Lost River

Zerfall und Niedergang

Lost River ist verloren und verlassen. Die einst blühende Kleinstadt fällt in sich zusammen. Wohnhäuser, Schulen und Schwimmbäder sind nur noch hohle, menschenleere Hüllen. Wer noch hier ist träumt von einem schöneren Leben irgendwo in der Ferne. Und dennoch kämpft die alleinerziehende Billy (Christina Hendricks) in Ryan Goslinks Drama „Lost River“ um ihr Haus – ein aussichtsloses Unterfangen.

Denn sie ist mit den Hausraten bereits drei Monate im Rückstand und der neue Manager ihrer Bank (Ben Mendelsohn) schlägt einen deutlich härteren Kurs als sein Vorgänger ein. Einen neuen Kredit gestattet er nicht, auch nicht einen weiteren Aufschub der Zahlungen. Stattdessen gibt er der verzweifelten Mutter eine Visitenkarte mit, die ihr zu einem neuen und lukrativen Job verhelfen soll. Zuerst sperrt sich Billy auf das Angebot des unsympathischen Widerlings einzugehen, doch als eines Morgens das Nachbarhaus von der Bank abgerissen wird und die eigenen vier Wände als nächstes „Ziel“ markiert werden, meldet sie sich und lässt sich zu der entsprechenden Adresse fahren. Dort findet sie einen ungewöhnlichen Nachtclub vor, bei dem es aber nicht vorrangig um nackte Haut, sondern um Gewalt und Blut geht. Trotz Zweifel und Angst nimmt sie den Job an.
Ihr ältester Sohn, Bones, versucht unterdessen ein wenig Geld zum Haushalt beizusteuern, indem er in den leerstehenden Geisterhäusern das Kupfer aus den Wänden reißt und bei einem Schrotthändler verkauft. Längst hat sich jedoch der brutale Bandenboss Bully das verwahrloste Territorium unter den Nagel gerissen – und er duldet keine Konkurrenten, die Ware aus seinem Turf plündern. Dennoch versucht Bones seiner niedergeschlagenen Mutter zu helfen und wagt einen weiteren Vorstoß ins „feindliche Gebiet“. Ihm gelingt zwar knapp die Flucht, aber Bully lässt sich nicht ungestraft auf der Nase herumtanzen und schwört Rache.
Der Zerfall ist überall. Die gesamte Stadt taumelt in einer unaufhaltsamen Spirale des Niedergangs in den Abgrund, reißt die Verbliebenen dabei hoffnungslos mit sich. Ein wenig Wärme findet Bones in dieser niederschmetternden Umgebung bei der Nachbarstochter Ratte (Saoirse Ronan). Sie lebt bei ihrer Großmutter, die seit dem Tod ihres Mannes nur noch vor dem Fernsehgerät sitzt und sich von alten Aufnahmen berieseln lässt. Das Haus ist heruntergekommen und scheint mit der alten Dame dahinzuvegetieren. Aber leider gibt es keinen Platz für aufkeimende Liebe in Lost River. Denn die Rache von Bully trifft genau hier …

Lost River“ ist Ryan Goslings Regiedebüt für das er auch das Drehbuch schrieb. Ein einnehmender und zutiefst düsterer Streifen, der in seiner destruktiven Art ganz einem „Requiem For A Dream“ ähnelt. Anstelle realistischer Tristesse setzt Gosling jedoch auf eine überhöht drohend-beklemmende Bildsprache – die Degeneration wird auch auf stilistischer Ebene durch eine poetische Metaphorik sichtbar. So skurril und grotesk wie ein David Lynch wird Gosling dabei nicht, vielmehr konzentriert er sich auf emotionaler Ebene auf die gewaltige Leere und Trostlosigkeit. Mit stiller Anteilnahme zerstört er Stück um Stück die Hoffnungen seiner Protagonisten und lässt sie Schritt für Schritt einer grauenvollen Hölle näherkommen. Der amerikanische Traum ist nicht nur tot, er ist untot und wankt röchelnd der eigenen Fäulnis entgegen.

Leider harmoniert die Story mit ihren oft durchschaubaren Figuren nur bedingt mit der deprimierenden Bildpoetik und verliert dadurch viel an Kraft und Wucht. Dennoch bleibt „Lost River“ ein eigenständiges und außerordentlich intensives Erlebnis.

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Die Ärzte – Die Nacht der Dämonen

Die Ärzte
„Die Nacht der Dämonen“
(Hot Action/Universal)

Die drei Jungs auuuuuus Berlin haben es wieder einmal bewiesen: sie sind die bäste Bänd där Wält! Auf drei CDs, zwei DVDs oder einer Blu-ray darf man Bela, Farin und Rod bei dem beiwohnen, was sie am besten können, nämlich live spielen und dabei eine gehörige Portion Schwachsinn absondern. Besonders schmuck ist die Blu-ray-Box geraten, die die beiden Konzerte in Frankfurt und Berlin mit allen 47 Songs bei bester HD-Bildqualität und mit fettem 5.1-Sound ins heimische Wohnzimmer transportiert. Dabei wackeln nicht nur die Wände, sondern vor allem auch die Lachmuskeln, denn wie immer passiert auf der Bühne eine ganze Menge, was nicht zwingend mit den Hits der Herren zu tun haben muss. Das Konzert wird im Multi-Angle-Stil dargeboten, so dass teilweise mehrere Bildeinstellungen gleichzeitig über die Mattscheibe flimmern, was einiges an Dynamik bringt und die Stimmung vortrefflich einfängt. Wer mit diesem etwas unkonventionellen Schnitt seine Probleme hat, kann aber auf eine Standardaufnahme zurückgreifen.

81CHhdogNAL._SL1500_Egal wie, es wird improvisiert und geblödelt, Publikum für alberne Spiele missbraucht – kurzum Spaß gehabt. Als schicke Dreingaben gibt es ein dickes Buch mit Fotos und allen Songtexten, zwei von Farin und Rod signierte Plektrons, einen Drumstick-Flaschenöffner mit Belas Unterschrift, Postkarten, einen Gwendoline-USB-Stick und ein Ärzte-Halsband. Dazu haben die Drei – wie immer – einige ulkige Extras serviert, die Farin als Alkoholwrack oder Bela beim Tote-Hosen-Gebet zeigen. Noch Fragen?

 

 

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Giana Sisters: Dream Runners

Lauf Forrest, lauf!

Das Jump ’n‘ Run-Spiel „The Great Giana Sisters“ wirbelte bei seinem Erscheinen 1987 mächtig Pixelstaub auf. Da es zu große Ähnlichkeiten zu Nintendos „Super Mario Bros.“ aufwies, wurde es kurz nach Veröffentlichungen wieder aus den Regalen genommen. Der Kultplattformer bekommt mit „Giana Sisters: Dream Runners“ nun einen flottenUr-Enkel, der die aktuelle Konsolengeneration um ein launiges 4-Spieler-Couch-Gewusel bereichert.

Es ist so eine Sache mit den Next-Gen-Boliden. Flüssige Frameraten, bombastische Spezialeffekte und realitätsnahe Animationen lassen die meisten Spiele schon beinahe wirklich erscheinen. Leider bleibt bei dem ganzen Grafikoverkill kein Platz mehr für die ursprünglichen Tugenden der Spielkonsole, nämlich Mehrspieler-Splitscreens und offline Multiplayerspaß. Waren das noch Zeiten, als man auf der PlayStation zu siebt „Micro Machines“ zocken, sich bei „Goldeneye“ zu viert vor das N64 und den Röhrenfernseher knallen oder sogar „Call Of Duty II“ auf der Xbox 1 (nicht der One) mit drei Freunden gemeinsam bestreiten konnte. Heute darf zwar im Internet über PSN, Xbox Live oder Steam gegen Massen von Gamern gezockt werden, aber es macht eben einen deutlichen Unterschied, ob man sich mit seinen Freunden bei Bier, Cola, Chips und Pizza trifft und damit seinen „Feinden“ ins Angesicht schauen kann, oder ob man gegen gesichtslose Gegner spielt.

Giana Sisters: Dream Runners“ holt den Flair von einst zurück, ohne dabei die modernen Möglichkeiten eines Online-Wettstreits zu verleugnen. Vier Spieler – wahlweise Bots in drei Schwierigkeitsstufen, Online-Spieler oder lokal anwesende Freunde – dürfen sich gemeinsam in neun unterschiedliche Levels stürzen, um sich um den Verstand zu rennen. Dabei kombiniert das spaßige Hopsgeflitze „Super Mario„-Grundsteine, „Mario Kart„-Werte und „Micro Machines„-Elemente, um den maximalen Spielspaß zu garantieren. Auf das Startzeichen hin müssen die Joypad-Akrobaten ihre virtuellen alter Egos durch die zunehmend komplexen Levels steuern, wobei vor allen Dingen geschickt gesprungen, taktisch klug gesprintet und im rechten Moment propellert werden muss. Über die üblichen „Giana Sisters„-Kristalle kann der Spieler seinen Geschwindigkeitsboost aufladen, kann aber darüber hinaus an bestimmten Punkten in den Levels zufällig ermittelte Specials aufsammeln, die es erlauben, den Mitläufern gehörig das Gerenne zu vermasseln. Da gibt es zielgelenkte Riesenbrocken, störend herumrennende Eulen, Feuerballattacken, hinterhältige Platzwechsel oder eine ganze Salve von Ballgeschossen.

Dem nicht genug, kann allerdings auch der gesamte Level über Schalter transformiert werden, wodurch kurzerhand Plattformen verschwinden, Barrieren den Weg versperren oder helfende Trampoline auftauchen … oder verschwinden. Dabei sind die neun Kurse, die in klassischer Seitenscrolleransicht durchhüpft werden, und sich immer wieder zu einem Kreis schließen, an sich schon knifflig genug. Da gibt es rotierende Plattformen, herumtappende Gegner, verwirrende Aufzüge, wilde Luftströmungen, schmerzende Fontänen und allerlei andere Hindernisse und Schwierigkeiten, die gemeistert werden wollen – ganz zu schweigen von den drei mitlaufenden Spielern. Denn der Bildschirm folgt – wie bei „Micro Machines“ immer dem vordersten also ersten Spieler. Wer dessen Tempo nicht folgen kann und somit aus dem Blickfeld gerät, wird kurzerhand aus der Runde eliminiert. Sobald allerdings einer der Spieler auf diese Weise rausgeflogen ist, schaltet sich kurze Zeit später ein Timer an, der die verbleibenden Sekunden der Runde herunterzählt. Wer bei Erreichen der Null vorne liegt gewinnt einen der begehrten Sterne – und bei insgesamt drei dieser Trophäen darf sich der glückliche Spring-und-Renn-Heroe auf das Siegertreppchen stellen.

Giana Sisters: Dream Runners“ kombiniert bekannte Ingredienzien zu einem bunten, flotten und vor allen Dingen äußerst witzigen Spaßspiel für die ganze Familie. Es wird garantiert ausgiebig gelacht, gebrüllt, geflucht, gelästert und geschwitzt. Die Eingewöhnungszeit in die Steuerung ist kaum nennenswert und auch die Mechaniken des Spiels sind schnell durchschaut, so dass auf gleicher Höhe gerannt und gehopst werden kann. Leider läuft der Titel noch nicht 100%ig rund. Nachdem ein Stern gewonnen wurde starten die Spieler an einem Punkt des Levels gemeinsam neu – dieses Rücksetzungspunkte sind nicht immer optimal gewählt, denn es kann vorkommen, dass einzelne Spieler schon vor dem Start durch herumirrende Monster gelähmt werden oder aber auf einem Fließband landen und schlichtweg aus dem Level getragen werden. Darüber hinaus sind Partien gegen Bots nur bedingt erfreulich und dienen lediglich der Übung. Zur ganzen Größe läuft „Giana Sisters: Dream Runners“ eben mit drei Freunden vor der gleichen Konsole auf der Couch auf. Aber dann gibt es kein Halten mehr!

Geekometer (im 4-Spieler-Offline-Modus):

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Port Royal

Piratenparty

Während ihrer Blütezeit gehörte die berühmtberüchtigte Hafenstadt Port Royal in Jamaika zu den wohlhabendsten Städten der Welt. Die günstige Lage erlaubte es den englischen Freibeutern, die von den gekaperten spanischen Galeonen frisch ergatterten Waren direkt in der Umgebung zu verkaufen. 2 – 5 Piratenanwärter dürfen sich bei dem flotten Kartenspiel „Port Royal“ als geschäftstüchtige Seeräuber versuchen und um die Gunst von Gouverneuren und Admirälen buhlen.

Port Royal“ braucht nicht mehr als 120 unterschiedliche Spielkarten und eine kleine aber feine Anleitung. Vom Auspacken bis zur ersten Partie vergeht keine halbe Stunde und schon kann die geschlossene Mannschaft in See stechen. Jede Karte hat zwei relevante Seiten, einmal die Vorderseite mit Schiffen, Personen, Steuererhöhungen und Expeditionsaufrufen, einmal eine Rückseite mit einer abgebildeten Goldmünze. Dadurch kann jede Karte entweder als Geldvorrat oder als Spielobjekt fungieren. Jeder Freibeuter fängt mit drei Goldkarten an, die restlichen Karten werden gut durchgemischt und als verdeckter Nachziehstapel in der Tischmitte platziert. Der aktive Spieler zieht nun so lange Karten vom Stapel wie er möchte, wobei dabei primär Schiffe in fünf verschiedenen Farben und individuelle Charaktere zum Vorschein kommen. Je mehr Karten ausliegen, umso besser, doch sollte der Spieler eine Schiffskarte ziehen, deren Farbe bereits offen ausliegt, muss der gesamte aufgedeckte Kartenhaufen abgeworfen werden und der nächste Spieler ist an der Reihe. Um das zu vermeiden kann der aktive Spieler jedoch jederzeit aufhören, Karten aufzudecken und mit den bereits umgedrehten „arbeiten“.
PortRoyal_SpielsituationDenn nach dem Kartenziehen, dem sog. „Entdecken“, geht es ans „Handeln & Heuern“. Der aktive Spieler darf sich abhängig davon wie viele verschiedenfarbige Schiffe offen ausliegen 1 bis 3 Karten auswählen. Die unterschiedlichen Bootstypen gewähren Gewinne in Gold. Mit diesen Einnahmen kann das „Heuern“ begangen werden. Die unterschiedlichen Persönlichkeiten wie Gouverneure, Händler, Witzbolde, Matrosen, Piraten oder Fräuleins müssen nämlich mit barer Münze bezahlt werden, bringen dann aber zukünftig besondere Vorteile. Der Händler generiert beim „Handeln“ mit den Schiffskarten zusätzliche Geldboni, der Pirat kann die eigene Ladung bewachen und bestimmte Schiffskarten „abwehren“, während Priester, Kapitäne und Siedler dafür notwendig sind, um sich lohnende Expeditionen zu sichern. Solche Forschungsreisen können in der „Entdecken“-Phase nämlich ebenfalls gezogen werden, landen jedoch auf einem eigenen Stapel und können von jedem Spieler ausgewählt werden – vorausgesetzt, das nötige Personal und Kapital ist vorhanden. Dadurch sichert sich der Spieler wichtige Siegpunkte. Diese gibt es jedoch auch für bestimmte Charaktere im eigenen Besitz.
Hat der aktive Spieler seine Phase „Handeln & Heuern“ abgeschlossen, darf jeder weitere Mitspieler noch maximal eine Karte aus der offenen Auslage auswählen, muss dem aktiven Spieler jedoch eine Gebühr von einem Goldstück bezahlen. Haben alle gewählt oder gepasst, wird der Spieler zur Linken des aktiven Spielers zum neuen aktiven Spieler und beginnt damit, Karten vom Nachziehstapel nach eigenem Ermessen aufzudecken. Und so geht es reihum weiter, bis einer der Spieler 12 Siegpunkte erreicht hat.

Port Royal“ bietet zahlreiche Wege zum Ziel und lässt dabei keine Minute Langeweile aufkommen. Vielmehr gehen die Runden schnell und sorgen für viel Gelächter. Durch das „Handeln & Heuern“ kommt es auch indirekt zur Interaktion zwischen den Spielern, und wenn es nur das boshafte Wegschnappen wichtiger Ressourcen ist. Pfiffig, flott und spaßig.

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Einsamer Wolf – Flucht aus dem Dunkel

Joe Dever
„Einsamer Wolf: Flucht aus dem Dunkel“ (1)
(Mantikore Verlag)

Das Schicksal hat viel vor mit dem jungen Mönch Lautloser Wolf. Eigentlich hat der im Unterricht der Kai Abtei nicht aufgepasst und muss frühmorgens bei seinem Trainer eine Stunde Kampftraining nachsitzen. Die Lektion verläuft allerdings ein wenig anders als geplant, denn plötzlich wird das Kloster von den Streitmächten der Schwarzen Lords angegriffen. In nur wenigen Augenblicken verwandelt sich das beschauliche Zentrum der Kai-Mönche in ein blutiges Schlachtfeld und es scheint, als seien der Übermacht des Feindes auch die geballten Kräfte der Meister nicht gewachsen. In dem ganzen Chaos bekommt Lautloser Wolf den Befehl, das magische Alarmsignal der Abtei zu aktivieren, um die große Stadt Holmgard und König Ulnar zu warnen. Doch der Weg hinauf zum Turm ist voller Gefahren für den jungen Mönch und es gilt eine Reihe schwieriger Entscheidungen zu fällen. Aber das ist noch lange nicht alles, denn kaum verlässt der lautlose Mönch, nun unter dem Namen Einsamer Wolf, die Hallen des Konvents, muss er sich durch ein Reich im Krieg bewegen, stets auf der Hut vor den Invasoren. Aber es führen etliche Wege nach Süden, der gewaltige Strom Unoram ist zu überwinden, ein Friedhof gilt es zu erkunden, einsame Tempel zu bewachen und zahllose Feinde zu bezwingen. Die Handlung liegt aber einzig und alleine in der Hand des Lesers, der hier zum Spieler wird.
Einsamer_Wolf_-_Flucht_aus_dem_Dunkel__Amazon_de__Joe_Dever__Nicolai_Bonczyk__Karolina_Gardovic__BücherDie Abenteuer des Fantasy-Spielbuchs „Einsamer Wolf“ begannen in Deutschland bereits 1984, wurden jedoch 1990 nach zwölf Bänden eingestellt. 2009 nahm sich der kleine Mantikore Verlag der englischen Erfolgssaga an und begann mit einer frisch übersetzten Neuauflage. Der erste Teil, „Flucht aus dem Dunkel“, fungiert als gelungene Einführung in die Welt von Magnamund. Protagonist ist der Kai-Mönch Einsamer Wolf, der zu Beginn vom Leser erstellt werden kann. So ist es dem Leser bzw. Spieler erlaubt aus einer Reihe von Disziplinen fünf auszuwählen. Ist der Mönch ein begabter Heiler, ein begnadeter Jäger, verfügt er über einen Sechsten Sinn oder weiß er vielleicht eine Waffe zu führen? All das kann der Leser zu Beginn selbst frei aussuchen. Die beiden Werte „Kampfstärke“ und „Ausdauerpunkte“ werden jedoch zufällig über eine Zahlen-Tabelle festgelegt, bei der der Leser mit einem Bleistift blind auf eine Buchseite tippt und die entsprechende Zahl ermittelt. Dies ersetzt die im Pen-&-Paper-Rollenspiel weit verbreiteten Würfel und macht den Solo-Spielband unabhängig. Ein Rucksack trägt der Recke ebenfalls mit sich, denn im Laufe der Mission wird Einsamer Wolf so manchen Gegenstand finden, kaufen oder geschenkt bekommen. In der Geschichte hat der Leser nach kurzen Absätzen immer wieder die Möglichkeit, sich für einzelne Optionen zu entscheiden: greift er den Feind an, schleicht er sich davon oder nutzt er seinen Gedankenstrahl? Je nach Wahl geht es im Buch zu einem anderen Kapitel und die Handlung nimmt somit eine völlig eigene Wendung. Häufig muss der Leser aber auch schwere Entscheidungen treffen z.B. überlegen, ob er einem Fremden vertraut oder nicht. An vielen Stellen des Bandes kommt es auch darauf an, welche Informationen und Gegenstände Einsamer Wolf zuvor gesammelt hat, welche Stationen des Buches er also abgeklappert hat. Oft sind einzelne der fünf wählbaren Disziplinen von großem Nutzen, um Situationen zu meistern oder aber kleine Vorteile zu erlangen.

Für Rollenspieler ein schöner und unterhaltsamer Zeitvertreib; aber gerade Rollenspiel-Neulinge oder Nicht-Spieler können durch die „Flucht aus dem Dunkel“ eine völlig neue Welt der Unterhaltung kennenlernen und in ein schillerndes Fantasy-Reich abtauchen.

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The Nightmare Before Christmas

Tim Burton
„The Nightmare Before Christmas“
(Quadriga)

Henry Selick schuf 1993 mit „Nightmare Before Christmas“ ein einzigartiges „Puppen-Grusical“, dessen Figuren nicht mehr aus der Gothic-Szene wegzudenken sind. Jack Skellington, Sally und all die anderen bizarren Gestalten finden sich auf etlichen T-Shirts, Tassen und anderem Merchandise-Krempel wieder – und auch 20 Jahre nach dem Kinodebüt hat die Mischung aus Musical und expressionistischem Horror-Kindermärchen nichts von seiner Faszination eingebüßt. Auch der fabelhafte Soundtrack von Danny Elfman macht den kindlichen Filmspaß einzigartig. Die Grundidee stammte von Gothic-Märchenonkel Tim Burton, der mit Werken wie „Vincent“, „Corpse Bride“ oder „Sleepy Hollow“ als „melancholischer Magier“ selbst Unsterblichkeit erlangte. Sein zauberhaftes Gedicht über den unglücklichen Jack aus dem Halloweenland, der die Schnauze vom Erschrecken voll hat und lieber Weihnachtsmann wäre, findet sich in einer deutschen Übersetzung als farbiges Bilderbuch wieder. Die traumhaften Zeichnungen von Mister Burton halten sich dabei von der Konzeption her an die Filmvorlage, jedoch bleiben all jene Figuren aus, die für die Verfilmung hinzugedichtet wurden. Eine wahre Pracht für kleine und große Kinder.

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Minions

Sadie Chesterfield
„Minions“
(Der Hörverlag)

Sie sind schon seit Jahren die eigentlichen Superstars der beiden Kinofilme „Ich – Einfach unverbesserlich„, Teil 1 und 2, und lassen den gar nicht so bösen Superschurken Gru und seine Mädels an Charme und Witz glatt hinter sich: die Minions. Die kleinen gelben Überraschungsei-förmigen Brillen- und Latzhosenträger bekommen jetzt mit „Minions“ ein eigenes Leinwandspektakel, das tief in die Vergangenheit zurückreicht und die lustige Geschichte des ungewöhnlichen Völkchens erzählt. Dabei mussten die gelben Kartoffelknilche so manche Gefahr bestehen, sich foltern lassen und sogar zu den Rettern Englands werden. Dabei wollen sie doch einfach nur einem bösen Meister dienen. Doch so ein rechter Bösewicht ist gar nicht so leicht zu finden.

Oliver Rohrbeck, besser bekannt als die Stimme von Justus Jonas von „Die drei ???„, erzählt die turbulenten Abenteuer dermaßen lebendig, dass es eine wahre Freude ist. Dabei nutzt er sein ganzes Stimmpotential, um den Banana-Knirpsen chaotisches Leben einzuhauchen. Das ist auch bitter nötig, denn bei den gelben Helden geht es drunter und drüber. Nachdem den Minions schon der ein oder andere Bösling abhanden gekommen bzw. eher unfreiwillig aus dem Leben geschieden ist – ganz gleich ob Vampirlord oder Tyrannosaurus –, machen sich Kevin, Stuart und Bob auf, um den ultimativen Boss des Grauens zu finden. Über Umwege landen sie auf der Fachkonferenz für Superschurken, der Villain-Con und geraten da an eine wahrlich infernale Superfrau. Leider überflügelt das Dreikäsehochtrio die kühnsten Erwartungen ihrer neuen Auftraggeberin und werden zu den Monarchen Großbritanniens. Dafür müssen sie aus dem Weg geräumt werden, doch die Minions sind nicht nur drollig, sondern auch nahezu unkaputtbar.

Minions“ macht in der Hörbuchfassung eine Menge Spaß. Dennoch fehlt es den Protagonisten an der großartigen Animationsarbeit der Kinovorlage, denn die Minirecken leben von ihrer putzigen Mimik und Gestik. Dieses Manko versuchen die zwei CDs über eine pfiffige Erzählweise wieder wett zu machen, dennoch bleiben sie hinter dem Filmerlebnis zurück. Für unterwegs ist die Erzählung aber bestens geeignet und weiß dank Oliver Rohrbeck auch bestens zu erfreuen!

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Tod dem Tyrannen

Munteres Monarchenmeucheln

Wie so oft ist der Monarch ein niederträchtiger Despot. Während er in Saus und Prauss in seiner geschützten Burg lebt, muss sein Volk darben und hungern. Bei seinem Besuch in der Stadt soll der verhasste Tyrann jedoch endgültig beseitigt werden. Bei dem würfellosen Taktikspiel „Tod dem Tyrannen“ dürfen zwei Spieler in die Rolle des Herrschers und seiner Leibgarde auf der einen und in die Rolle der Meuchler und Bürger auf der anderen Seite schlüpfen.

Die Box des Spiels ist handlich, die Anleitung gerade mal sechs DinA5-Seiten lang und das Spielmaterial im Nu zusammengebaut. Ein zweiseitiges Spielbrett bietet zwei Szenariovarianten, wobei eine für Anfänger und eine für fortgeschrittene Assassine und Ritter gedacht ist. Haben die beiden Spieler sich für eine Partei entschieden, werden die 12 Bürger, der König und seine sieben Ritter an vorher festgelegten Orten auf dem Spielplan positioniert. Der Spieler der Bürgerseite hat die Möglichkeit im Geheimen drei seiner Protagonisten als Meuchelmörder festzulegen – diese werden durch entsprechende Karten festgehalten. Der König sieht lediglich zwölf Bürger auf dem Plan stehen, weiß aber nicht, welche drei tatsächlich bewaffnete Auftragsmörder sind. Schon hier sollte sich der Lenker des Pöbels eine feste Strategie zurechtlegen. Greift er den König und seine Wachen schnell an? Organisiert er Fintenangriffe oder wartet er bis zum Schluss mit seiner Attacke?

Der König wiederum hat die Aufgabe den Spielplan zu überqueren und vor Ende der 15. Runde, die mit entsprechenden Karten durchgezählt werden, die Stadt über die beiden Burgtorfelder zu verlassen. Dazu kann er sich recht frei bewegen und neben dem König auch seine Wachen kontrollieren. Die erwähnten Rundenkarten legen zu Beginn jeder Phase fest, wie viele Züge der König, seine Ritter und die Rebellen machen dürfen. Hinzu kommt hin und wieder die optionale Möglichkeit des Tyrannen, eine – aber auch nur eine – Bürgerfigur festzunehmen und damit aus der Partie zu werfen. Ansonsten können seine Lakaien laufen, Dächer hinauf- und hinunterklettern und herumstehende Bürger aus dem Weg schubsen. Erst wenn sich ein Meuchler zu erkennen gegeben hat, darf der Gewaltherrscher diese mit seinen Rittern gezielt attackieren.

Auf der anderen Seite versucht der Rebell seine Figuren taktisch geschickt in den Weg des Monarchen zu manövrieren. Er darf jederzeit seine vorher festgelegten Meuchler enttarnen und dann damit Ritter töten – jedoch maximal zwei pro Zug – und den König angreifen. Gelingt es dem Aufrührer den Herrscher zwei Mal zu verletzten, hat er das Spiel gewonnen. Eine andere Option ist das Blockieren des Fluchtweges, denn sollten alle Rundenkarten gespielt worden und der König noch nicht getürmt sein, gewinnen die Rebellen ebenfalls. Der König gewinnt, wenn er alle drei Meuchelmörder beseitigt oder den Spielplan über die Torfelder verlassen hat.

Tod des Tyrannen“ ist schnell, frei von Würfelglück und leicht zu lernen – ein gut geeignetes Spiel für eine kleine Runde am Rande oder auf der Reise.

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Ian Edginton u.a. – The Evil Within

Ian Edginton/Alex Sanchez/Ed Anderson
„The Evil Within“
(Titan/Panini)

Dana wird von Schuldgefühlen heimgesucht. Sie kann das ominöse Verschwinden ihrer besten Freundin Kate noch immer nicht verstehen und verkraften. Sie stand in der Menge vor ihr, keine 50 Meter entfernt und doch gelang es einem Unbekannten sie vor ihrer Nase zu entführen. Weder begreift Dana das Warum noch das Wie? So hängt sie seit Wochen Flugblätter überall in der Umgebung aus in der Hoffnung, Hinweise auf Kates Verbleib zu erhalten. Doch eines Nachts bleibt ihr Wagen mitten in der entlegensten Pampa liegen. Zum Glück gibt es in der Nähe eine beleuchtete Tankstelle, aber dort hetzt ihr ein panischer Fremder entgegen, der von fürchterlich zugerichteten Menschen verfolgt wird. Inmitten der scheinbar untoten Jäger entdeckt sie Kate, doch es bleibt keine Zeit für ein Gespräch. Plötzlich suchen sie rasende Kopfschmerzen heim und nur einen Wimpernschlag später findet sie sich in einer seltsamen Klinik wieder. Der mysteriöse Ort verwandelt sich jedoch schnell in einen wahren Alptraum, als sie furchtbare Krankenbetten voller Leichen entdeckt – zahllose verstümmelte Körper, gepfählt, gespalten, zerhauen. Kurz darauf taucht ein monströses Ungetüm mit einer gewaltigen Axt auf. Anstelle eines Schädels sitzt auf seinem Rumpf ein durch Stacheldraht festgezogener Safe. Angstgebeutelt versucht sie zu entkommen, muss Fallen umgehen und landet letzten Endes doch wieder in einem neuen Alptraum. Sie ist jedoch nicht die einzige Person, die in diesem skurrilen Land des Horrors gefangen ist. Auch andere müssen den grauenvollen Wahnsinn durchleben, und es scheint, als gebe es für jeden Einzelnen eine kleine Hölle. „The Evil Within“ ist die gelungene Comicumsetzung des gleichnamigen Survival-Horror-Videospiels aus dem Hause Bethesda. Interessant ist, dass der Comic weitaus besser auf den Punkt kommt und dichter erzählt wird als die virtuelle Vorlage und dabei dennoch einige Höhepunkte der Software-Variante vorweisen kann. Ein kurzer aber impulsiver Trip des Grauens!

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Praetor

Zu Ehren Hadrians

Imperator Caesar Traianus Hadrianus Augustus vollzog in Rom einen drastischen Kurswechsel. Er strebte nicht danach, das Imperium weiter durch Kriege zu vergrößern, und gab sogar einige frisch gewonnene Gebiete auf. Vielmehr konzentrierte er sich bewusst auf die Verteidigung des riesigen Reiches. Bis zu fünf Amtsträger dürfen sich in „Praetor: Zum Ruhme Roms!“ beim Bau einer glorreichen Stadt in Britannien und beim Ausbau des gewaltigen Hadrianswalls als fähige Ingenieure hervortun und um die Gunst des Friedenskaisers buhlen.

Praetor“ mag auf den ersten Blick wie einer der vielen mittelprächtigen Workerplacement-Titel erscheinen, doch schon bei der ersten Runde wird klar, dass das geschichtsinspirierte Strategiegebaue eine ganz eigene Dynamik und Vielfalt mitbringt. Erfreulich ist dabei auch, dass die Anleitung mit ihren acht Seiten im Nu gelesen und darüber hinaus verständlich geschrieben ist. Das Spiel benötigt tatsächlich kaum Regeln und bietet dennoch unzählige Möglichkeiten und Wege zum Sieg.

Ziel ist es, über verschiedene Aktionen Sympathiepunkte anzuhäufen, die am Ende der Partie über die Platzierung der einzelnen Baumeister entscheiden. Diese zu gewinnen, lässt sich auf zahlreiche Arten bewerkstelligen. Zu Beginn einer Partie wird die grundlegende Startaufstellung der Stadt anhand der Mitspielerzahl festgelegt. Hierbei erhält jeder Ingenieur eine Goldmine, dazu kommt ein neutraler Außenposten, ein Ausbildungslager und ein Markt. Ausgehend von dieser Infrastruktur müssen die Architekten nun dafür sorgen, dass die Siedlung zu einer mächtigen Stadt anwächst und gleichzeitig der Hadrianswall vervollständigt wird. „Praetor“ wird dabei über mehrere Runden gespielt, die jeweils in drei Phasen aufgeteilt werden. Zuerst wird die Initiative festgelegt, also die Zugreihenfolge der Spieler. Hierbei beginnen die Ingenieure, die am weitesten auf der Sympathiepunkteleiste hinten liegen. Es folgt die Aktionsphase, in der alle Spieler nacheinander immer wieder eine Aktion ausführen oder passen. Hierbei können die Ingenieure ihre rekrutierten Arbeiter in bereits vorhandene Stadtviertel schicken, um dort die von den jeweiligen Stadtplättchen abhängigen Maßnahmen auszuführen. So kann in einer Goldmine nach dem dringend benötigten Gold geschürft werden, im Ausbildungslager lassen sich neue Arbeiter anwerben und auf dem Markt dürfen die Ressourcen Holz, Stein, Marmor und Waffen nach Belieben getauscht werden. Die 42 Stadtplättchen bieten dabei 21 verschiedene Möglichkeiten für solche Aktionen. Die zweite Möglichkeit in der Aktionsphase ist das Erweitern der Stadt. Mithilfe eines eigenen Arbeiters kann ein Stadtplättchen an beliebiger Stelle innerhalb der wachsenden Metropole angebaut werden. Wer klug anlegt, kann dabei zusätzliche Punkte erlangen und darf diesen Teil der Stadt fürderhin sein Eigen nennen. Sollte nämlich ein anderer Spieler die besonderen Fähigkeiten dieses Stadtplättchens nutzen, muss er dem Besitzer einen entsprechenden Obolus entrichten – eine nützliche Einkommensquelle. Denn in der dritten Phase muss der Baumeister für jeden Arbeiter entsprechende Löhne bezahlen. Wer hier zu wenig Goldvorräte hat, verliert auf der eigenen Moralleiste wichtige Punkte. Außerdem erhalten die einzelnen Arbeiter nun Erfahrung, die in sechs verschiedene Stufen unterteilt ist. Je erfahrener ein Gehilfe ist, umso effektiver sind seine Tätigkeiten in der Aktionsphase. Nach einiger Zeit werden die nützlichen Untertanen jedoch in Rente geschickt, wollen aber weiterhin mit Zahlungen bei Laune gehalten werden.

Das mag im ersten Moment simpel klingen, doch über die etlichen Aktionen der Stadtplättchen und das Errichten eigener Stadtteile lassen sich stets neue Strategien verfolgen. Ressourcen sind zum Ausbau der Stadt unerlässlich, aber letzten Endes zählen nur die Sympathiepunkte, die aufwendig errungen werden wollen. Am Ende des Spiels – dann, wenn alle Stadtplättchen verbaut oder der Hadrianswall komplettiert wurde – wird noch einmal eine wichtige Schlusswertung vorgenommen, bei der alle Arbeiter, die Moral, die Ressourcen und der Geldbeutel herangezogen werden. Durch die unterschiedlichen Stadtplättchen und die sich daraus ergebenden Taktiken verläuft jede Partie vollkommen anders, und doch kann eine Runde auch im Expertenmodus gespielt werden. Dabei sind die Kosten für die eigenen Arbeiter, die Marktpreise, Moralwerte und Sympathiezugewinne für jeden Spieler variabel, wodurch die eigenen Vorhaben entsprechend angepasst werden müssen.

Praetor: Zum Ruhme Roms!“ ist ein klug konzipiertes Arbeiter-Einsatz-Spiel, das schnell von der Hand geht, niemals mit Längen oder Wartepausen langweilt und durch den erstaunlichen Tiefgang vielfältige Herangehensweisen ermöglicht. Städtebau war selten so knifflig und spaßig wie hier.

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tentakel_8v10