibt nur ein ausgelassenes Genießen dieser kleinen Lebensspanne. „Es ist die Feier des körperlichen Verfalls. Hoch die Beine, solange das noch geht!“

Klanglich bietet man auch dieses Mal ein buntes Mosaik aus akustischen Instrumenten und elektronischen Spielereien. Die Schwerpunkte richten sich dabei ohne Einschränkung ganz nach dem jeweiligen Lied. Was auf der einen Seite sanft dahersäuselt kann im nächsten Moment grantig rocken oder aber auch zur Ertüchtigung auf den Tanzfluren der Clubs dienen. „Ja, die Tanzbarkeit ist anvisiert und erwünscht“, bestätigt die Sängerin, „ich finde es toll, wenn Leute zu unseren Liedern tanzen. In letzter Zeit erleben wir es, dass das Publikum tanzt und die Texte mitsingt; das ist ein unbeschreibliches Gefühl.“ Stumpfe Beatorgien bleiben selbstverständlich unterhalb der Schneewittchen-Würde.

 

Nach über fünfzehn Jahren gemeinsamem Musizierens sind Schneewittchen noch immer nicht müde geworden, sind noch immer begierig zu experimentieren, sich zu hinterfragen und den Finger neckisch in die eitrigen Wunden der Zivilisation zu bohren. „Keine Sekunde Schweigen“ ist ein Heilmittel, das trotz seines manchmal bitteren Geschmacks rettende Wirkung haben kann, auch für die Schaffenden selbst. In seinem Zentrum pulsiert die Liebe, meist ein wenig burlesk und selten in gleichmäßigem Schlage, aber, so schließt Thomas, „es ist ja das wichtigste und einzige Thema. Es ist das Thema des Lebens.“

Chuck Schuldiner – Zero Tolerance

Chuck Schuldiner

Chuck Schuldiner – Zero Tolerance

Chuck Schuldiner
„Zero Tolerance“
(Karmageddon Media)
Nachdem ein Gehirntumor das Death-Mastermind Chuck Schuldiner im Dezember 2001 aus dem Leben riss, unterstützt vom damaligen amerikanischen Gesundheitssystem, das es nur den Reichen gestattete, sich teure Behandlungen und Operationen leisten zu können, blieb es um seine beiden Bands Death und Control Denied still. Anfangs wollte die Familie die halbfertigen Stücke des zweiten Control Denied-Albums zwar zum Download freigeben, aber bisher herrscht auch da noch Schweigen. Mit der zehnspurigen Scheibe „Zero Tolerance“ kredenzt man den wartenden Fans des perfektionistischen Pioniers vier Songs aus dem Control Denied-Proberaum, die sich allesamt mehr als hören lassen können. Zwar kommen die Stücke ohne Gesang daher, sind aber – wie man das von Chuck gewohnt ist – technisch äußerst anspruchsvoll, virtuos gespielt und kompositorisch auf einem atemberaubenden Niveau – geradlinige Härte wird hier geschickt mit Melodie und einer heftigen Spur düsterer Emotionalität vermengt. Für die Die-Hard-Fans gibt es noch die beiden Death-Demos „Infernal Death“ (1985) und „Mutilation“ (1986) dazu, die allerdings wirklich nur absoluten Schuldiner-Fetischisten zu empfehlen sind.

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Farin Urlaub – iDisco

Farin Urlaub – iDiscoFarin Urlaub Racing Team
„iDisco“
(Völker hört die Tonträger)

Farin Urlaub alias Jan Ulrich Max Vetter, seines Zeichens Oberblondi und Grinsebacke bei der besten Band der Welt, Die Ärzte auuuuuus Berlin, hat am 24. April 2015 seine dritte Single zum Album „Faszination Weltraum“ vorgelegt. „iDisco“ koppelt einen der Plattenhöhepunkte aus, ein durch und durch Urlaub-typischer Kracher – und das sogar in dualer Weise. Denn erstmals in der Geschichte des „Sommer, Palmen, Sonnenschein“-Punks liegt der Track nicht nur in seiner Albumversion vor, sondern zusätzlich noch in einem um 30 Sekunden verknappten und verdichteten Radio-Edit. Das ist jetzt nicht zwingend eine Offenbarung (die kommt ja auch erst zwei Songs später), aber „iDisco“ ist dermaßen knackig, witzig und ohrwurmig, dass jede weitere Fassung willkommen ist. Dieser Cha-Cha-Cha des Irrsinns pustet schon mit dem ersten Ton alle Gute-Laune-Ganglien durch und zwingt unweigerlich zu lautstarkem Mitgrölen. „Du bist umgeben von Schwachmaten, die auf Erlösung warten“, ist nicht nur bewährte Urlaub’sche Reimkunst, sondern auch ein Killerrefrain wie er im Farin-Buche steht.

FU - iDisco 1

„Welche Krise?“ geht ähnlich pfiffige Wege und klammert sich schon beim ersten Hördurchgang in den Lauschgängen fest. Wie übliche für den wasserstoffblonden Grien-Punk verbinden sich hier gesellschaftskritische Überlegungen und Ironie – alles bekömmlich serviert auf einem punk-rockigen Partyhit mit Arschwackelgarantie.

Der „Himmel auf Erden“ geht es ein wenig ruhiger, aber nicht weniger pointiert an. Über Religion hat sich Herr Urlaub bisher nur selten ausgelassen. Nachdem der Staat aber schon häufiger sein Fett wegbekommen hat, knöpft sich der Berliner Musiker nun die göttliche Sphäre vor – ganz ohne erhobenen Zeigefinger, ohne die Contenance zu verlieren oder platt unter die Gürtellinie zu treten. FU - iDisco 2Der ruhige Tonfall schlägt sich auch in der klanglichen Umsetzung nieder. Ein bisschen Klavier hier, ein wenig Akustikgitarre da und ein Hauch Druck vom Schlagzeug und schon holt der Racing-Team-Anführer den Himmel runter. „Die einen errichten Tempel, die anderen Moscheen, die dritten bauen Kirchen, Gott ist trotzdem nie zu seh’n“ – noch Fragen? Mit vier Tracks eine durch und durch lohnende Single, die jedem Ärzte und FU-Fan ans Herz zu legen ist.

Geekometer:

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Hans Zimmer – Interstellar OST

Hans Zimmer
„Interstellar“
(Watertower Music/Sony Classical)

Der Frankfurter Komponist und Musikproduzent Hans Zimmer ist ein kleiner Gott des Wohlklangs. Für seine Soundtracks zu Filmen wie „Der schmale Grat„, „Gladiator„, „The Dark Knight“ oder „Inception“ wurde er unzählige Male für verschiedene Preise nominiert, konnte auch schon etliche Male einen Oscar, Grammy, Golden Globe oder Satellite Award abstauben. Für das epische wie metaphorische Science-Fiction-Drama „Interstellar“ unter der Regie von Düsterling Christopher Nolan durfte Zimmer ebenfalls die Noten setzen – und es wäre nicht verwunderlich, würde auch da erneut irgendeine Trophäe winken. „Interstellar“ ist für sich ein atemberaubender Streifen, viele Szenen beziehen ihre Kraft jedoch direkt aus den Kompositionen des Wahl-Hollywooders. Es ist immer wieder diese Eindringlichkeit und tiefe Emotionalität der Stücke, die den Zuhörer und -schauer wie ein schwarzes Loch ins Zentrum des Films saugt. Zarte Streicher treiben schwerelos durch das Weltall und wo vonnöten baut sich der Szenerie entsprechend symphonische Gewalt auf, um bald darauf wieder in filigrane Arrangements zu zerfließen. Und immer wieder nimmt die Kirchenorgel ihren epischen Raum ein, macht die metaphysische Ebene des Films hör- und spürbar. Hans Zimmer entfesselt mit seinem Score einen klitzekleinen Kern der Schöpfungskraft.

Wer sich jedoch die reguläre CD-Variante des Soundtracks gekauft hat, wird leider feststellen müssen, dass eines der intensivsten Stücke des Blockbusters fehlt. Als Pilot, Farmer und Familienvater Cooper sein Schiff an die rasend schnell rotierende Raumstation anzudocken versucht und keine Zeit für Vorsicht mehr bleibt, erschallt im Film „No Time For Caution“. Dieses gibt es jedoch nur in der Deluxe-Variante mit insgesamt 24 anstatt „nur“ 16 Tracks. Äußerst ärgerlich, denn gerade dieses Werk gehört zu den absoluten Höhepunkten des Albums.

Unabhängig davon ist der Soundtrack einmalig und auch abgekoppelt vom Film wunderbar zu genießen.

Geekometer (Deluxe-Version):

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