Meteor-Horror: Aliens in Raven Rock

„Meteor-Horror: Aliens in Raven Rock“ (2)
(Meteor/Edel)

Es gibt Menschen, die lieben anspruchsvolle Hörbücher, mit guten Textvorlagen, professionellen Sprechern und einer packenden musikalischen Untermalung – solcherlei Gesellen sollten hier auf keinen Fall weiterlesen, da sie der folgende Hörspielgenuss wahrscheinlich in tiefste Verzweiflung stürzen würde. Für Leute, die auf Blödsinn, Spaß und Trash stehen, die sich mit großer Vorliebe die grottenschlechtesten B- und C-Movies einverleiben, haben hier – und eigentlich mit der gesamten Horror-Serie aus dem Hause Meteor – vielleicht ein kleines Leckerli gefunden. Schon in der unterirdisch schlechten Intro wird mit Lebensweisheiten à la „Alte Traktoren sind wie Frauen – sie sind unberechenbar. Und manchmal machen sie komische Geräusche“, geglänzt, die den intellektuellen Tiefgang der Episode aufzeigen. Die Handlung selbst beginnt mit der Einführung der beiden Protagonistinnen Jodie und Kim, die mächtig die Schnauze voll haben vom Stress der Großstadt und deshalb in das kleine Kuhkaff Raven Rock fliehen wollen, in dem Jodie früher öfters die Sommerferien bei ihrem Onkel und ihrer Tante verbrachte. Als sie dort nach einigen haarsträubenden Dialogen angekommen sind, beginnt sich langsam das ganze Ausmaß dieser hanebüchenen Story zu offenbaren, denn als sie von albernen Blechklumpen mit spinnenartigen Beinen attackiert werden wird klar: Aliens treten der Menschheit mal wieder ordentlich in die Weichteile. Wobei hier nicht einmal von „Treten“ die Rede sein kann, denn die fiesen Metallbollen entpuppen sich als Luftstaubsauger, die die Menschen sozusagen totsaugen, und das nur wegen einem kleinen Programmierfehler. Wenn das mal kein Stoff für packenden Horror ist … nein, ist es auch nicht, aber man kann sich köstlich amüsieren.

Geekometer (für Trash-Fans):

tentakel_7v10

Tausendundeine Nacht

„Tausendundeine Nacht – 1. bis 3. Nacht“ (1)
(Der Hörverlag/SPV)

Der ein oder andere wird sich an dieser Stelle fragen, warum wir „alberne Kindermärchen“ vorstellen, die eh schon jeder kennt – spontan werden den meisten Sindbad, Ali Baba und seine 40 Räuber und natürlich die Disney-Verfilmungen von Aladin und seiner Wunderleuchte einfallen. Aber die Originalgeschichten von „Tausendundeine Nacht“ haben nicht wirklich viel mit Gutenachtgeschichten für die Kleinen zu tun. Jeder, der schon einmal in die überlieferten Erzählungen hineingeschmökert hat, wird an der ein oder anderen Stelle gehörige Gesichtsentgleisungen erlitten haben, spätestens dann, wenn die Gefangene des Djinn die beiden Prinzen bittet, es ihr ordentlich zu besorgen, und zwar so richtig! Denn es war ein erklärtes Ziel von Helma Sanders-Brahms, die die Erzählungen für dieses Hörspiel komplett neu schrieb, die oftmals vergessene und von der christlichen Welt verdrängte erotische Komponente des Zyklus‘ wieder stärker in den Fokus zu rücken. Somit bleibt die hohe Liebe eben nicht nur eine stranguliert-verklemmte platonische, sondern wird zu einer natürlichen körperlichen Form: wild, sehnsuchtsvoll und zuweilen recht derb. Gleichzeitig wurde dem Ganzen eine gute Menge Humor injiziert, wodurch die 165 Minuten dieses ersten Teiles wie im Fluge vergehen und neugierig auf die nächste Märchenrunde machen. So ist es hier gelungen, den Original-Texten neues, modernes Leben einzuhauchen, sie für erwachsene Hörer interessanter zu machen und gleichzeitig ihren orientalischen, traditionellen Charme zu bewahren.

Geekometer:

tentakel_7v10

Der Cthulhu Mythos

„Der Cthulhu Mythos – Horrorgeschichten von H.P. Lovecraft u.a.“
(LPL Records/AudioLübbe)

Der gute Lovecraft schrieb und schuf in seinem Leben nicht einfach nur Horrorgeschichten, sondern einen ganzen Kosmos des Schreckens, der nicht nur etliche Leser begeisterte, sondern auch bald viele Autoren in seinen Bann zog und animierte, selbst an diesem Mythos weiterzuarbeiten. So orientieren sich auch diese 275 kurzweiligen Minuten an Lovecrafts cthulhoidem Wahnsinn und stellen sechs Geschichten von und aus seinem Umfeld vor – darunter „Der Ruf des Cthulhu“ und „Dagon“ aus des Meisters eigener Hand, „Der Schwarze Stein“ von Conan-Erfinder Robert E. Howard, Lin Carters „Die Glocke im Turm“, D.R. Smiths „Warum Abdul Al Hazred dem Wahnsinn verfiel“ und schließlich noch Christian von Asters „Ein Porträt Torquemadas“. Keine der unheil- und geheimnisvollen Erzählungen kann als Füllmaterial eingestuft werden, überzeugen doch alle durch ihren ganz eigenen, beklemmenden Stil. David Nathan, unter anderem Synchronsprecher von Johnny Depp, schlüpft in die Rolle von Lovecraft selbst, um in einer Art Autobiographie, Einblicke und Reflexionen zu den einzelnen Werken zu verkünden und gleichzeitig mit dem Irrglauben um das „Necronomicon“ aufzuräumen. Hörspielkoryphäe Joachim Kerzel zeichnet für das stimmungsvolle Verlesen der einzelnen ungekürzten Geschichten verantwortlich und kann damit, wie immer, brillieren. Nicht umsonst bekam diese dicke Box den deutschen Phantastik-Preis 2003 als bestes Hörbuch verliehen.

Geekometer:

tentakel_9v10

Friedhof der Kuscheltiere

Stephen King
„Friedhof der Kuscheltiere“
(Hörverlag)

Was als gewöhnliche Erzählung über eine amerikanische Familie, die aus der Großstadt in das Nest Ludlow zieht, beginnt und sich anfangs in banalen Nebensächlichkeiten erschöpft, windet sich langsam und kreisend um einen immer schwärzer werdenden Höhepunkt des Grauens. Anfangs bewundern die Creeds noch das schnuckelige Landhäuschen, inmitten einer traumhaften Landschaft gelegen, umgeben von endlosen Wäldern, doch bald beginnt ein unabwendbarer schrecklicher Untergang der trauten Glückseligkeit. Schuld daran ist der vielbefahrene Highway, der direkt vor dem Grundstück des Universitätsarztes vorbeiläuft und schon in der Vergangenheit für einen Haufen Matsch unter den Haustieren sorgte. Als die Katze der Tochter ebenfalls plattgewalzt wird, beerdigt der Familienvater sie auf dem nahegelegenen, unheimlichen Indianerfriedhof – am nächsten Tag ist sie zurück, aber in einer bösartigen, teuflischen Form. Als schließlich auch noch der kleine Sohn unter die Räder gerät, kann sich der aufmerksame Leser bzw. Zuhörer schon vorstellen, welch schreckliches Ende diese Geschichte nehmen muss. Mit einer stimmungsvollen musikalischen Untermalung, einer gelungenen Geräuschkulisse und einer ganzen Reihe hochkarätiger Sprecher wird dieses Hörspiel zu einem wirklich genussvollen Alptraum. Während sich die erste CD noch gemäßigt gestaltet, wird der dritte Tonträger zu einem echten Höllentrip in den Wahnsinn. Über Rückblenden und innere Monologe wird eine so dichte Atmosphäre geschaffen, dass sogar bekennende Stephen-King-Verachter (wie der Verfasser dieser Zeilen) nach kurzer Zeit die Hosen gestrichen voll haben. Ist also der King-typisch zähe Einstieg überstanden, können die drei Stunden ohne Reue genossen werden.

Geekometer:

tentakel_8v10

Sieben Siegel 1

„Sieben Siegel: Die Rückkehr des Hexenmeisters“ (1)
(Hörverlag)

Während die Horror-Serie des mittlerweile verblichenen Hörspiellabels Meteor eher für trashige Lauschunterhaltung sorgt, konnten sich die „Sieben Siegel“ schon damals problemlos mit der Spitze der Hörspiele messen; so ist es kaum verwunderlich, dass diese Reihe bereits 2002 einige Auszeichnungen erhalten hatte und später vom Hörverlag übernommen wurde. Mit diesem ersten Teil führt der Autor Kai Meyer in die mystischen Geschehnisse um die Träger der Sieben Siegel ein. In dem uralten Nest Giebelstein wohnt Kyra bei ihrer Tante Kassandra, die als eigenbrötlerische Teehändlerin mit der dunklen Vergangenheit des Ortes verwoben ist. Eines Abends beobachtet Kyra eine Frau, aus deren Handtasche ein silberner, fliegender Fisch entfleucht, der kurz darauf einen Raubvogel zu Kleinholz verarbeitet. Was einfach nur als seltsames Erlebnis beginnt, endet bald in einer Verschwörung eines riesigen Hexenbundes, gegen die sich Kyra, ihre beiden Freunde Nils und Lisa, gezwungener Maßen auch der neu zugezogene Chris und Tante Kassandra stellen müssen. Mit viel Feingefühl und einer Palette an überzeugenden und herausragenden Sprechern, ganz zu schweigen von der netten musikalischen Untermalung, entsteht eine unterhaltsame und spannende kindgerechte Geschichte, die auch junggebliebene Altsemester zu ergötzen weiß und Appetit auf weitere Folgen.

Geekometer:

tentakel_7v10

Necrophobia 1

Necrophobia – Die besten Horrorgeschichten der Welt (1)
(LPL/AudioLübbe)

Ein weiteres Highlight morbider Schauerunterhaltung bietet der erste Part einer Sammlung von sechs grässlich-schönen Grusel- beziehungsweise Horrorerzählungen aus dem Hause LPL Records. Mit Joachim Kerzel, David Nathan, Lutz Riedel und Nana Spier haben die Produzenten die richtigen Vier gefunden, um den  düsteren Stories ein bitterböses Eigenleben einzuhauchen, wodurch keine der insgesamt 137 Minuten langweilig oder dröge wird. Schon der Auftakt „In der letzten Reihe“ von Brian Lumley verbindet spannende Erzählweise mit einem langsam aufkeimenden Schrecken, vermengt mit einer sanften Dosis Erotik. „Mein toter Hund Bobby“ von Joe R. Lansdale strotzt vor makabrem Galgenhumor, ist zugleich zutiefst abstoßend, als auch schwarzsarkastisch. Mit „Pickmans Modell“ von H.P. Lovecraft haben sich die Verantwortlichen eine der unterschwellig gruseligsten Geschichten aus dem kompletten Cthulhu-Mythos ausgesucht. Eine ähnliche Art der Gänsehaut erzeugt Gustav Meyrinks „Das Präparat“, wobei „Der Pelzmantel“ von Richard Laymon in eine völlig andere Richtung des Horrors tendiert, und eher mit menschlichem, denn mit übernatürlichem Wahnsinn konfrontiert. Den gelungenen Abschluss macht Graham Mastertons „Ein gefundenes Fressen“, das wörtlich gespenstische Züge annimmt. Da die Geschichten durchschnittlich etwa 20 Minuten lang sind, lassen sie sich zu jeder Gelegenheit problemlos hören – machen aber in einem Rutsch am meisten „Freude“.

Geekometer:

tentakel_8v10

Twixt

Lyncheskes Nimmermehr

Francis Ford Coppola hat sich einst mit Meisterwerken wie „Der Pate“ oder „Apocalypse Now“ in den Olymp der Filmgötter aufgeschwungen. Jahre später taumelte er mit lieblosen Auftragsarbeiten durch die Mittelmäßigkeit, kehrt nun aber mit dem von den Hollywood-Fesseln befreiten Mystery-Goth-Märchen „Twixt“ zu eigener Stärke zurück.

Hall Baltimore (Val Kilmer) ist in vielfacher Weise am Ende. Der Tod seiner Tochter hat den Autoren aus der Bahn geworfen, seelisch wie beruflich. Einst hatte er große Pläne, doch mittlerweile ist er zu einem Stephen King für Arme verkommen und hält sich mit drittklassigen Hexenromanen über Wasser. Auch seine Ehe ist zu einer quälenden Zweckgemeinschaft geworden, bei der Liebe schon längst keine Rolle mehr spielt.

Als er auf seiner Promotour für sein neuestes Buch in dem kleinen Kaff Swann Valley vorbeikommt, stößt er auf wenig Interesse seitens der Einwohner. Nur der kauzige Sheriff und Hobbybastler Bobby LaGrange (Bruce Dern) lässt sich eines seiner Machwerke signieren – nicht ganz ohne Hintergedanken. Denn er selbst hat eine zündende Idee für einen Roman, den er gemeinsam mit dem „Hexenmeister“ verfassen möchte. „The Vampire Executions“ soll das gute Stück heißen und die Leute aus ihren Sesseln fegen. Beflügelt von den euphorischen Worten des Gesetzeshüters, kündigt Hall bei seinem Agenten ein neues Buch an und versucht sich von der mysteriösen Kleinstadt beflügeln zu lassen, die mehr als nur eine modrige Leiche im Keller hat. Der örtliche Glockenturm mit seinen sieben verschiedenen Uhren soll angeblich vom Teufel bewohnt sein, in einem nahegelegenen Hotel am Waldrand hat sich ein grauenhafter Massenmord an unschuldigen Kindern abgespielt und überhaupt gilt die ganze Gegend als verflucht. Hinzu kommt, dass der Sheriff gerade ein Mordopfer in der Leichenhalle liegen hat, das seltsamerweise mit einem Pfahl getötet wurde. Ein ungewöhnlicher Zufall, könnte man meinen. Aber es wird noch bizarrer: Von Alkohol benebelt, durchwandert der Schreiber in seinen Träumen die Umgebung von Swann Valley, trifft dabei das Geistermädchen V., das ihn zu dem verfluchten Haus der Kindsmorde führt.

Doch es bleibt nicht bei einer kuriosen Traumsequenz. Immer öfter stürzt sich der lebensmüde Protagonist in das Reich des Schlafes, begegnet Mördern, Gespenstern und schließlich seinen eigenen Dämonen. Horrorlegende Edgar Allan Poe begegnet ihm schließlich persönlich (und wird in etlichen Anspielungen gewürdigt), gibt ihm Tipps für sein schöpferisches Schaffen, erklärt ihm die Geheimnisse einer guten Geschichte, die im Tod des Schönen gipfelt. Stück um Stück nähert sich Mr. Baltimore seiner eigenen Befreiung …

Francis Ford Coppola gelingt mit „Twixt“ ein verschrobenes, skurriles und ironisches Kleinod, das mit leisen Tönen und einnehmenden Bildern zu fesseln weiß. Geschickt werden Traum und Realität verwoben, bis der Zuschauer selbst nicht mehr sicher sein kann, was noch Wahrheit ist oder was dem Wahn entspringt. Mit lynchesker Düsternis und einem verschmitzten Lächeln erzählt Coppola so abseits standardisierter Mainstreampfade eine unheimlich-schöne Schauermär.

Geekometer:

tentakel_7v10

The Strangers

Das gesichtslose Grauen

Maskierte Killer gehören seit Urzeiten zu den Hauptfiguren des Horrorkinos. Ebenso ist das entlegene Landhaus, als Austragungsort grauenhafter Ereignisse, ein beliebter Spielplatz des Genres. Auf den ersten Blick bietet das Erstlingswerk „The Strangers“ von Bryan Bertino, das sich beider Elemente bedient, nichts wirklich Neues. Doch der Schein trügt, denn sowohl das Drehbuch als auch die gesamte Inszenierung machen die Bluray und DVD des am 08. Mai erscheinenden Psycho-Thrillers zu einem nervenzerreißenden und beklemmenden Trip in die Abgründe menschlicher Urängste.

Der Mann auf dem Regiestuhl hat dabei nicht nur das Zepter bei der Realisierung der Story in der Hand gehabt, sondern auch das Drehbuch selbst ersonnen. Seine Ideen haben schon im Vorfeld hohe Wellen geschlagen und Liv Tyler auf Anhieb begeistert: „Ich konnte das Drehbuch einfach nicht aus der Hand legen. Es war das erste Skript seit Jahren, von dem ich genau wusste, dass ich beim Dreh unbedingt dabei sein will“, erinnert sich die Schauspielerin. „Ich sah gleichzeitig eine Lovestory, ein Drama und eine Horrorgeschichte – drei ganz unterschiedliche Genre, die hier unkonventionell zusammengebracht wurden. Ich mag die Art, wie es Bryan gelingt, sehr viel zu sagen, aber nicht alles zu verraten.“ Auch ihr Partner Scott Speedman, den man zuvor in den „Underworld„-Filmen erleben konnte, schwärmt in höchsten Tönen: „Bryan steigt bei seinem Skript nicht gleich ins Horrorszenario ein, er gibt den Zuschauern die Möglichkeit, mit den Charakteren zu atmen.“
Und doch schickt er, einer bösen Vorahnung gleich, einige Fakten über reale Gewaltverbrechen in den USA voraus, offenbart dem Zuschauer zugleich, dass das nun Folgende eine jener realen Gräueltaten ist, die niemals ganz aufgeklärt werden konnten. Dann schweift der Blick wie eine dunkle Vision auf das bittere Ende der Geschichte, als zwei verstörte Kinder einen grässlichen Tatort entdecken. Schon hier punktet Bertino durch das geschickte Hantieren mit dem Schrecken. Denn im Gegensatz zu angesagten Slasher- und Folterstreifen, benötigt er keine überzogenen Gewaltdarstellungen, sondern schürt bewusst die Angst vor dem Unbekannten, vor etwas nicht Greifbarem.

Mit diesem Kloß im Hals, taucht der Zuschauer nun in die Geschehnisse des Abends vor dem Grauen ein. Doch „gut“ ist hier bei weitem nichts. Ein missglückter Heiratsantrag hat eine tiefe Kluft zwischen Kristen McKay und James Hoyt getrieben. Es herrscht bedrückendes Schweigen. Den Abend hatte sich James durchaus anders vorgestellt; Rosenblätter und Champagner sind nun nur noch schmerzende Zier im Landhaus seiner Eltern. Die romantische Idylle wird zum beengenden Beziehungsdrama.
Als dennoch ein versöhnlicher Moment erkeimt, wird das Paar durch ein Klopfen aus der Zweisamkeit gerissen. Eine Fremde fragt nach einer Tamara. Es dauert nicht lange, bis das Pochen bedrohlicher, fordernder wird. Auch hier lässt Bertino dem Schrecken Zeit zur Entfaltung. Aus dem einfachen Klopfen macht er nach und nach eine Kakophonie des Terrors. Immer mehr verdichtet sich das Gefühl des Unbehagens zu bloßer Angst, bis sich die beiden Hauptfiguren von drei maskierten Unbekannten bedroht sehen, die längst auch die schützende Barriere der eigenen Haustüre überwunden haben. Anfänglich ängstigen sie durch ihre bloße Anwesenheit, doch bald werden ihre Absichten eindeutig: „Ihr werdet sterben!“

Auch wenn sich der Regisseur einiger bekannter Elemente des Gruselkinos bedient, wie der obligatorische verstauchte Knöchel, so fügt er all dies meisterlich zusammen und schafft eine furchteinflößende Atmosphäre, die nicht nur die beiden Opfer vor eine nervliche Zerreißprobe stellt, sondern auch den Zuschauer mit pochendem Herzen in die heimische Couch presst. Der gesehene Terror bleibt auf dem Boden des Realen, es gibt keine übertriebenen Killer oder gar Monster. Hier werden Alpträume war. „Der erste Teil der Geschichte“, so verrät Bertino, „stammt aus den Erinnerungen an meine frühe Kindheit. Als Kind lebte ich in einem Haus mitten im Nirgendwo. Eines Nachts, meine Eltern waren weg, klopfte jemand an die Haustür und meine Schwester öffnete. Da standen dann Leute, die nach irgendjemandem fragten, der angeblich in unserem Haus wohne. Später hörten wir dann, dass es sich um Einbrecher handelte, die auf diese Weise herausfinden wollten, ob jemand zuhause sei. Bei ‚The Strangers‚ nun stört die Eindringlinge nicht, dass jemand zuhause ist. Im Gegenteil, es spornt sie an.“
Der nervlichen Zerreißprobe kann nun auf Bluray und DVD beigewohnt werden, wobei man drei Kurzinterviews, zwei geschnittene Szenen, Trailer, eine Fotogalerie und eine Featurette zusätzlich geboten bekommt. Die Bonusinhalte beider Medien sind identisch, wobei die Bluray mit einem hochauflösenden Edelbild und einem satten Master-HD-Ton auftrumpft. Wer mehr wert auf Stimmung denn auf sinnlose Metzeleien legt, dürfte mit „The Strangers“ einen grauenhaft-schönen Filmabend erleben.

Geekometer:

tentakel_8v10

Whispers In The Shadow – The Rites Of Passage

Der Ritus des Mondes

Vor 19 Jahren fing alles mit einem Vierspur-Taperecorder an. Ashley Dayour verlieh seiner künstlerischen Vision nach zahlreichen weniger befriedigenden Banderfahrungen Ausdruck und schuf damit die ersten Töne von Whispers In The Shadow. „The Rites Of Passage“ wird sein dreizehntes Werk sein und damit unter einem magischen Stern stehen – passend zu seiner okkulten Orientierung.

Zählt man nämlich alle Veröffentlichungen der Österreicher zusammen, erhält man als Ergebnis nicht nur die 13, das Album erscheint auch an einem 13. April, und dieses Datum des Jahres 2012 ergibt wiederum eine Quersumme von 13. Kein Zufall, sondern ein bewusste Anordnung, so wie alles im Kosmos der okkulten Goth-Rocker.

Auch „The Rites Of Passage“ ist Teil eines größeren Ganzen, ein Mikrokosmos in einem makroskopischen Gefüge. 2008 wagten Whispers In The Shadow nach mehrjährigen Schwierigkeiten bei der Besetzung und einer Platte, die in Gänze nie das schummrige Licht der Welt erblickte, einen vollkommenen Neustart. Die Scheibe „Into The Arms Of Chaos“ nahm sich der hohen Kunst der Alchemie an und eröffnete damit einen vierteiligen Zyklus, der nunmehr mit „The Rites of Passage“ seinen dritten Part erfährt. „Die erste Platte behandelte die erste Stufe, die Prima Materia, das Chaos. 2010 folgte dann mit ‚The Eternal Arcane‘ der zweite Teil, die Weißung. Nun sind wir bei Citrinitas angekommen, der Gelbung“, führt Ashley aus. Das Gelb steht dabei sowohl für die frühe Morgenröte als auch für das fahle Gelb des Mondes oder das reinste aller Edelmetalle selbst, das Gold. Der Musiker möchte die Alchemie dabei in ihrer ursprünglichen Form verstanden wissen, nicht als wirrer Hokuspokus, bei dem es um die Gewinnung von Gold geht, sondern als naturmagische, philosophische Lehre von der Selbstvervollkommnung und -findung. „Nach vier Studioalben wollte ich nicht wieder einfach nur gute Songs schreiben, ich wollte mehr als nur Musik erschaffen“, reflektiert er ernst. „So habe ich nach einem Konzept gesucht, das mich anspricht und herausfordert. Für mich ist Alchemie oder eben Magie ein wichtiges und auch sehr persönliches Thema.“ Tatsächlich sind die Fans der Formation seinem Ruf gefolgt und haben sich häufig ernsthaft mit der Materie auseinandergesetzt und seine Texte hinterfragt – eine Gegebenheit, die den Goth-Rocker sichtlich erfreut. Allerdings, so winkt er locker ab, sei es für ihn auch kein Problem, wenn die Leute seine Lieder einzig und alleine wegen der Musik selbst hören würden.

Das Zeitalter des Krieges

„Nichts ist wahr, alles ist erlaubt“ ist das Credo unter dem die Zeilen zu Whispers In The Shadow entstehen. Tumbe Teilwahrheiten und blinde Propaganda sind bleiben außen vor. Ashley ist zu jeder Zeit bemüht, die Welt und ihre Geheimnisse von allen Seiten zu betrachten und somit ein Mosaik der Perspektiven zu bieten. In „Call To Arms“ thematisiert er ein Zeitalter des Krieges und geht damit weit über alchemistische Lehren hinaus: „Das bezieht sich auf eine Äonen-Lehre aus dem Hinduismus. Laut dieser befinden wir uns im sogenannten ‚Kali Yuga‘, dem Zeitalter des Krieges. Allerdings nicht erst seit dem 20. Jahrhundert. Auch der Song ‚Wormwood Star‘ befasst sich zum Teil mit diesem Thema, schafft eine Querverbindung zwischen dem fallenden Stern aus der Offenbarung des Johannes und der Atombombe, der finalen Waffe der Menschheit.“ Gegenwart und Vergangenheit, Okzident und Orient werden hier verwoben, um einen eigentümlichen Blick auf die Existenz zu werfen. Wohin die Reise geht, vermag der Flüsterer nicht zu sagen, aber er sieht die Menschheit an einem Scheideweg. Auf der Oberfläche scheint Frieden in Westeuropa zu herrschen, aber ist das wirklich so? Tobt nicht vielleicht längst ein andersartiger Krieg, verborgen vor einer trögen Masse? Eben solche Fragen sind es, die Whispers in The Shadow mit ihren Texten hervorrufen möchten. Dabei distanzieren sie sich bewusst von einer Rolle als Moralapostel oder Friedenspredigern. Sie sind findige Beobachter und geben diese auf reflektierte Weise in ihrer Musik weiter. „Ich bin überzeugt, dass jede Kunst eine Botschaft übermitteln will. Warum sollte die Kunst sonst überhaupt bestehen?“, hinterfragt Ashley nachdenklich. „Ein Künstler hat, meiner Meinung nach, einen Drang sich der Welt durch sein Schaffen mitzuteilen, seinen inneren Dialog mit der Welt auf irgendeine Art und Weise zu teilen. Somit gibt es immer eine Botschaft, egal ob die jetzt ‚Rettet die Wale‘ heißt oder ‚Ich bin dick und habe keine Freundin!‘ oder eben ‚This is the age of war‘.“

Die Apokalypse des Cthulhu

Seit jeher gehört der dräuend-düstere Cthulhu-Mythos, den H.P. Lovecraft im letzten Jahrhundert geschaffen hat, zu den Konstanten von Whispers In The Shadow –die Kurzgeschichte „Der Flüsterer im Dunkeln“ stand nicht umsonst Pate für den Bandnamen. Hochachtung liegt in der Luft, wenn Ashley von seinen ersten Berührungen mit Lovecrafts unheimlichen Erzählungen berichtet, Dinge, die ihn sehr geprägt und inspiriert haben. „Lovecraft beinhaltet ja mehr als nur ein paar Kurzgeschichten“, schwärmt er. „Sein Mythos ist sowohl ein funktionierendes magisches System, Popkultur und Literatur zugleich.“

So ist es nicht verwunderlich, dass auch seine siebte Studioscheibe von cthulhoidem Wahnsinn durchtränkt ist. In „The Tempest“ ist die Rede von einem alten, schlafenden Lord, der unter dem Meer ruht. Es gibt zusammenstürzende Sterne und doch steht am Ende eine Ehrung an Luzifer. Nicht nur von der Textseite her, nimmt dieses Stück einen Sonderposten auf der Scheibe ein, auch klanglich beschreitet das Lied Neuland. „Es ist etwas vollkommen Neues, was im Whispers-Universum so noch nicht stattgefunden hat. Dieses rituelle Schlagzeug mit dem fast schon gechanteten Gesang …“ Mister Dayours Lieblingsstück besingt in der Tat den alten, schlafenden Cthulhu, doch mit den Sternen bewegt er sich erneut aus Lovecrafts Sphären heraus. „Diese beziehen sich wie auch Teile des Songs ‚Wormwood Star‘ auf den fallenden Stern aus der schon erwähnten Offenbarung des Johannes, also der Apokalypse des neuen Testaments. Und damit denke ich ist die Verbindung zu Luzifer, der ja auch ein gefallener Stern ist recht klar.“

Somit gehört „The Tempest“ zu einer Reihe endzeitlicher Verkündungen auf „The Rites Of Passage„, vielfach befeuert durch eine präsentere Schlagzeugarbeit. Perkussive Instrumente wie das Hackbrett verleihen einzelnen Stücken einen orientalischen Einschlag, dem Inhalt folgend. Der Einsatz der Gitarren wurde zudem ein wenig heruntergefahren, drei Stücke verzichten sogar ganz darauf. „Es zeichnet Whispers ja aus, dass kein Album wie das andere klingt. Selbst wenn ich wollte, könnte ich mich nicht wiederholen, da man sich ja selbst ständig verändert und weiterentwickelt. Wenn man, so wie ich, ehrliche Musik erschaffen will, verändert die sich natürlich auch. Aber es ist immer noch eindeutig Whispers in the Shadow, und das ist gut so.“

Geekometer:

tentakel_8v10

Mother’s Day

Ehre die Familie

Die Mutter, die unter Schmerzen gebärende Lebensspenderin und treusorgende Behüterin ihrer Sprösslinge. Sie hält ihre schützende Hand über ihren Nachwuchs und lehrt ihn das Leben zu meistern. Was aber, wenn eine Mutter nur Hass, Gewalt und Niedertracht kennt? Der neue Streifen von „SAW“-Regisseur Darren Lynn Bousman greift dabei eine alte Idee auf und verwandelt sie in seiner persönlichen Version von „Mother’s Day“ in ein nervenaufreibendes und überzeugendes Schreckensszenario für’s Heimkino.

980 zelebrierten die Troma-Studios, die Anti-Hollywood-Meister des Trash und des Independent-Films, bereits den „Muttertag“ auf bissig-ironische Art und servierten damit einen blutigen Slasher mit leicht gesellschaftskritischer Note. In Deutschland konnte der Streifen nicht denselben Kultstatus erreichen wie in den USA, denn hierzulande schlugen die Sittenwächter mit aller vernichtender Härte zu. Der dreifache „SAW“-Macher Bousman hat sich nun dem Troma-Streifen angenommen und ihn für das 21. Jahrhundert frisch aufpoliert. Schnell merkt man, dass er den sarkastischen Tonfall des Originals in keiner Weise anstrebt, sondern vielmehr mit erschreckender Ernsthaftigkeit an das Thema herangeht, was „Mother’s Day“ angenehm vom Ursprung abhebt und dem Remake damit seine Daseinsberechtigung verleiht.

Ein paar Freunde feiern in dem frisch erstandenen Haus des Gastgeberpärchens eine kleine Party. Der herannahende Tornado kann sie dabei nicht aus der Ruhe bringen, denn die Bleibe wurde frisch saniert und scheint jedem Unwetter trotzen zu können. Doch leider ist sie nicht gegen gewaltsames Eindringen und große Missverständnisse geschützt. Denn gerade eben erst haben sich drei Brüder nach einem missglückten Banküberfall der Polizei entledigen können und steuern nun zielstrebig das schützende Zuhause an. Aufgrund unglücklicher Umstände haben sie leider nicht mitbekommen, dass ihre Mutter die Miete nicht mehr bezahlen konnte und ihr die Bude so unter dem Hintern zwangsversteigert wurde. Beth und Daniel Sohapi waren die Glücklichen, die das Haus günstig erwerben konnten und nun im ausgebauten Partykeller einen gemütlichen Abend mit Freunden verbringen wollen. Doch mit drei psychopathischen Brüdern im Haus, ist dieses Unterfangen zum sicheren und unschönen Scheitern verurteilt. Schnell gerät die gesamte Situation außer Kontrolle und erst das Eintreffen der Mutter der drei Bankräuber samt Schwesterchen Lydia bringt wieder ein wenig Ordnung in das Chaos. Sie verspricht den Geiseln im Keller, dass ihnen nichts geschehen wird, wenn sie kooperieren und dass ihr dieses Missverständnis und das unartige Betragen ihrer „Buben“ leid tue. Doch leider kommt alles anders als gedacht.

Im ersten Augenblick vermutet man hinter dem sauberen Hochglanzflair von „Mother’s Day“ ein weiteres unnötiges und seelenloses Remake, doch das Drehbuch hat gleich eine ganze Reihe an Überraschungen und Wendungen parat. Immer wieder spielt die Geschichte bewusst mit den Erwartungen des Publikums, gaukelt klischeehafte Abläufe vor, um dann dennoch in eine andere Richtung auszuschlagen. Parallel zu dieser angenehmen Unberechenbarkeit gelingt es dem Remake von Anfang bis Ende einen extrem hohen Adrenalinpegel zu halten – Zeit zum Verschnaufen wird nur selten gewährt und meist reiht sich ein grauenhafter Vorfall an den nächsten. Herausragend ist hierbei die glaubwürdig agierende Rebecca De Mornay als neurotische Übermutter. Sie hält nach außen gutes Benehmen und moralisches Verhalten hoch, geht aber für den Schutz ihrer vier Kinder gnadenlos über Leichen. Ihre Bestrafungen für Menschen, die unartig waren, sind drakonisch und lassen beim Betrachter ein flaues Gefühl im Magen zurück.

Trotz einiger expliziter Gewaltdarstellungen punktet „Mother’s Day“ auf der psychologischen Ebene und hält vor Augen zu was Menschen imstande sind, wenn es um ihr eigenes Überleben geht – oder das der Familie. Spannender, unverbrauchter und immer wieder überraschender Nervenhorror.

Geekometer:

tentakel_7v10